Reise

Wildnis des Nordens

Das Peenetal lässt sich gut im Kanu erkunden. Im Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen geht man zu Fuß.

Gleich werdet ihr den Amazonas des Nordens erleben“, sagt der Kanuführer Frank Götz, ein kräftiger Mann Anfang fünfzig, der seine Haare mit einem Stirnband bändigt. Er steht am Ufer der Peene, verteilt Rettungswesten und hilft beim Einsteigen in die Paddelboote.

Und los geht die Peenesafari auf dem breiten, stillen Fluss, gesäumt von urwüchsiger Natur. An den Ufern schieben sich dicke Baumstämme ins Wasser. „Schau mal, die sind von Bibern angenagt“, sagt Frank vorn im Kanu. Dann schippert er vorsichtig zu einer Biberburg aus meterhoch aufgetürmten Ästen, die im Unterholz aufragt. Doch die großen Nager lassen sich nicht blicken. Wenig später kreist ein Seeadler hoch oben über den Paddlern. „Der Fluss ist wieder enorm fischreich, seit große Flächen nach der Wende renaturiert wurden“, sagt Frank, der aus dieser Gegend stammt. Außerdem könne man schillernde Eisvögel beobachten, Stelzenläufer, Reiher, den Großen Brachvogel und 150 weitere Vogelarten.

Die Peene, das sind 83 Kilometer unverbauter Fluss mit zahlreichen Nebenarmen und deren urwaldähnlichen Uferzonen. „Schon in der Eiszeit ist das Durchströmungsmoor des Peenetals mit seinen seltenen Tier- und Pflanzenarten entstanden“, berichtet Frank Hennicke, der Leiter des Naturparkzentrums von Stolpe. Es sei das letzte zusammenhängende Niedermoorgebiet Mittel- und Westeuropas. „Flusslandschaft Peenetal“ nennt sich der jüngste Naturpark Mecklenburg-Vorpommerns, den man nicht nur ein paar Stunden im Kanu, sondern auch auf einem Solarboot oder sogar tagelang mit einem „Abenteuerfloß“ samt Hütte darauf erkunden kann.

Stolpe liegt nahe Anklam am Südufer der Peene. In dem kleinen Ort mit nur 200 Einwohnern steht die Ruine eines Benediktinerklosters aus dem Jahr 1153, des ältesten Klosters in Pommern. Nicht ganz so alt ist das Herrenhaus Stolpe, um 1850 erbaut als Wohnhaus der Gutsherren inmitten eines weitläufigen Parks, bis zum Zweiten Weltkrieg im Besitz der Familien von Bülow. In der DDR-Zeit diente das Gehöft als Sitz des Volkseigenen Gutes (VEG) Saatzucht und als Lehrlingswohnheim. Heute ist das Anwesen nahe der Peene ein komfortables Hotel samt Sternerestaurant. Paddler dürfen auf der Wiese zelten. Abends trifft man sich im alten Stolper Fährkrug und hockt auf der „Fritz Reuter Bank“ bei einem rustikalen Menü.

Paddler dürfen auf der Hotelwiese zelten

Aufbruch früh am nächsten Morgen zur Halbinsel Jasmund weit im Norden Mecklenburg-Vorpommerns auf der Insel Rügen. Nicht ums Paddeln geht es dort, sondern um einen Wald, der die Eiszeit überlebt hat. Der Ranger Frank Meier erwartet die Ausflügler am Eingang des Nationalparks Jasmund, um mit ihnen von Sassnitz bis zum Königsstuhl durch den geschützten Buchenwald zu wandern. „Wir sind stolz darauf, dass die Unesco 2011 einen Teil unseres Nationalparks zum Unesco-Welterbe ‚Alte Buchenwälder Deutschlands‘ deklariert hat“, sagt er.

Ranger Frank öffnet den Besuchern die Augen für den Boden, auf dem sie wandern. „Das sind Stauchwellen aus der Eiszeit, die Hügel bilden“, erklärt er zum Beispiel. „Da ist Kreide gestaucht worden.“ Er zeigt den Wanderern das „Schluckloch“ - eine tiefe Stelle, in der Wasser „geschluckt“ wird. Wenn im versumpften Moor der großen Stubbenwiese die Schwertlilien blühen, ist es besonders schön, durch diese magische Wildnis zu streifen. Frank kniet sich unter den Bäumen hin, wischt die alten Blätter zur Seite und gräbt tief aus der schwarzen Erde Kohlestückchen. „Die sind 300 Jahre alt und stammen aus der Zeit der Leibeigenschaft auf Rügen“, erklärt er den verblüfften Wanderern. „So mühsam mussten die Bauern damals Holzkohle aus dem Boden herausholen.“ Tief im Wald stößt man auf die Stammesgräber steinzeitlicher Jäger und Sammler. Auf das sogenannte Pfenniggrab zum Beispiel, das aus einer Umrandung von tonnenschweren Findlingen bestand. In diesem Nationalpark gebe es noch mindestens fünf dieser Hünengräber, 53 seien es auf ganz Rügen. Ein schmaler Pfad führt zu der einstigen Herthaburg hinauf, einer heute noch 17 Meter hohen Wallanlage, die aus der Zeit der slawischen Besiedlung Rügens vom 8. bis zum 12. Jahrhundert stammt. Darunter schimmert zwischen dichtem Laub der Herthasee, der Schwarze See am Burgwall. In der Nähe liegt der große Sagenstein, auf dem drei mystische Fußspuren zu sehen sind. Der Sage nach ging es um die Reinheitsprobe einer Jungfrau, die verdächtigt wurde, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.

Geheimnisvoll, als wäre es das Land der Trolle, wirkt dieser Wald, in den der Mensch nicht eingreift. Bäume und Pflanzen sterben, es bilden sich wilde Dickichte, hellgrüne Feuchtwiesen und Niedermoore zwischen frischem Buchengrün. Nahe der Steilküste ist das Zusammenspiel von Vergehen und neuem Leben von besonderer Schönheit. Dann, direkt am Steilhang, bricht die Sonne durch und beleuchtet eine märchenhafte Kulisse aus spitz aufragenden Kreidekliffs und sattgrünen Buchenwäldern, die hoch über dem blauen Meer und dem schmalen Strandstreifen thronen. Vom Kreidefelsen „Victoria-Sicht“ haben die Wanderer später den schönsten Blick auf den König der Kreideküste, den 118 Meter hohen Königsstuhl.

Tiefe Schilfbuchten säumen das Ufer

Kaum bekannt ist das Naturparadies auf der äußersten Spitze des Lebbiner Hakens, im Nordwesten auf der Halbinsel Lebbin jenseits des Großen Jasmunder Bodden gelegen. Tiefe Schilfbuchten säumen das Ufer und öffnen sich zu Sandstränden. Vom kleinen Hafen aus kann man fischen gehen oder Fischadler und Kraniche beobachten. Im Erlenwäldchen leben Dachs, Marderhund und Nerz. Inmitten von Obstbäumen steht das Gästehaus Lebbin im Stil eines alten Landhauses, das 2016 eröffnet wurde. Mehr als zehn Jahre lang hat der 52-jährige Jörg Czycholl, in seinem früheren Leben Ingenieur, an der Verwirklichung seines Naturresorts am Lands End von Lebbin gearbeitet. „Lebbin ist fast wie ein Boot, und ich bin der glücklichste Mensch“, sagt er.