Reise

Wo die wilden Gänse rasten

Archivartikel

Es ist ein Naturschauspiel am Niederrhein: Bis zu 100 000 arktische Wildgänse überwintern zwischen Kleve und Duisburg. Ausflügler können die Gäste aus dem hohen Norden auf geführten Touren beobachten.

Nieselregen hängt über dem Flachland, Kirchtürme in der Ferne verwischen im Nebel. Grau in Grau zeigt sich die Düffel an diesem Wintersonntag. „Der Regen stört die Gänse nicht, es sind ja Wasservögel“, sagt Andrea Schulze, Natur- und Landschaftsführerin. Ihren Gäste zeigt sie an diesem Tag am unteren Niederrhein bei Kleve ein besonderes Naturschauspiel: arktische Wildgänse.

Die Düffel ist ein 3800 Hektar großes Naturschutzgebiet am Rhein. Die Landschaft mit ihren Kuhweiden, Mais- und Getreidefeldern gilt als ein Hotspot für allerlei Federvieh. Grau-, Saat- und Weißwangengänse, aber vor allem arktische Blässgänse fallen hier seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit Anfang November zum Überwintern ein. Außerdem beobachten lassen sich Möwen, Grau- und Silberreiher, Weißstörche und einst aus Volieren ausgebüxte Nil- und eingewanderte Kanadagänse, die links und rechts des Niederrheins ganzjährig zu Hause sind.

Winterquartier am Niederrhein

Andrea Schulze ist mit Naturschützerin Mona Kuhnigk in der Düffel unterwegs - und mit rund 50 Busreisenden. „In unserem Gebiet können es bis zu 80 000 Blässgänse sein, in Nordrhein-Westfalen insgesamt etwa 200 000“, schätzt Kuhnigk, die in der Nabu-Station in Kleve arbeitet, anhand der jährlichen Zählungen.

Die Gänseschar findet beste Bedingungen vor: feuchte, eiweißreiche Wiesen für die Nahrungsaufnahme und ein mildes Klima, dazu ruhige Schlafplätze in Altrheinarmen und ehemaligen Kies- und Sandgruben. „In diesen stehenden Gewässern sind sie vor ihren Feinden, beispielsweise dem Fuchs, ziemlich sicher“, erklärt Schulze.

Neue Feinde gibt es für die Gänse allerdings bei Xanten auf der Bislicher Insel: Dort lauern die wieder heimisch gewordenen Seeadler auf fette Beute. Doch so richtig fett sind die wilden Wintergäste nicht, jedenfalls im Vergleich zu gemästeten Martinsgänsen.

Futtern nach der Fernreise

Die Blässgänse haben bei ihrer Ankunft am Niederrhein innerhalb von drei Monaten eine Flugstrecke von etwa 5000 Kilometern zurückgelegt und sind entsprechend ausgezehrt. Im Winterquartier wird das watschelnde Federvieh wieder rund und satt. „Unsere Gänse fressen täglich ein Drittel ihres Körpergewichts“, sagt Schulze. „Auf zwei bis drei Kilo Gans kommen 800 bis 1000 Gramm Gras. Das ist eine ganze Menge Grünzeug.“

Das Jahr der Blässgänse verläuft im Drei-Monats-Rhythmus: Von November bis Februar sind sie am Niederrhein. Drei Monate dauert der Rückflug zum Sommerquartier auf der subarktischen Taimyr-Halbinsel in der sibirischen Region Krasnojarsk. Dort folgen drei Monate Brutperiode und Aufzucht des Nachwuchses, schließlich gibt es erneut drei Monate Flug nach Südwesten zum Niederrhein.

Ein bedrohliches Gewässer

Natur und Kultur, beides wird während der Bustour vermittelt. Im Dörfchen Niel lassen Schulze und Kuhnigk die Gäste vor der Pfarrkirche Sankt Bonifatius aussteigen. „Schon die Römer haben Teile der Düffel trockengelegt, Holländer machten im 13. Jahrhundert die Auenlandschaft nutzbar“, sagt Schulze. „Sie zogen Entwässerungsgräben, und Bauern konnten sich ansiedeln.“ Doch bis heute gelten die Düffel und das benachbarte Naturschutzgebiet Salmorth als vom Hochwasser bedroht. Flutmarken am Nieler Kirchenportal zeugen von verheerenden Überschwemmungen: 1820 stand der Rhein hier 2,50 Meter hoch, 1850 waren es zwei Meter. Beim Jahrhunderthochwasser im Januar 1995 war auf der Halbinsel Salmorth das höher gelegene Dorf Schenkenschanz tagelang vom Hochwasser umspült, die 100 Bewohner waren nur noch per Boot erreichbar – wie eine Hallig in der Nordsee. Über schmale Landstraßen kurvt der Bus nach Zyfflich, dem Storchendorf am Niederrhein. Hier brüten seit 1995 ausgewilderte Weißstörche. An die 40 Storchenpaare sollen es Schulze zufolge am Niederrhein mittlerweile wieder sein. Hälse recken sich, Ferngläser werden gezückt: In der Ferne ist neben den Blässgänsen auch das Storchenpaar Jan und Marie zu erkennen. „Die beiden bleiben hier, der Weg nach Afrika ist ihnen zu weit. Sie finden auch im Winter noch genug Mäuse zu fressen.“

Hinüber geht es nach Holland, vorüber am tiefsten Punkt Nordrhein-Westfalens, 9,20 Meter über dem Meeresspiegel, zu einem Spaziergang über den haushohen Deich der Millingerwaard. Das 700 Hektar große Naturschutzgebiet ist nicht nur Rückzugsort von Gänsen und Wasservögeln, sondern auch Lebensraum der seit einigen Jahren angesiedelten Galloway-Rinder und halbwilden Konik-Pferden. Von Millingen geht es zurück nach Kleve. Die Gäste schwärmen. Seit den frühen 1990er Jahren bietet die Klever Naturschutzstation ihre Exkursionen an. „Gans nah“ ist das Motto der Bustouren in die einsame Auenlandschaft. Damit sollen auch die Besucherströme gelenkt werden, wie Kuhnigk erklärt. Denn die Gänse werden von einzelnen Besuchern gestört. Sobald ein Auto in ihrer Nähe anhält und Menschen aussteigen, fliehen die scheuen Überwinterer. In dichten Schwärmen steigen sie dann auf, landen Minuten später auf einer weiter entfernten Wiese und fressen weiter.

Auch Firmen buchen Naturexkursionen. Die Teilnehmer kommen den Gänsen dabei noch näher als die Bustouristen: Im Anschluss geht es manchmal in ein Restaurant zur Weihnachtsfeier – mit Gänsebraten. Natürlich nicht von den Wildgänsen.