Reportage

Das Freistil-Protokoll

Blick nach unten und einen Armschlag wie James Bond: Dass Schwimmen gelernt werden will, erfährt unser Mitarbeiter am ganzen Körper. Lehrerin Stefanie Zimmermann zeigt, wie Kraulen richtig funktioniert und findet, dass er in das Kursrepertoire von Kindern aufgenommen werden sollte.

Atemnot verspüre ich fast immer, wenn ich nach einer Bahn Kraulen den Rand auf der anderen Seite des Beckens endlich zu fassen bekomme. Kraulen, auch Freistil genannt, ist die wohl eleganteste und schnellste Art durchs Wasser zu gleiten. Aber: Sehr kompliziert, für Schwimmer, die es nicht in jungen Jahren gelernt haben.

Beine, Arme, Körperspannung wollen gleichzeitig koordiniert werden, um sich möglichst gleichmäßig fortzubewegen. Dazu kommt das ungewohnte Atmen über und unter Wasser. „Nach Delphin ist es die anspruchsvollste Schwimm-Art“, sagt Stefanie Zimmermann, Schwimmlehrerin bei den Frankfurter Bäderbetrieben.

Abgemüht habe ich mich im Freistil in den Vormonaten alleine mit mäßigem Erfolg. Deshalb bin ich an einem frühen Samstagmorgen zu Zimmermanns Kraulkurs ins Silobad, im Frankfurter Stadtteil Höchst, gekommen. Die große Liegewiese noch verwaist, ist im Wasser des Freibades schon einiges los. Wolkenloser, blauer Himmel kündigt einen heißen Tag an.

Studenten und Senioren

Für die Kursteilnehmer ist eine Bahn des 50-Meter langen Beckens reserviert. Zum Einschwimmen pflüge ich mit Schwimmbrett und kurzen Flossen an den Füßen hinter neun weiteren Kursteilnehmern her. Vom späten Teenager- bis zum Seniorenalter reicht die Altersspanne. Ähnlich breit ist das Leistungsspektrum: Von der Sportstudentin vorneweg bis zum Nachzügler, der schnell nach Luft schnappen muss. Stefanie Zimmermann berichtet, sie frage zu Beginn ihres Kurses die einzelnen Teilnehmer, weshalb sie kraulen lernen und welches Niveau sie erreichen wollten. Damit sie individuell auf sie eingehen kann.

Balance halten

Am wichtigsten für Anfänger seien erstens „eine saubere Technik“, zweitens „Zeit und Ruhe“ sowie drittens „der Fokus auf einen Bereich“. Die Intensität der Übungen würde nach und nach gesteigert und die einzelnen Bewegungsabläufe kombiniert werden.

Zunächst sind Beinschlag und Atmung an der Reihe, die gemeinsam geübt werden. Beide Arme liegen parallel auf dem Schwimmbrett. Wichtig beim Luft holen ist, dass nicht der Körper, sondern nur der Kopf aus dem Wasser gedreht wird. Nach den ersten Metern entlarvt Zimmermann einen weiteren Fehler bei meiner Körperhaltung: Den Blick soll ich nicht nach vorne, wie von einem Bekannten empfohlen, sondern zum Boden des Beckens richten. „So entsteht die Körperspannung, die du brauchst“, sagt die 39-Jährige.

Die Trainerin steht in Shorts am Beckenrand und hält eine Hand über ihren leicht gesenkten Kopf. Dann zieht sie die Hand, als würde sie in den Fingern einen mit dem Kopf verbundenen Faden halten, nach oben. Das solle verdeutlichen, dass sich durch den leicht gesenkten Kopf der gesamte Körper aufrichtet und sich die Wasserlage verbessert. Danach folgen die Arme.

Einzeln, links und rechts, wird der Armschlag trainiert, während die jeweils andere Hand auf dem Schwimmbrett ruht. Gar nicht so einfach, die Übungen getrennt voneinander durchzuführen und dabei die Balance sowie den Kurs über die schier endlos lange Bahn zu halten. Zum Einstieg reicht wohl auch ein 25-Meter langes Becken, obwohl die Flossen an den Füßen doch für schnelles Vorankommen sorgen.

Bewegungen unterteilen

„Zerlegen und wieder zusammen basteln“, nennt Zimmermann ihre Vorgehensweise, bei der sie die einzelnen Schritte des Freistilschwimmens getrennt voneinander üben lässt, um sie später zu dem gesamten, komplexen Bewegungsablauf zusammenzufügen. Besonders auf den Armzug legt die Fachangestellte für Bäderbetriebe, die hauptsächlich Kraul- und Aqua Fit-Kurse leitet, ihr Augenmerk. Auch diese Bewegung unterteilt sie nochmals. Bei der Zugphase wird der gestreckte Arm zur Brust gezogen, während der Ellenbogen unter der Wasseroberfläche bleibt.

Dann folgt die Druckphase, bei der das Wasser mit der Hand nach hinten verdrängt wird, ehe der Arm aus dem Wasser wandert und der nächste Zug beginnt. Um die richtigen Techniken zu veranschaulichen, arbeitet die Anleiterin, die seit fast zwei Jahrzehnten Schwimmkurse gibt, mit vielen Bildern. Den Armschlag erklärt sie mit James Bond. Wie der britische Geheimagent sollen die Schüler ihre Hand eng am Körper entlang führen, am Hals angekommen eine imaginäre Handgranate aus ihrem ebenso unsichtbaren Neoprenanzug ziehen, aus dem Wasser heraus nach vorne schleudern, um schließlich für die Zugphase mit dem Arm einzutauchen.

Meditative Atmung

Viele ihrer Kursteilnehmer hätten in der Vergangenheit für Triathlon trainieren wollen. Zuletzt würden immer mehr aus gesundheitlichen Gründen kommen. Rücken-, Schulter- oder Knieprobleme: Viele Ärzte rieten ihren Patienten zum gelenkschonenden Freistilschwimmen. Dabei sei es schade, dass Kraulen in Deutschland, anders als in anderen Ländern, nicht zum geläufigen Repertoire bei Kursen für die Kleinsten gehöre.

Da sei das Brustschwimmen, mit dem Kopf über Wasser, als Grund- und Überlebenstechnik, geläufiger, obwohl bereits Babys im Wasser instinktiv, wie beim Kraulen, mit den Beinen schlagen würden.

Gegen das aus der Puste kommen hat die Expertin schließlich noch einen Tipp parat, nämlich im Rhythmus zu schwimmen. Sei es durch kontinuierliches Zählen oder mit Musik auf einem wasserdichten MP3-Player könne eine ruhigere bis meditative Atmung erreicht werden. Die Schwimmlehrerin hört am liebsten Hörbücher, wenn sie ins Becken steigt.