Reise

Wildes Biberland

Rund 100 Jahre lang galt der Biber in Bayern als ausgestorben. Von der hessischen Rhön aus hat sich Europas größtes Nagetier den Freistaat jedoch zurückerobert.

Es ist ein überaus stattliches Bauwerk, das sich die Biber in den Auen des Flüsschens Sinn errichtet haben. Von einer hölzernen Plattform aus, die vom Ufer rund 10 Meter in das Feuchtgebiet hinein ragt, ist die Biberburg deutlich zu erkennen. „So hautnah wie hier kann man den Biber nur an ganz wenigen Orten in Deutschland erleben“, schwärmt Biber-Experte, Robert Hildmann. Der Leiter der Schlossgärtnerei im Staatsbad Bad Brückenau gibt sein fundiertes Wissen über „Meister Bockert“ – wie der Biber in Fabeln genannt wird – gerne an die Besucher weiter. Einige Gäste sind sogar nur wegen des possierlichen Nagetiers in das Heilbad zu Füßen der Rhön gereist. Die Biberplattform ist von den Kuranlagen etwa zwei Kilometer weit entfernt und über einen von Bäumen und Auenlandschaften gesäumten Weg gut zu erreichen. Mehrere Schautafeln geben Auskunft über das Säugetier, das bis zu 25 Kilogramm schwer und (inklusive Schwanz) bis zu 1,40 Meter lang werden kann.

Etwa 15 Millionen Jahre lang waren Biber in ganz Bayern zuhause, wurden im Laufe der letzten Jahrhunderte aber gnadenlos gejagt. „Mönche verzehrten den Biber als Fastenspeise“, erklärt Robert Hildmann. „Denn der Biber hat einen schuppigen Schwanz, lebt im Wasser und ging somit als Fischgericht durch.“ Aber auch wegen seines dichten Pelzes wurde das Nagetier getötet sowie wegen des Bibergeils. Das Sekret, mit dem Biber ihr Fell pflegen, war jahrhundertelang ein begehrtes Arzneimittel. „Im Jahr 1867 wurde in Bayern der letzte Biber erlegt“, weiß Hildmann. Unerbittlich verfolgt, war der Biber Anfang des 19. Jahrhunderts nicht nur in Bayern ausgerottet, sondern auch europaweit fast verschwunden. Von 1966 bis Anfang der 1980er Jahre wurden vom Bund Naturschutz in Bayern e.V. mit Genehmigung des damals zuständigen Landwirtschaftsministeriums etwa 120 Biber aus Russland, Polen, Frankreich und Skandinavien an mehreren Stellen ausgesetzt – mit Erfolg. Der Bestand hat sich seitdem erholt – allerdings zum Leidwesen mancher Bauern, weil die Tiere durch ihre Dämme manchmal Wiesen unter Wasser setzen. Für Naturschützer wie Hildmann ist die Rückkehr des Bibers jedoch ein Segen: „Er renaturiert Bäche und legt Feuchtgebiete an. Davon profieren auch viele andere Tiere wie Amphibien, Insekten und Fische, aber auch extrem seltene Arten, wie der Eisvogel, der Laubfrosch und die Grüne Flussjungfer, eine Libellenart. Biberreviere zählen zu den artenreichsten Biotopen im Freistaat.“

Dass die Biber überwiegend nachts aktiv sind und tagsüber schlafen, hat Hildmann seinen Gästen bereits unterwegs berichtet und prompt senken alle die Stimmen, als die Biberburg in Sichtweite kommt. Es wirkt, als hätten sie Angst, dass der Nager, den viele nur aus der Zahnpasta-Werbung kennen, seine Siebensachen packt und sich ein anderes Revier sucht, wenn er im Schlaf gestört wird. Diese Sorge kann Hildmann jedoch ausräumen: „In der Burg wohnt eine Biberfamilie mit bis zu 6 Tieren. Sie leben seit Jahren hier. Wer früh morgens oder in der Dämmerung eines lauen Sommerabend auf die Plattform kommt, hat sogar gute Chancen, die Biber bei ihren Aktivitäten zu beobachten.“

Auch Kurdirektorin Andrea Schallenkammer freut sich über die kuscheligen Nachbarn mit den schwarzen Knopfaugen. „Gerade für Familien und Gäste aus den Städten ist der Biberlehrpfad mit der Plattform ein besonderes Erlebnis und bereichert natürlich das Freizeitangebot unseres Staatsbades“, sagt sie. Zu letzterem zählt eine Minigolf-Anlage, Tennisplätze, ein Spielplatz, ein kleiner Tiergarten (Rhönschafe, Ziegen, Kaninchen, Meerschweinchen und Hühner teilen sich am Rande des Schlossparks mehrere Gehege), ein Streichelzoo, ein Schmetterlingsgarten und eine Wildblumenwiese, die jedes Jahr eigens für selten gewordene Bienenarten angesät wird. Aber auch dank seiner zentralen Lage mitten in Deutschland, der guten Autobahnanbindung und wegen des guten Preis-Leistungsverhältnisses ist das Staatsbad bei Familien zunehmend gefragt.

Und auch bei Romantikern kommt es gut an. Vor 150 Jahren diente das Heilbad dem wohl bedeutendsten König der Bayern, Ludwig I., und seiner Mätresse, Lola Montez, als Liebesnest. Auf dem Weg zur Biberplattform kommen Robert Hildmann und die Teilnehmer seiner Biberführung auch an einer riesigen, 850 Jahre alten Eiche vorbei. Der Baum ist das Sorgenkind des Chef-Schlossgärtners. Ihr fast acht Meter dicker, bemooster Stamm ist ausgehöhlt, mit Stahlträgern müssen einige Äste der altersschwachen Eiche gestützt werden. „Unter diesem Baum hat der König Liebesbriefe und Gedichte für seine Lola geschrieben“, weiß Hildmann lenkt die Blicke seiner Gäste hinüber auf den malerischen Schlosspark mit seinen vanillegelb gestrichenen Villen und Pavillons. Es ist in der Tat wunderschön hier, besonders im Frühling, wenn im Barockgarten die Kastanien blühen.