Reise

Zug für Zug durch Java

Archivartikel

Das Reisen kann ja manchmal schöner sein als das Ankommen. Wer sich zum Beispiel die Zeit nimmt, von der indonesischen Hauptstadt Jakarta mit dem Zug bis vor die Tore von Bali zu reisen, fährt durch tropischen Regenwald und malerische Reisterrassen, erlebt dramatische Vulkanlandschaften und geheimnisvolle Tempel.

Etwas verloren steht der Tourist in der Halle des Bahnhofs Gambir im Zentrum Jakartas. Sekunden später gesellt sich ein junger Mann mit hellblauer Schärpe zu ihm und fragt höflich, ob er behilflich sein könne. Es ist ein Mitarbeiter von Kerati Api, der indonesischen Eisenbahn, der Ausländern über die Klippen beim Ticketkauf helfen soll. Der Automat will einiges wissen: den kompletten Namen und die Reisepassnummer zum Beispiel. Und was er dann ausspuckt, ist auch kein Ticket, sondern eine Art Voucher, der unmittelbar vor Fahrantritt gescannt wird, erst dann gibt es das Ticket.

Der Tourist hat die erste Klasse, die Eksekutif-Klasse, auf der Fahrt nach Yogyakarta gewählt. Die dauert etwa acht Stunden und kostet weniger als 20 Euro. Dafür haben sich auch Manfred und Brigitte aus Essen entschieden. „Eigentlich wollen wir nach Bali“, erzählen sie, „aber solange der Vulkan grummelt, weiß man ja nicht, ob der Flughafen in Denpasar gerade offen ist. Bevor wir irgendwo auf einem Flughafen stranden, fahren wir lieber ein paar Tage Zug.“ Tatsächlich haben die Aktivitäten des Gunung Agung dem Staatsunternehmen Kerati Api zu einem ordentlichen Zusatzgeschäft verholfen. Einige Touristen aus Europa reisen nun über Java an und nehmen die dramatische Vulkanlandschaft Ostjavas oder das Weltkulturerbe Borobodur mit. Die Waggons im voll klimatisierten Zug sind mit dick gepolsterten Einzelsesseln ausgestattet. Über große Bildschirme flimmern zur Bordunterhaltung Gameshows, an denen verdiente Mitarbeiter von Kerati Api mitwirken dürfen. Das ist allerdings nicht halb so spannend wie die Landschaft, die vorüberzieht.

Fast eine Stunde dauert es, bis der Eksekutif-Express Jakarta mit seinen zehn Millionen Einwohnern quasi durch den Hinterhof verlassen hat, danach rollt er durch endlose flache, leuchtend grüne Reisfelder. Doch spätestens hinter Cirebon, wenn die Strecke von der Küstenregion in die Berge abbiegt, ändert sich das Bild. Nun bestimmen Reisterrassen in den unterschiedlichsten Grünschattierungen und Regenwald die Szenerie. Reis wird überall angebaut, selbst in schmalen, kaum zwei Meter breiten Streifen zwischen Bahndamm und Häuserfront. An jedem Bahnübergang warten Dutzende Motorroller darauf, dass sich die Schranken wieder heben. Java ist eine der am dichtesten besiedelten Inseln der Welt. Etwa die Hälfte der 260 Millionen Indonesier lebt auf Java, das nicht einmal sieben Prozent der Staatsfläche ausmacht. Am späten Nachmittag erreicht der Zug Yogyakarta. Hier residiert noch ein echter Sultan. Derzeit herrscht Hamengkubuwono X. in dem Sultanat, das einer Provinz gleichgestellt ist. Auch wenn der Begriff Sultanat angestaubt klingt: Yogyakarta ist erfrischend jung und unkompliziert und der Sultanspalast gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Yogya, wie die Einheimischen Yogyakarta nennen, ist das kulturelle und wissenschaftliche Zentrum Indonesiens. Es ist eine fröhliche, freie und ungezwungene Stadt, in deren Zentrum sich Bars und Biergärten an den großen Straßen aneinanderreihen, was in Zentral-Java keine Selbstverständlichkeit ist. An vielen Straßenecken machen Bands Musik, meist eine moderne Version des traditionellen Gamelan.

Wer Yogya besucht, kommt am buddhistischen Tempel Borobodur und seinem hinduistischen Pendant Prambanan nicht vorbei. Die Tempelanlagen sind riesig, beeindruckend und tragen den Titel Unesco-Weltkulturerbe. Beide entstanden etwa im 9. Jahrhundert. Im Spätmittelalter beschädigten Erbeben und Vulkanausbrüche die Tempel schwer und erst im 19. Jahrhundert entdeckte Thomas Stamford Raffles den Tempel von Borobodur wieder. Man hatte den großen Hügel fast 1000 Jahre lang für eine natürliche Erhebung gehalten.

Bars und Biergärten im Sultanat

Magnus und Liv aus Schweden sind ebenfalls aus Jakarta mit dem Zug gekommen, in der zweiten, der Bisnis-Klasse. „Da gibt’s auch Klimaanlage und Essen wird an den Platz geliefert“, erzählt Liv. Magnus ergänzt: „Es gibt halt Zweierbänke, aber dafür keine nervigen indonesischen Soaps.“ Die Schweden sind auf dem klassischen Backpacker-Trail von Java über Bali nach Lombok und weiter zum Surfen nach Sumbawa oder nach Labuan Bajo auf der Insel Flores.

In den Gepäckfächern stapeln sich die Rucksäcke und im Waggon herrscht ein Sprachgewirr aus Spanisch, Holländisch, Englisch, Französisch, Schwedisch und einem halben Dutzend anderer Sprachen. Zwischen den mächtigen Vulkanen Merapi und Gunung Kawi bahnt sich der Zug seinen Weg Richtung Surabaya.

Im deutschen Sprachraum hat Bertolt Brecht die Stadt mit seinem Lied „Surabaya-Johnny“ unsterblich gemacht. Surabaya steht darin für eine wilde, harte Hafenstadt, in der es nach Teer und Tang und Seeräuberei riecht. Heute ist die Stadt ein Wirtschaftszentrum, modern, laut und im Zentrum sehr sauber. Es gibt gewaltige Shoppingmalls - und ein U-Boot als Nationaldenkmal. Das war beteiligt, als sich Indonesien den westlichen Teil Neuguineas einverleibte.

Der letzte Abschnitt der Reise ist der beeindruckendste, denn er führt mitten durchs Land der gewaltigen Vulkane. Bromo, Arjuno, Argapura, Raung oder Ijen. Sie gelten alle als aktiv und recken sich bis zu 3300 Meter in den Himmel. Nur 20 Kilometer südlich von Surabaya brach 2006 der Schlammvulkan Sidoarjo aus. Er spuckt seither 10 000 Kubikmeter täglich und zwingt den Zug auf eine Umleitung. Auch hier quert er kühne Viadukte, die tiefe Schluchten überspannen, schmiegt sich an steile Berghänge und durchdringt tiefen Urwald. Dann erreicht er den Bahnhof Banyuwangi nach mehr als 1000 Kilometern quer durch Java.