Reise

Aletschgletscher schrumpft immer weiter

Zum Dahinschmelzen

Archivartikel

In 100 Jahren wird nur noch eine Seenlandschaft an den größten Alpengletscher erinnern, denn der Schweizer Eistitan schmilzt dahin. Als Unesco-Welterbe bekommt der Aletschgletscher samt seinen steinernen Wächtern Eiger, Mönch und Jungfrau wenigstens ein bisschen Beistand.

Von Bettina Bernhard

Am friedlichsten ruht er im Herbst, wenn der erste Neuschnee die Wunden sanft bedeckt, die der Sommer geschlagen hat. Massiv liegt der mächtige Eisstrom in seinem Flussbett, das er selbst gestaltet hat. Man spürt die Gefahr, die von den tief gefurchten Gletscherspalten ausgeht, doch ihre Abgründe verschwinden im diffusen Weiß. Seine Scheuerspuren an den umliegenden Felswänden kaschiert der Schnee ebenso wie das Sediment, das er auf seinem Weg herunter vom Aletschhorn mitgebracht hat. Aus gleißendem Weiß funkelt polares Grün und die Wellenstruktur lässt Dynamik erahnen. Der Gletscher fließt im Schnitt 200 Meter pro Jahr und gelegentlich spuckt er Vergangenheit aus. So wie 2012, als verschollene Wanderer von 1926 herauskamen - samt Kleidung, Gehstock und Pfeife, bestens konserviert.

Mehr als 22 Kilometer lang, 900 Meter dick und 27 Milliarden Tonnen schwer - trotz seiner beeindruckenden Maße ist der Aletschgletscher dabei, sich leise zu verab-schieden. "Jedes Jahr ein bisschen, seit 1850 ist er nicht mehr gewachsen, nur noch geschrumpft", sagt Mario Gertschen vom Unesco-Welterbe Jungfrau-Aletsch. Mit einer Fläche von 824 Quadratkilometern erstreckt sich das Schutzgebiet fast über die gesamten Berner Hochalpen. Das Herzstück des Welterbes bilden das monumentale Felsmassiv von Eiger, Mönch und Jungfrau und der Aletschgletscher samt seinen Zuflüssen.

Der Gletscher verändert sich schnell. Noch ist er am Konkordiaplatz, wo drei Ströme zusammenfließen, fast einen Kilometer dick. "Das im Gletscher gespeicherte Wasser würde reichen, um die Menschheit vier Jahre lang täglich mit einem Liter Wasser zu versorgen", weiß Gertschen. Dass der Gletscher bis zu 70 Meter jährlich abnimmt, liegt daran, dass er relativ tief und am Südhang liegt und so die geballte Klimaerwärmung abbekommt.

Zu Zeiten der Römer war das Eis schon einmal weiter zurückgezogen als heute, sonst wären die gar nicht über die Alpen gekommen. Doch der Gletscher wuchs auch immer wieder. Jetzt schrumpft er nur noch und das immer schneller. Gertschen hat schon ungefragt Angebote bekommen für eine Abdeckung des Eises, doch der Gletscher und seine Entwicklung sollen sichtbar bleiben. Auch wenn die Prognose düster ist: "In 90 Jahren werden nur noch zwei, drei Meter davon übrig sein ganz oben auf knapp 4000 Meter und der Konkordiaplatz wird zum größten See der Alpen", sagt der Unesco-Mann und murmelt etwas von Segeln am Jungfraujoch.

Noch aber ist der Aletsch da und eines der Ziele des Welterbes ist, ihn so gut wie mög-lich zu schützen. Nicht, indem man eine Schutzglocke darüber stülpt, sondern indem man Menschen begeistert für seine Schönheit und sensibilisiert für seine Vergänglichkeit. Dafür bieten die Touristiker geführte Wanderungen und Skitouren. Wer nur mal gucken will, hat eine gute Sicht auf den riesigen Eisfluss vom Bettmer- und vom Eggishorn im Gebiet Aletscharena. Hier kann man den Gletscher in all seiner Wucht und gleichzeitig Zerbrechlichkeit betrachten.

Tolle Ausblicke bietet von der anderen Seite des Bergmassivs her das Jungfraujoch. Der höchstgelegene Bahnhof Europas hat sich weltweit einen Ruf als Top of Europe erwor-ben, was die Besucherzahlen belegen. Knapp eine Million Gäste pilgerten 2016 aufs Jungfraujoch, das Gros kommt aus Asien. Auf den Aussichtsplattformen, in den Souvenirshops und im Eispalast triff man auf Selfiestick-bewehrte Koreaner, Japaner und Araber, auf junge Chinesen und Inder in jämmerlich dünnen Stoffschuhen und modisch zerrissenen Jeans. Doch so sehr die Kälte hier im ewigen Eis manchem zusetzt, aufgegeben wird nicht. Hierher kommt man nur einmal und genießt Alpen pur, samt Gletscher und Filmstar Eiger Nordwand.

Ernsthafter aber nicht etwa spaßfrei vermittelt das Welterbe-Zentrum in Naters bei Brig Hintergründe des Gletschersterbens. In einem Imax-Kino kann man durch die großartige Landschaft fliegen, in einem Riesensandkasten eine Landschaft bauen und ausprobieren, wie sie mit und ohne Wasser und Wärme funktioniert. Ein Spiel zeigt die Wirkung eines Atomausstiegs oder die Folgen von Bananenimport. Ergänzend entsteht gerade ein Unesco-Lehrstuhl, an dem geforscht wird, wie ein Gebiet im Gebirge sich wirtschaftlich nachhaltig entwickeln kann. "Um die Kulturlandschaft zu erhalten, brauchen wir Landwirte, die sie bewirtschaften", sagt Gertschen. Die Gletscheranrainer führten lange Zeit als Nomaden ein mühseliges Dasein, im Winter im Tal, im Sommer auf dem Berg. Erst als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Touristen und Alpinisten anrückten, um die Berge zu bestaunen, kam ein bisschen Wohlstand in die Gegend. "Die frühen Touristen ließen sich mit der Sänfte hinauftragen, weil sie bei der Höhe außer Puste kamen. Der Preis dafür berechnete sich nach Gewicht", erzählt Gertschen.

Die Balance zwischen Tourismus und Schutz bleibt schwierig. "Der Wolf beispielsweise gehört hierher, aber wenn Bauern aufgeben weil sie dauernd Probleme mit ihm haben, verbuscht die Landschaft", sagt Gertschen. Außerdem brauchten die Menschen eine Lebensgrundlage, sonst wanderten vollends alle Bergdörfler ab in die Städte. So wie er selbst - bis er jetzt die Gelegenheit bekam, in seine Heimat zurückzukehren, sie zu bewahren und hier Familie zu gründen.

Im Wintersportgebiet Aletscharena hat die Anpassung ans unvermeidliche Dahinschmelzen des großen Gletschers schon begonnen. Als vor einigen Jahren die Verlängerung der Konzession für die Moosfluh Gletscherbahn, die Verbindung von Rieder- zu Bettmeralp, anstand, schüttelten die Prüfer vom Bundesverkehrsamt den Kopf: Weil der Gletscher taut, fehlt dem wie ein schräger Kartenstapel aufgeschichteten Berg das Widerlager und er bewegt sich. Keine guten Voraussetzungen für einen sicheren Liftbetrieb. "Erst haben wir einen neuen Platz für die Bahn gesucht. Doch es gab keinen außerhalb der Wanderzone des Berges", erzählt Valentin König, Geschäftsführer der Aletsch und Riederalp Bahnen AG und der Bettmeralp Bahnen.

Nach einer Projektstudie mit Seilbahnherstellern, Geologen und Ingenieuren baute man ein Novum: Die neue Moosfluh-Bahn besteht aus zwei autonomen Systemen, das untere Stück von der Tal- zur Mittelstation ist konventionell und fix, denn der Berg bewegt sich nicht auf ganzer Länge. Beim oberen Teil zwischen Mittel- und Bergstation stehen die sieben Stützen auf Schienen und sind in einer Achse verschiebbar. Die komplette Bergstation ruht in einer Betonwanne, die auf dem sich bewegenden Gestein mitschwimmt. Hydraulische Pressen stellen alles ins Lot, stündlich kontrolliert.

Mathias Lorenz, Betriebsleiter von Bettmeralp und Riederalp ist stolz auf seine Hightech-Station. "Sie wiegt 2000 Tonnen und die kann man anheben und dreidimen-sional ausgleichen", sagt er. Treppen, Abdeckungen, und Geländer seien so konstruiert, dass man sie abnehmen und ummontieren kann. 23 Millionen Schweizer Franken kostete der Bau, knapp die Hälfte davon verschlang die Beweglichkeit. "Die Bergstation auf 2335 Metern Höhe kann um elf Meter horizontal und neun Meter vertikal verschoben werden", sagt Lorenz. Das soll dem Gletscherschwund mindestens 25 Jahre lang trotzen. Die Feuerprobe kam gleich nach der Fertigstellung: Im September 2016 zog sich die Gletscherzunge um 70 Zentimeter pro Tag zurück, bei der Bergstation kamen davon immerhin 1 bis 2 Zentimeter täglich an.

So geht er hin, der Gletscher, der noch vor knapp 200 Jahren so zerstörerisch wuchs, dass eine Delegation aus Naters, das die Mehrzahl der Schweizer Leibgardisten im Vatikan stellt, zum Papst pilgerte und mit ihm betete, der Gletscher möge stoppen. Heute kann man nur hoffen, dass der erneute Be-such einer Schweizer Delegation in Rom vor einigen Jahren hilft. Sie beteten mit päpstlicher Unterstützung für ein erneutes Wachstum des Aletschgletschers.