Reise

Zurück zur Natur

Archivartikel

Andorra wirbt offiziell damit, ein Shoppingparadies zu sein: dank der niedrigen Steuersätze. Zunehmend entdecken Reisende aber Bergwelt, Yoga, Wandern, Heilung durch Kräuter – Entschleunigung eben.

Bequem ist der Pfad nicht, der sich hinter den dunklen Granithäusern von Llorts in den Hang schneidet. Steil nimmt er die Höhe, grobe Steine dienen als Stufen, direkt daneben stürzt ein Bach hinunter. Aber Eli Olivé nimmt locker Kurve um Kurve, balanciert mit einem langen Holzstecken ihre Schritte aus.

Der Weg ist der zierlich-sportlichen Frau vertraut. Man sieht das spätestens, als sie plötzlich auf kaum merklichen Spuren ins Gebüsch abbiegt, zu einem Gatter. „Willkommen an der Borda Jaume“, sagt sie. Hoch über dem Tal liegt hier eine Waldweide, und an ihrer Abbruchkante steht eine massive Steinhütte. Die Sommerunterkunft von Hirten.

Eine ehemalige. Denn das Steinhaus ist mit einem Anbau aus Holz und Glas erweitert, die Inneneinrichtung ist gemütlich-gediegen, eine Terrasse gibt eine weite Aussicht in die Berge von Andorra. Eine Straße im Tal, kleine Orte, wenige Höfe an den bewaldeten Hängen – der Kleinstaat in den Pyrenäen präsentiert sich hier seiner Statistik gemäß: 92 Prozent seiner Fläche sind Natur.

Touristisch wuchert Andorra bisher mit einem anderen Pfund. „Wir lieben das Shoppen“, verkündet die offizielle Andorra-Website. „Wir sind dermaßen verrückt aufs Shoppen, dass wir über mehr als 1000 Geschäfte und sieben Einkaufszentren verfügen und nur vier Tage im Jahr schließen!“ Und das in einem Land, das weniger Einwohner hat als Tübingen. Es ist mit niedrigen Steuersätzen gesegnet, was den Einkaufstourismus stimuliert in der Hauptstadt Andorra la Vella, die einen hübschen Altstadtkern besitzt und eine lange Einkaufsmeile.

In dem Geschäft mit dem Tagestourismus könnte auch Eli Olivé, die aus einer andorranischen Familie stammt, ihr Geld verdienen. Nur: Sie findet, dass das der falsche Weg ist, weil er Andorras Wirtschaftstraditionen wie die Viehwirtschaft, die verglichen mit dem Handel völlig unrentabel ist, verkümmern lässt. Und weil sie glaubt, dass das Wohlbefinden der Menschen nicht davon abhängt, wie verrückt shoppen zu können.

Sie möchte andere Wege anbieten – wie den zur Borda Jaume. Die Alm gehört inzwischen ihrem Unternehmen Epic Andorra, das Besuchern wieder die Natur und die Bergwelt näherbringen will. Ihre Gäste leben auf den vier Hütten ihres Unternehmens und erkunden die Umgebung. Von der Tierbeobachtung bis zum anspruchsvolleren Alpinismus auf Klettersteigen bietet sie da vieles an.

Zu ihrem Team gehört Eduardo Arcila. Er kommt aus Venezuela und hat anfangs in Andorras Bankgewerbe gearbeitet. Gab gutes Geld, habe ihn aber nicht glücklich gemacht, sagt er. Konsum und die Jagd nach immer mehr sind ihm suspekt. Jetzt ist er Heilpraktiker und setzt auf die entspannende Wirkung von Yoga – und gibt auf der Borda Jaume Kurse im Freien, soweit das Wetter es zulässt.

Zu so einem Yoga-Tag gehört veganes Essen. Mohit Hemnani, ein Mann mit indischen Wurzeln, liefert es, und seiner Abscheu vor Fast Food setzt er das Sonnenrad entgegen, einen Salat, drapiert um einen Gemüseburger mit dem, was Garten und Wiese hergeben.

Wer mehr über Pflanzen und ihre Wirkungen wissen will, sollte sich in den Naturpark Vall de Sorteny im Norden Andorras aufmachen und sich einer Führung von Manel Niell Barrachina anschließen. Der Biologe aus Barcelona arbeitet an Andorras Studienzentrum für das Gebirge und ist durch die Dörfer gezogen, um von alten Leuten das traditionelle Wissen über Pflanzen zu erfragen: Welche kann man essen, welche heilen?

Im Hochtal Vall de Sorteny, wo die Schwarzkiefer-Hänge in grasige Bergkämme übergehen, in denen noch der Schnee nistet, zeigt Manel Niell auf bald jede Pflanze. Und warnt vor zu viel heilkundlichem Optimismus. „Giftig!“, ruft er immer wieder. Selbst beim wilden Spinat rät er zur Vorsicht: „Da gibt es eine Art, die problematisch ist.“ Sein Lieblingsbeispiel ist ein unscheinbarer Busch mit dürren Ästen. Die werfen Kundige (verbotenerweise) in Bäche, weil sich dann ein Narkotikum löst, das Fische ganz träge und leicht fangbar macht.

Viele von den 700 Pflanzenarten des Vall de Sorteny werden medizinisch genutzt. Man muss sich nicht mal in die Büsche schlagen, um sie zu sehen. Auf halber Strecke zur Hütte Borda de Sorteney ist ein Kräutergarten angelegt. Manel Niell weist auf den Thymian: „Er wirkt antibakteriell, vor allem bei Magenproblemen.“ Ein anderes Rezept, das ihm naturkundige Bauern mitgegeben haben, ist ein Sirup aus Tannenzapfen: „Die werden frisch vom Baum 40 Tage mit Zucker eingeweicht. Der Zucker neutralisiert das Harz, und man erhält einen leckeren Saft gegen Erkältungen.“

Da ist allein die Herstellung solcher Rezepte eine Art Entschleunigung. Passt das noch in unsere Zeit? Montse Buil stammt selbst aus einer hektischen Metropole, nämlich aus Barcelona. Jetzt arbeitet die junge Frau, eine der Tourismusverantwortlichen von Andorra, daran, die ruhigeren Seiten ihres Landes bekannter zu machen, promotet touristische Start-ups wie Epic Andorra oder die Kräuterwanderungen. Und fühlt sich durch immer mehr Anfragen bestärkt: „Die Leute suchen diese Art des Reisens – etwas, das ungewöhnlich ist.“