Reise

Winter auf Wangerooge

Archivartikel

Auf der ostfriesischen Insel Wangerooge bläst der Seewind den Kopf frei und drückt den Aus-Knopf bei gestressten Festländern. Seit 2014 zählt Wangerooge zu den zertifizierten Thalasso-Regionen Europas, und man muss kein Geld ausgeben, um die Heilkraft des Meeres zu spüren.

Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt.“ Auch wer das Wangerooger Motto nicht kennt, spürt es. Von dem Augenblick an, als die Fähre andockt und sich die wenigen Besucher in den Waggons der Inselbahn verteilen, die in 15 Minuten mit 20 Kilometern pro Stunde durch Salzwiesen bis zum Hauptort zuckelt. Etwas, das zu Hause allgegenwärtig ist, fehlt: das ständige Hintergrundgeräusch von Motoren und Bremsen. Die einzigen Benziner, die auf Wangerooge verkehren, sind Rettungsfahrzeuge, daneben transportieren ein paar Elektrowagen Gepäck oder Gäste. Einige der gut 1300 Inselbewohner sind zu Fuß oder auf Drahteseln unterwegs, in der Ferne rauscht das Meer, das größte Kapital der Insel. Denn obwohl es ein gemeiner Stranddieb ist, tut es auch viel Gutes.

Wangerooge ist eine Insel, von der sich die Nordsee jeden Winter einen Teil des Hauptstrandes einverleibt – doch die Insulaner holen ihn zurück. „Ab März beginnen wir mit den Sandauffahrmaßnahmen“, sagt Ramona Engelmeier von der Kurverwaltung. Diese dauerten bis Anfang Mai. „Zehnerteams arbeiten in Schichten bei Niedrigwasser und holen den Sand aus dem Osten, wo weniger Strömung herrscht.“ Doch der Stranddieb ist gleichzeitig ein günstiger Therapeut – mit Thalasso-Diplom von 2014. „Thalassa“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet Meer, Thalasso ist die Heilkraft des Meeres. Massagen, Meerwasserbäder und Schlickpackungen gibt es im Gesundheitszentrum und im Erlebnisbad an der Promenade. Von Oktober bis Mai starten Klimatherapien vom Luftbad zum Seebad, mit schrittweiser Gewöhnung ans Reizklima, um den Stoffwechsel anzuregen und das Immunsystem zu stärken. Doch Vorsicht: „Wer aus Süddeutschland kommt, sollte es ruhig angehen lassen. Er ist das Klima nicht gewöhnt und nach zwei Stunden müde und immer hungrig“, weiß Engelmeier.

Dabei kann man „Thalasso“ auch genießen, ohne einen Cent auszugeben. Seeluft reicht aus, um die Atemwege zu befreien. Für autonome Besucher führt eine Karte mit Thalasso-Therapiewegen rund um den Bade- und Burgenstrand oder durchs Dorf, bei denen die Reizintensität angegeben ist und die sich daran orientiert, ob man am offenen Meer oder von Deichen und Häusern geschützt läuft. Gute Wege für Süddeutsche sind die Straße oder der Fußweg zum Westen, die parallel zueinander verlaufen. Dort verbinden sich Meer und Inselgeschichte, es geht vorbei an der Kriegsgräberstätte zum Gedenken an 20 Menschen, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Bunker ums Leben kamen. Weiter führt der Thalasso-Weg zum Aussichtspunkt hinterm Bielefeld-Haus. Hier bewundern die Gäste bei schönem Wetter den Sonnenuntergang. Bei Sturm und Regen hat man den Ort für sich.

Wer bei nordischem Schietwetter lieber nahe von Einkehroptionen bleibt, geht mit Heike Hanken auf einen Thalasso-Dorfbummel. Sie ist eine echte Wangeroogerin, wenngleich nicht auf Wangerooge geboren. „Offiziell wird das niemand, wir haben nämlich kein Krankenhaus“, sagt sie. Die ersten Häuser im heutigen Dorf entstanden 1863, nachdem eine Sturmflut zu Silvester 1854/55 das erste Dorf im Westen überflutet hatte.

Etwas oberhalb des Hauptplatzes liegt die Robbenstraße, die älteste Straße. „Hier lebte ein Robbenjäger, der die Tiere vor seinem Haus zerlegte. Deswegen stank es immer nach Tran“, erzählt Hanken. Ihr Elternhaus in der Robbenstraße ist das älteste im Dorf und direkt neben dem Café Famoos – mit der einzigen Ampel auf Wangerooge. Steht sie auf Grün, ist das Café geöffnet. Rot signalisiert schon von Weitem, dass man sich den Aufstieg von wenigen Metern sparen kann.

Auf der Turmspitze des Alten Leuchtturms, 1856 in Betrieb genommen, thront die gusseiserne Zahl 1926. „1926 wurde der Leuchtturm um fünf Meter aufgestockt, denn die Hotels an der Promenade waren so hoch geworden, dass die Schiffe den Turm nicht mehr sahen.“ Was die Seereise noch gefährlicher machte. Darum hängt in der evangelischen St.-Nikolai-Kirche nebenan eins der typischen Votivschiffe. „Die Seeleute bauten sie nach echtem Vorbild und schenkten sie der Kirche ihres Heimatdorfs zum Dank für ihre sichere Heimkehr.“ Das alte Dorf im Westen habe gar keine Kirche besessen, nur einen Kirchenraum im als Landmarke dienenden Turm. „Wichtiger waren dort die dritte und vierte Etage, wo man Strandgut sammelte – eine illegale Einnahmequelle für arme Insulaner, denn Strandgut muss man in Deutschland eigentlich abgeben.“ Doch damals habe sogar der Pastor für einen gesegneten Strand gebetet. Heute ist das nicht mehr nötig. Heute reicht Thalasso. Gischt auf dem Gesicht. Oder ein Spaziergang mit Wangerooger Urgesteinen wie Heike Hanken, bei dem man in schönstem Reizklima einen kleinen Einblick in das entspannte Leben auf einer Insel bekommt, die sich selbst als Synonym für Erholung sieht.