Reise

Zartbittere Leckereien

Berlin feiert den 100. Geburtstag des Bauhauses. Fachkundige Bustouren erleichtern die Spurensuche und sorgen für die eine oder andere Überraschung.

Die schlechte Nachricht vorweg: Ausgerechnet in dem Jahr, in dem das Bauhaus seinen 100. Geburtstag feiert, ist die wichtigste Sehenswürdigkeit geschlossen: Das strahlend weiße Bauhaus-Archiv am Berliner Landwehrkanal mit seinen markanten gerundeten Spitzen, 1964 von Walter Gropius entworfen und 1979 eröffnet, steht inmitten einer unwirtlichen Baustelle. So ist die weltweit wichtigste Bauhaus-Sammlung mit dem Nachlass des Bauhaus-Gründers, legendären Stücken wie der Wagenfeld-Tischleuchte oder dem Freischwinger jetzt nur in reduzierter Form an anderem Ort zu sehen. „Schon als das Gebäude eröffnet wurde, gab es einen großen Aufschrei, weil es für Ausstellungen untauglich war“, erklärt Archiv-Mitarbeiterin Bettina Gürtler. „Gropius hatte ein von Licht durchflutetes Haus geschaffen. Doch um lichtempfindliche Objekte präsentieren zu können, mussten die Fenster teilweise zugehängt, die große Halle durch Raumteiler entstellt werden.“ Nun soll ein Turm aus Glas Abhilfe schaffen, während das alte Gebäude saniert wird.

Immerhin kann man es von außen bewundern und den Bauprozess mitverfolgen. Deshalb ist es auch Station auf der Bauhaus-Tour, die die Agentur art:berlin zu Leben und Arbeit der Bauhäusler in Berlin anbietet. Die dreistündige Spurensuche im Bus führt zu bekannten und weniger bekannten Architektur-Ikonen von Walter Gropius, anderen Bauhauslehrern und deren Schülern und lässt einen so manches überraschende Werk entdecken. Und wenn man von den völlig unterschiedlichen Bauten etwas ablesen kann, dann ist es dies: dass das Bauhaus kein einheitlicher Stil, sondern eine Schule war, aus der sich immer wieder Neues entwickelte und die noch lange nachgewirkt hat.

In Berlin, der letzten Station der 1919 in Weimar gegründeten Schule, war das Bauhaus nur eine kurze Episode. Aus Dessau vertrieben, wurde sie von Ludwig Mies van der Rohe 1932 als private Institution weitergeführt. Doch die kam schon 1933 der Schließung seitens der Nationalsozialisten durch Selbstauflösung zuvor. Sein letztes Werk war damals Haus Lemke, ein eigenwilliger, L-förmiger Bungalow mit Flachdach im Stadtteil Alt-Hohenschönhausen. Nach der Fertigstellung ging Mies van der Rohe wie viele andere Bauhäusler ins Ausland. Doch später wurden er und andere hier wieder tätig, als sich das Westberlin der Nachkriegszeit neu erfinden musste. Da ist zum Beispiel die Neue Nationalgalerie mit ihrer gläsernen oberen Halle am Rand des Potsdamer Platzes, mit der Mies 1962 beauftragt wurde. „Sie gibt eine Idee von Stadt vor, die mit hochqualitativen Solitären arbeitet“, sagt Gürtler. Für diese Art von Stadtplanung hat sie noch ein Beispiel parat: die Kongresshalle im Tiergarten, die heute das „Haus der Kulturen der Welt“ beherbergt. Mit ihrem Betondach, das sich in weitem Bogen über das Auditorium spannt, hat sie die Berliner zum Spitznamen „schwangere Auster“ inspiriert. Entworfen von Hugh Stubbins, der bei Walter Gropius in Boston gearbeitet hatte, war es ein Beitrag der USA zur Ausstellung „Interbau“ von 1957.

Hauptschauplatz dieses Internationalen Architekturwettbewerbs war das heutige Hansaviertel, das ein Stück weiter mit seinen Hochhäusern aus der Stadtlandschaft herausragt und an dem der Bus einen längeren Stopp einlegt. „Das war der Aufbruch in eine ganz neue Architektur-Sprache und in gewisser Weise die Antwort auf die Stalinallee, die damals im Ostteil der Stadt entstand.“ Unter den Architekten waren Namen wie Alvar Aalto, Le Corbusier oder Oscar Niemeyer. Und eben auch einige Bauhäusler. Bettina Gürtler zeigt das Hochhaus von Gustav Hassenpflug, der am Bauhaus in Dessau Möbelentwurf studiert hatte. Ein paar Schritte weiter erhebt sich ein neunstöckiges Wohnhaus von Walter Gropius. Charakteristisch sind nicht nur die Balkone mit weißen, segelartigen Balkonbrüstungen und Bauelementen aus Glas. Eine weitere Besonderheit ist, dass der ganze Baukörper nach Süden hin konkav gekrümmt ist: eine Umarmung des Tiergartens mit Licht, Luft und Sonne. Das kleinste und liebenswerteste Beispiel für Bauhaus-Gestaltung ist das Schokoladengeschäft Erich Hamann, das sich in einem Wohnhaus aus weißen Kacheln in Wilmersdorf versteckt. Eröffnet hat es der Konditor Erich Hamann, der sich schon in den 1920er Jahren auf Bitterschokolade spezialisiert hatte. Von außen am goldenen Schriftzug zu erkennen, verteilen sich innen Konfektschalen mit Mokka-Bohnen, Ingwerstäbchen und Rum-Trüffeln über die originale Inneneinrichtung mit Rundvitrinen, die der Bauhaus-Künstler Johannes Itten um 1928 entwarf. Wunderbar zeitlos und appetitlich, ist die kleine Architektur-Ikone ein besonderer Leckerbissen auf der Bauhaus-Tour – und hinterlässt einen nachhaltigen zartbitteren Nachgeschmack.