Reise

Yaks in den Alpen

Archivartikel

Zottelige Himalaja-Rinder vor steiler Bergkulisse trifft man für gewöhnlich nur im Hochland Zentralasiens an. Außer man besucht Reinhold Messner in Südtirol und begleitet ihn Ende Juni beim Almauftrieb seiner Herde.

Die Kulisse könnte kaum schöner sein. Mit 3905 Metern erhebt sich der Ortler als höchster Berg Südtirols über die alpine Landschaft. Doch ausgerechnet heute, als sich schon in aller Frühe die ersten Wanderer an der Talstation von Sulden einfinden, um Reinhold Messner beim alljährlichen Almauftrieb seiner Yak-Herde zu begleiten, hat sich der König der Südtiroler Berge hinter dicken Regenwolken versteckt. Wenn man sich so umsieht, sind die meisten Leute aber bestes darauf vorbereitet: Bergsteigerschuhe, Trekkingstöcke, Alpinrucksäcke und robuste Bergklamotten aus wasserdichtem Stoff. „Wenn du mit einem in die Berge gehst, der alle Achttausender bestiegen hat, kannst du ja nicht in Jeans kommen“, sagt eine Frau, die ausgerüstet ist, als ginge es gleich auf den Nanga Parbat.

Mit den großen Yaks ist nicht zu spaßen

Bei schönem Wetter kommen mehr als 100 Touristen zum Almauftrieb und die Helfer wissen oft nicht, wen sie mehr im Zaum halten müssen, die Tiere oder die fotografierenden Leute. Doch heute gießt es den ganzen Tag in Strömen. Reinhold Messner stört das nicht im Geringsten. Denn der Almauftrieb findet bei jedem Wetter statt, schließlich war der inzwischen über 70-Jährige ja mal Extrembergsteiger. Und als Messner sich mit seiner Yak-Herde an der Talstation einfindet, perlen die Regentropfen bereits in kleinen Rinnsalen von seinen Haaren und seinem Bart wie auch von der Zottelmähne seiner Hochlandrinder. Es gilt also keine Zeit zu verlieren, um die Herde von Sulden, wo sie im Winter auf 1910 Metern lebt, in die kühlere Sommerfrische hinauf zu den saftigen Weiden rund um die Madritschhütte am Fuß der Königspitze auf über 2800 Meter Höhe ein Stück weit zu begleiten. Und so zieht die durchnässte Karawane langsam hinauf in Richtung Schaubachhütte. „Halten Sie Abstand, wenn Sie am Leben bleiben wollen“, mahnt Messner neugierige Urlauber. Denn mit den großen zotteligen Yaks ist nicht zu spaßen, wenn Kälbchen in der Herde mitlaufen, denen einige Gäste für ein paar niedliche Tierbilder oft zu nah auf die Pelle rücken. Pausen gibt fast keine und so verfallen die Wanderer irgendwann in diesen Trancezustand, in dem man monoton einen Fuß vor den anderen setzt und den Gedanken freien Lauf lässt. Steigen und schweigen. Am Ende der 45-minütigen, leicht zu bewältigenden Wanderung stellt sich Messner mit Hirtenstab noch einmal für die Fotografen in Pose, bevor er sich für seine Fans im Trockenen der Schaubachhütte Zeit für eine Autogrammstunde nimmt und erzählt, wie er damals zu seinen tibetischen Yaks kam. Die Wanderer wärmen ihre kalten Hände noch an einer heißen Tasse Jagertee und erfahren, dass Messner die Zotteltiere gar nicht selbst von einer Himalaja-Expedition mitgebracht hat.

In der ehemaligen DDR hatte man einst versucht, die robusten Hochlandrinder, die bis zu minus 40 Grad Kälte vertragen, mit heimischen Tieren zu kreuzen. „Ein absurdes wie auch erfolgloses Unterfangen“, meint Messner, der, als das Projekt 1985 abgeblasen wurde, 20 Yaks gekauft und in seine Wahlheimat nach Sulden gebracht hat.

Kommen die Yaks heim, müssen die Geranien rein

Einen Almabtrieb im Herbst gibt es jedoch nie. „Die Tiere haben ein extrem gutes Gespür für den ersten Schnee“, sagt Messner. Bevor der Winter hier oben in den Bergen Einzug hält, kehren sie von allein ins Dorf zurück. Sobald die Suldener dann die ersten Yaks zurückkommen sehen, wissen sie: Nun wird es höchste Zeit, die empfindlichen Geranientöpfe ins Haus zu holen.