Reportage

Auf die Nase ist Verlass

Im Kampf gegen Drogen im Knast setzt die Justiz verstärkt auf tierische Helfer. Rottweiler Yam ist derzeit der einzige Diensthund in Deutschland, der Drogen und Handys erschnüffelt. Doch damit das klappt, muss auch er üben.

Kaum etwas Verbotenes ist vor ihm sicher. 42 Kilogramm Hund und 100 Prozent Konzentration. Dieses Bild drängt sich auf, wenn der schwarz glänzende Rottweiler Yam an seinem Diensthundeführer Darius Szeliga emporblickt. Aufmerksam sitzt der sechsjährige Rüde in der Werkhalle der Kölner Justizvollzugsanstalt (JVA) und wartet auf seinen Einsatz. Yam ist nach Erkenntnissen des nordrhein-westfälischen Justizministeriums derzeit der einzige Diensthund in Deutschland, der sowohl Drogen als auch Handys, USB-Sticks und SIM-Karten erschnüffeln kann.

Ein Feldversuch

Tief saugt Yam die Luft in dem vergitterten Raum ein: Das unter Holzscheiten vergrabene Handy hat seine feine Nase ebenso schnell aufgespürt wie das in einem eingerollten Teppich verborgene Drogentütchen. Gebellt wird hier nicht. „Sonst wüssten ja alle Insassen sofort Bescheid, dass hier Spürhunde im Einsatz sind“, erklärt der 46-jährige Diensthundeführer Szeliga. Schließlich sollen die versteckten Drogen gesichert werden, bevor sie ein Häftling über die Toilettenspülung entsorgen kann.

NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) ist stolz auf seine vierbeinigen Helfer: „Eine Hundespürnase sucht gründlicher als jedes Paar Augen.“ Wie wichtig das ist, hat sich erst kürzlich in dem monströsen Missbrauchsskandal in Lügde erwiesen, als der sächsische Spürhund Artus auf einem Campingplatz übersehene Beweismittel suchte und in einer Sesselritze einen USB-Stick fand.

„Artus kann aber nur Datenträger, keine Drogen“, erklärt Szeliga. „Yam durfte in Lügde noch nicht eingesetzt werden, weil er im Einsatz gegen versteckte Datenträger und Mobiltelefone noch in einer Pilotphase tätig ist.“ Obwohl in großen weißen Buchstaben „Justiz“ auf Yams Halsband prangt, ist er sozusagen noch kein offiziell zertifizierter Datenträger-Findehund.

„Am Ende des ersten Halbjahres wollen wir Bilanz ziehen und sicher gehen, dass mit der Konditionierung auf Handys keine Einschränkungen bei der Suche nach Drogen verbunden sind“, kündigt Biesenbach an. „Verläuft der Feldversuch erfolgreich, wollen wir auch andere Drogenspürhunde zusätzlich auf Handys spezialisieren.“

Bis dahin heißt es: üben, üben, üben. Erneut wetzt Yam schwanzwedelnd durch die Werkshalle mit Dutzenden Tierfiguren und Kaffeefilterhaltern, die Häftlinge aus Holz geschnitzt haben. Verstecke gibt es hinter den Maschinen, Kisten, Schränken, Containern und Schubladen viele – aber nicht für Yam. Wie eingefroren bleibt er vor jedem Fund stehen und hält den Atem an. „Das ist die perfekte Sekunde“, schwärmt sein Hundeführer. Genau so müsse es sein: nicht wackeln, nicht umdrehen – einfrieren. „Klick“ macht Szeliga mit einem kleinen Tacker. Das ist das Zeichen für den Hund, dass er alles richtig gemacht hat. „Supi, Junge, klasse!“

Regeln im Umgang

Stolz springt das Tier an seinem Trainer hoch. Szeliga wirft ein Leckerli auf den Boden, das Yam aber keines Blickes würdigt. Hundespielzeug ist die Belohnung, die ihn interessiert und die er bekommt: etwas zum Kauen, Beißen, Zerren und um mit dem Herrchen die Kräfte zu messen.

Dass Rottweiler häufig als „Killer“ verschrien sind, hält Szeliga für ungerechtfertigt. „Das ist ein Familienhund“, sagt er über seinen ehrfurchteinflößenden Liebling. Im Umgang mit Diensthunden müssten Fremde aber Regeln beachten: „Nicht anschauen. Nicht ansprechen. Nicht anfassen. Nicht vor den Hund treten.“

Auf Duftmoleküle konditioniert

In der ersten Testphase von Mai bis Oktober 2018 habe Yam bei 37 Betäubungsmitteleinsätzen zehn Handys „als Beifang aufgespürt“, erzählt Szeliga. Der erfahrene Trainer hat seinen Hund auf alle möglichen Handys mit ihren unterschiedlichen Bestandteilen und „Duftmolekülen“ konditioniert: alte, neue, große und teils nur fingerkleine Geräte.

Anders als technische Detektoren, sogenannte Mobifinder, entdeckt Yam die Handys auch, wenn sie ausgeschaltet sind. Dabei lassen Häftlinge sich so einiges an Verstecken einfallen: „Wir hatten schon kleine Handys oder Drogen in entleerten Deo-Rollern oder Haschisch in ausgehöhlten Kartoffeln.“ Auch Türstopper und Haarrasierer würden gern genommen, berichtet Szeliga. Vor den Spürhunden waren sie aber ebenso wenig sicher wie verborgene Objekte in Müsli, Waschmittel oder Kaffee.

„Mit der Klo-Spülung geht heutzutage gar nicht mehr so viel weg, wenn die Hunde kommen“, erklärt Szeliga. „Es wird viel im Körper versteckt.“ Bevor die Tiere die Zellen durchsuchen, werden die Gefangenen herausgeführt. An Menschen dürfen die Spürnasen nicht schnüffeln. „Aber zieht der Hund die Luft tief mit der Nase ein, wenn jemand an ihm vorbeigeht, wissen wir schon Bescheid.“

Drogen und verbotene Handys im Knast sind keine Kleinigkeit. „Wer erwischt wird, hat mit Disziplinarstrafen zu rechnen“, warnt Justizminister Biesenbach. „Vollzugsöffnende Maßnahmen können widerrufen werden, und auch eine vorzeitige Entlassung steht auf dem Spiel.“

Warum die harte Gangart gegen Handys im Knast? Wer durch die endlos erscheinenden fensterlosen Gänge der JVA Köln läuft und die Enge der Anstalt mit den vielen vergitterten Pforten und tiefen Decken sieht, ahnt den Wert eines Handys als Kontakt zur Außenwelt. „Darüber können aber Zeugen beeinflusst, Verfahren manipuliert oder neue Drogen beschafft werden“, stellt Szeliga klar.

Zurück zu den tierischen Lehrlingen: Thor, Freya, Jada und Rex kommen nach und nach aus ihren Zwingern in den Gefängnishof. Die jungen Belgischen Schäferhunde (Malinois) und Holländischen Schäferhunde sollen künftig die Drogen-Staffel der NRW-Justiz auf elf Tiere ausweiten. Die Diensthundeführer müssen ebenso ausgebildet werden wie die Tiere selbst. Alle hatten zuvor auch private Erfahrung mit Hunden. Das Einsatzgebiet der kompletten Staffel sind alle 36 Gefängnisse in NRW.

Lohn und Feinschliff

Rex kann die meisten anderen Hunde nicht leiden. „Mit Rüden geht es gar nicht“, berichtet sein Hundeführer Alexander Reintgen. Drogen aufspüren kann er dafür gut. So schnell wie der erfahrene Yam findet Rex die Verstecke allerdings noch nicht. „Es fehlt Feinschliff“, erklärt Ausbilder Szeliga.

Rex sieht das offenbar anders. Vor dem Drogenversteck im Holzstapel blickt der dreijährige Malinois sich um, als wolle er sagen: „Klicker’ endlich. Ich bin hier richtig.“ Mit dem „Einfrieren“ klappt es zwar noch nicht auf Anhieb, seine Spielzeugwurst bekommt er trotzdem.

Auf dem Ausbildungsplan stehen Opium, Heroin, Marihuana, Haschisch, Kokain sowie Ecstasy und andere Amphetamine. Szeliga bringt die Betäubungsmittel in ordentlich beschrifteten Schraubgläsern in kleinen Köfferchen mit.

Die Gefangenen, die über die Flure entlang der beige-gelb getünchten Wände laufen, haben keine Chance, etwas von dem Stoff zu ergattern. Dass Drogen dennoch illegal auf vielen Wegen in die Anstalten gelangen, ist eine Binsenweisheit.

Eine Frage des Charakters

Wenn Szeliga neue Spürnasen sucht, versucht er vor allem Charakter, Verhalten, Beweglichkeit, Frustrationstoleranz und Konzentrationsfähigkeit der Tiere einzuschätzen. Die Ausbildung zum Spürhund dauert in der Regel drei bis viereinhalb Monate.

„Naturtalente“ für die Konditionierung auf Handys gebe es nicht, sagt der Trainer. „Das kann man jedem Rauschgiftspürhund beibringen.“ Solange ein Tier sich gut bewegen und überall hochspringen könne, bleibe es über viele Jahre einsatzfähig. „Ich habe noch eine elfjährige Hündin im Dienst“, berichtet Szeliga: „Selbst, wenn die Tiere taub oder blind werden: Die Nase funktioniert fast immer.“

Wie viele auf Drogen, Handys, Datenträger, Bargeld oder Leichen trainierte Hunde Polizei, Justiz, Zoll und Finanzbehörden insgesamt in Deutschland im Einsatz haben, können die Bundes- und Landesbehörden nicht beziffern. Dies werde statistisch nicht erfasst, heißt es aus den Ministerien. NRW hat aber bereits entschieden, seine Spürhunde-Einheiten auch in den nächsten Jahren weiter aufzustocken.