Reise

Wo der Wildbach rauscht

Archivartikel

Der Schwarzwald punktet nach wie vor mit seiner landschaftlichen Schönheit und der Gelegenheit zu fast absoluter Ruhe. Der kleine Ort Schönmünzach im malerischen Murgtal ist ein Paradebeispiel dafür.

Lange Zeit galt er als bieder: der Urlaub im Schwarzwald. Wandern und Kirschtorte waren für manche gar Inbegriff von Langeweile. Und als Billigflieger für wenige Dutzend Euro Tausende Kilometer zurückzulegen begannen, da schien sein Niedergang endgültig besiegelt. Doch weit gefehlt: Ungeachtet derart schwieriger Rahmenbedingungen schafft es der Schwarzwald-Tourismus, sich zu behaupten – auch dort, wo er im 19. Jahrhundert begann: im kleinen Schönmünzach im malerischen Murgtal.

Die Anreise in den 500 Einwohner zählenden Ort, der heute zur Gemeinde Baiersbronn gehört, kann mit dem Zug bis zur urigen Bahnstation erfolgen oder mit dem Auto. Unweigerlich kommt einem am Steuer das Bonmot in den Sinn, besser nicht zu sehr aufs Gas zu treten; ansonsten hätte man den Ort durchquert, ohne es bemerkt zu haben.

Die Straße verläuft parallel zum Flussufer der Murg und markiert einen Abschnitt der historisch gewachsenen, zentralen Verbindung, die bereits seit 1830 als Postkutschenstrecke genutzt wurde. Diese für den Schwarzwald einst ja keineswegs übliche gute Anbindung sorgte auch dafür, dass sich hier Tourismus entwickeln konnte, den man damals noch Fremdenverkehr nannte.

Suche nach der heilen Welt

Vor allem Menschen aus den Städten suchten die romantische, ja fast schon mystische Abgeschiedenheit, die bereits im Wort „Schwarz“-Wald zum Ausdruck zu kommen scheint; doch die erhoffte heile Welt hat es auch hier so nie gegeben.

1811 wurde mit dem „Waldhorn“ das erste Hotel Schönmünzachs eröffnet, Dutzende Pensionen und Gaststätten folgten. Privatleute zogen in die letzte Ecke ihres Hauses, um Zimmer an „Luftschnapper“ vermieten zu können, wie die Touristen damals hießen. Ein kräftiger Schub erfolgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Anschluss des Ortes an die Bahn und seit den 1920er Jahren dank der sukzessive entstehenden Schwarzwaldhochstraße.

Mit der Erhebung zum Kneipp-Ort 1953 nahm Schönmünzach am starken Nachkriegs-Boom des Schwarzwald-Tourismus teil – und an seiner Krise seit den 1970er Jahren. Deren Spuren sind im Ortsbild nicht zu übersehen. Das einstige Kurhotel „Alte Post“, dessen Gästebücher ab 1870 badische Prinzen und russische Fürsten vermerkt hatten, wird heute als Klinik genutzt; das „Schiff“, ein äußerlich entsprechend gestaltetes Ausflugslokal mit Terrasse in der Ortsmitte direkt am Fluss, steht seit vielen Jahren leer.

Manch andere Gaststätte und Herberge ist gefolgt. Frisches Mauerwerk in einigen Fassaden lässt erahnen, wo einst Schaufenster von Geschäften bestanden. Einen Laden gibt es noch – mit Süßigkeiten, Rauchwaren und Ansichtskarten; sein freundlicher Inhaber ist zugleich Betreiber der Postagentur.

Vom Wandern zur Wellness

Diejenigen Gastro- und Hoteleriebetriebe, die überlebt haben, behaupten sich – wenn sie Ideenreichtum, Innovationsfähigkeit und den Mut dazu beweisen. Das 4-Sterne-Haus „Sonnenhof“ hat vor einigen Jahren kräftig erweitert. Hier wie im „Holzschuh“ wurden Schwimmbecken eingebaut, die heutzutage von den Gästen auch in einem Schwarzwalddorf erwartet werden. Ergänzt wird dies durch Angebote wie Massagen, die den Wandel vom Wandern zur Wellness bringen sollen.

An den Rändern des Ortes bestehen mit dem „Auerhahn“ und dem „Sackmann“ Gastrotempel überregionalen Rufes. Das 1932 gegründete Hotel Klumpp im Ortskern wiederum ist für seine Torten bekannt. Dazu gibt es nach wie vor Einfach-Solides wie das 1878 gegründete Gasthaus „Grüner Wald“, das selbst gemachte Maultaschen anbietet.

Das Publikum im Ort ist eher gesetzt. Nur an den Wochenenden mischen sich junge Paare dazwischen, um von Freitag bis Sonntag ganz für sich zu sein und alles um sich herum zu vergessen. Und das können sie. Sogar in Spitzenzeiten herrscht hier Ruhe, fährt kaum ein Auto, abends sind die Wege nahezu menschenleer. Auf den Balkonen der Hotels am Bach kann man hören, wie er plätschert oder etwas lyrischer formuliert „Wo der Wildbach rauscht“, um den Titel eines berühmten Heimatfilms der 1950er Jahre zu verwenden.

Doch das wird von jenen, die hierher kommen, bewusst gesucht. Die ungestörte Ruhe, die für andere Langeweile sein mag, ist gerade das Plus dieser Gegend – gepaart mit ihrer landschaftlichen Schönheit am Eingang des neu ausgewiesenen Nationalparks Nordschwarzwald. Und viele Wege sind nicht nur für passionierte Wanderer geeignet, sondern dank geringer Steigung auch für eher ungeübte Spaziergänger.

So etwa der Weg entlang der Schönmünz, jenem Bach, der dem Ort seinen Namen gab. Auf dieser Strecke landet der Ausflügler nach etwa einer Stunde im Gasthof „Zum Mohren“; er hat zwar auch schon bessere Zeiten gesehen, lädt jedoch nach wie vor zum Einkehren ein: Ein Schnitzel mit Brot ist hier für unschlagbare 7,20 Euro zu haben.

Attraktion im Garten ist ein historischer Grenzstein, der die frühere Trennung zwischen Großherzogtum Baden und Königreich Württemberg markiert: Auf der einen Seite des Baches steht man in Baden, auf der anderen in Württemberg.

Noch kurioser wird es im Ortskern in der katholischen Johanneskirche, einem charakteristischen Kirchenbau der Nachkriegsjahre: Der Altar steht im früheren Württemberg, der Kirchturm in Baden. Da sage noch mal einer, dass Religion keine Grenzen überwindet.