Reise

Schwäbisch-alemannische Fasnet Brauchtum ist in der Region tief verwurzelt

Zeit zum Fröhlichsein gab’s schon im Mittelalter

Archivartikel

„Narri-Narro“ schallt es aus allen Ecken, wenn traditionelle Fastnachtsumzüge, schaurige Masken oder fröhliche Hästräger flächendeckend am „Schmutzigen Donnerstag“ das Regiment übernehmen.

Oberschwaben, die abwechslungsreiche Ferienregion zwischen Bodensee und Donau, dem Allgäu und der Schwäbischen Alb feiert die schwäbisch-alemannische Fasnet. Und das nicht erst seit 2014, als die schwäbisch-alemannische Fastnacht in die nationale Liste der immateriellen Kulturerbe aufgenommen wurde. Die Fasnet ist örtliches Brauchtum, das seit Generationen in der Bevölkerung tief verwurzelt ist. „Hier gibt es kaum eine Stadt oder ein Dorf, wo die Narren während der Fasnacht nicht ihr fröhliches Unwesen treiben“, erklärt Daniela Leipelt, Chefin des Oberschwaben Tourismus. „Kaum eine andere Veranstaltung mobilisiert in Deutschlands Südwesten über das Jahr auch nur annähernd so viele Menschen wie die Fasnet“, so Leipelt, die die „fünfte Jahreszeit“ gerne als „baden-württembergisches Kultur-Event“ bezeichnet.

Redefreiheit für die Narren

Fastnacht, heute für viele die Faszination von Rollenspiel und Vermummung, wird schon im Mittelalter als eine „Zeit zum Fröhlichsein“ beschrieben, der hernach die Fastenzeit folgt. In Aulendorf ist rund jeder fünfte Bewohner Mitglied der Narrenzunft. Bereits 1679 bewilligten die Grafen von Königsegg ihren Lehnsleuten „einen Tag vor Mittwochen an Fastnachten ein Fastnatsspill“ zu treiben. Damals wie heute bringen die ,,Rätschen“ ungestraft all das an den Mann, was man das übrige Jahr über besser nicht sagt. Das Maskenpaar ,,Tschore“ und „Rätsch“ ergänzt sich sogar. Denn der ,,Tschore“ souffliert dem spitzzüngigen alte Weib, das jahraus jahrein geheime Begebenheiten sammelt und diese dann an der Fasnet austratscht. Doch eines beherzigen beide: Die Rede ist nur frei, wenn sie nicht verletzt oder beleidigt. Neben der Hexe sind in den Nachkriegsjahren auch die beiden Fasnetsfiguren ,,Fetzle“ und ,,Schnörkele“ entstanden, denen man trotz allem Unfug nicht böse sein kann.

Charakteristisch für die schwäbisch-alemannische Fasnet ist das Narrenkostüm, das meist aus einer holzgeschnitzten Gesichtsmaske sowie einem handgearbeiteten Narrenkleid besteht. Dieses „Häs“ wird meist über Generationen hinweg weitervererbt.Das Wort „Häs“, dem hier die Bedeutung von Gewand zukommt, wird übrigens auch außerhalb der Fastnacht im schwäbischen Wortgebrauch verwendet, wenn sonntags der feine Anzug zum Beispiel als „Sonndigs-Häs“ bezeichnet wird. Eine umfangreiche Sammlung historischer und heutiger Fastnachtsfiguren präsentiert das Zunft-Museum in Donaueschingen (http://www.narrenzunft-frohsinn.de/zunft-museum), wo alte Donaueschinger Hanselhäser und Gretletrachten zu sehen sind.

Süßes Naschwerk

Nach altem Brauch werden an Dreikönig die Masken abgestaubt. Von da an beginnen die ersten Veranstaltungen die ihren Höhepunkt am „Schmotzige Dunnschtig“ – dem Donnerstag vor Aschermittwoch erreichen und Spezialitäten wie den in Fett gebackenen Fasnetsküchle an alte Traditionen erinnern. Rein wirtschaftlich gesehen waren im Mittelalter Vorräte, die in den nachfolgenden sechs Wochen nicht konsumiert werden durften aufzubrauchen. Daraus entstanden ist ein gesellschaftliches Ereignis mit Tanz und Lustbarkeiten, in dem auch die Vermummung ihren Platz fand. Vor diesem Hintergrund hatten vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten die Möglichkeit, sich an den sechs Tagen vor Aschermittwoch auszuleben.

Für das historische „Bräuteln“, das den Höhepunkt der „Semmerenger Fasnet“ darstellt, gibt es in Donaueschingen eine mit cremiger Nougatmasse gefüllte Schokoladenstange. Nach alten Überlieferungen lässt sich der Brauch des Bräutelns seit dem Jahre 1723 belegen. Wer heiratet, wird an der Fasnet auf einer Stange unter Trommeln und Pfeifen um den Marktbrunnen herumgetragen. Noch heute werden Grüne Hochzeiter und Hochzeitsjubilare all jährlich eingeladen, diese Ehre anzunehmen und sich vor allem Volk auf der Stange zu präsentieren. Um die alte volkstümliche Fastnacht zu erhalten und zu pflegen, wurde 1912 die Narrenzunft „Vetter Guser“ gegründet und als traditionelle Herberge des Elferrates die 1864 gegründete Konditorei Seelos auserkoren. Sie bewahrt die süße Tradition. Neben süßen „Bräutelstangen“ begleiten sie zur Fastnachtszeit das Brauchtum auch mit Masken aus Marzipan zum Lokalkolorit. Sowohl die »Braune Fledermaus« aus dem Jahr 1965, der „Schlossnarro“ aus dem Jahr 1992 und die seit 1995 neu gewandete Traditionsfledermaus aus dem 19. Jahrhundert können daher als süßer Gruß aus der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet in aller Welt vernascht werden.