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Wo die nettesten Schweizer zuhause sind

Archivartikel

Adelboden liegt in einer Sackgasse, die am Ende ein alpines Amphitheater bildet. Dreitausender schotten hier das Berner Oberland gegen das Wallis ab. Die Einheimischen sprechen stolz vom „schönsten Talabschluss der Welt“.

Draußen wirbelt ein Schneesturm um die Häuser. In der Werkstatt von Fritz Bircher dagegen ist es warm. Denn Herr Bircher bügelt, mit Sorgfalt, Hingabe und einem Lächeln auf den Lippen. Es sind aber keine Wäschestücke, über die er das heiße Eisen führt, sondern die Laufflächen von Skiern. Fritz Bircher ist Spezialist für das perfekte Skiwachsen. Sein Sportgeschäft liegt nur einen Steinwurf von der Weltcup-Piste am Chuenisbärgli entfernt. „Auf die Ski der Rennläufer werden zig Schichten Wachs aufgetragen“, erklärt Bircher, bevor er mit einer Bürste den Laufflächen das Finish gibt.

Adelboden im Berner Oberland liegt auf 1353 Meter Seehöhe, aber sein weitläufiges Skigebiet führt bis auf 2300 Meter unterhalb des Dossen hinauf. Der Gipfel des Dossen erhebt sich oberhalb der Engstligenalp, die vor allem als Familienskigebiet genutzt wird. Mit der Gondelbahn geht es steil hinauf, über den gewaltigen Wasserfall, der sich Hunderte von Metern zu Tal stürzt. Im Winter zeigt er sich als im Frost erstarrtes Naturwunder mit Eisformationen wie die Falten eines Madonnenmantels. Oben an der Bergstation finden sich einige Schlepplifte, dazu eine Höhenloipe und ein Rundwanderweg für Winterfeste. Die Alp präsentiert sich als überschaubares Winterziel wie anno dazumal.

Der Eis-Wasserfall ähnelt einem Madonnenmantel

Bei schönem Wetter ist der Blick auf das allmächtige Wildstrubelmassiv überwältigend. Bei schlechtem Wetter verziehen sich die Gäste am liebsten in das riesige Iglu mit seinen sechs Stuben aus Eis und Schnee, wo Käsefondue serviert wird. Auf Rentierfellen sitzt man vor der legendärsten aller Schweizer Spezialitäten, die auch in der Kälte heiß bleibt, weil sie ja beständig auf kleiner Flamme köchelt. Und der Service ist alles andere als frostig, sondern überaus freundlich.

Das passt zur Adelbodner Art. „S’isch gäbig hie“, pflegen die Einheimischen zu sagen, wenn sie erklären wollen, was ihr Dorf ausmacht. Das meint ganz bescheiden, dass es einfach angenehm sei, hier zu sein. So muss es auch dem Hirten gegangen sein, welcher der Sage nach dem Ort seinen Namen gegeben haben soll. Ein paar seiner Tiere waren ihm ausgebüxt. Er ging sie suchen und fand sie auf einem Plateau mit saftigem Gras. So schön erschien ihm dieser fruchtbare Flecken Erde, dass er ihn fortan „adligen Boden“ nannte.

Glücklich wie der Hirte im Märchen wirken auch die Brüder Trummer. Melchior und Kurt arbeiten als Holzschnitzer. Es gibt einen Laden im Zentrum von Adelboden, aber viel schöner ist es, sich auf einer Winterwanderung über den Weiler Aussergeschwand und die froststarre Cholerenschlucht zu ihrer Werkstatt im Blattliweg 11 aufzumachen. Drinnen duftet es nach Holz und die beiden Brüder zeigen geduldig, wie die haarfeine Struktur eines Tierpelzes gearbeitet wird. „Schnitzen geht nicht viel anders als Kartoffelschälen“, sagt Melchior grinsend und zeigt die gekrümmte Klinge des kleinen Messers.

Geübt im Umgang mit Touristen

Die Adelbodner gelten schweizweit als besonders liebenswürdiger Menschenschlag, was damit zusammenhängen mag, dass sie seit Langem Erfahrung mit Urlaubern haben. Schon 1872 kamen die ersten Gäste und bereits um 1900 setzte mit den Wintersport-Pionieren ein regelrechter Bauboom ein. Insgesamt sieben Grandhotels entstanden, gigantische Bauten mit Erkern und Türmchen. Der Erste Weltkrieg trieb die meisten Hoteliers in die Pleite, die Prunkbauten verfielen, wurden abgerissen. An die Hotelpaläste erinnert allenfalls noch das inzwischen trendig-modern ausgestattete The Cambrian, vormals Grand Hotel Regina.

„Was die Adelbodner auszeichnet? Sportiv und gottesfürchtig sind die Einheimischen, vor allem aber auf eine gute Art selbstzufrieden“, meint Franziska Richard, Besitzerin des Parkhotel Bellevue, dem ersten Haus am Platz. Das Bellevue, ein Steingebäude im Stil der neuen Sachlichkeit um 1930, zeichnet sich nicht durch protzenden Luxus, sondern durch eine unaufdringlich gehobene Gastlichkeit aus. Nur wenige Schritte vom

Haus entfernt liegt die Talstation der Tschentenalpbahn. Oben wartet ein weiteres kleines Skigebiet, das vor allem von Einheimischen genutzt wird. Neben wenigen blauen und roten Pisten gibt es eine Schlittenbahn, die in zwei Varianten zu Tal führt. Sie wird nicht nur mit Rodelschlitten befahren, sondern auch mit dem in Adelboden höchst beliebten „Skibock“, einer Art Schemel mit Kurzskiern darunter. Man kann sich die rasanten Gefährte an der Bergstation ausleihen. Die Tschentenalp ist auch der Startpunkt der wohl schönsten Winterwanderung: 600 Meter Abstieg mit weitem Panoramablick in einsamer weißer Landschaft. Jetzt aber ist es Zeit, wieder auf die Bretter zu kommen, um die weitläufige Skiarena zwischen Luegli, Hahnenmoos, Lavey und dem Chuenisbärgli im Pistensturm zu erobern.

Gemessen an den verkauften Skipässen gehört das Gebiet nach Zermatt und St. Moritz zu den „Top-3-Skigebieten“ der Schweiz, wie Tourismusdirektor Urs Pfenniger betont. Rund 210 Pistenkilometer kommen durch den Verbund mit Lenk im Simmental zusammen.