Reportage

Die Unheilerin

Günther Reimann findet keine Ruhe. Er ist an seine Grenzen gekommen, geistig, körperlich, finanziell. Er kämpft gegen die Geistheilerin, der seine krebskranke Freundin ihr Vertrauen geschenkt hatte, bevor sie starb. Reimann will Gerechtigkeit.

Maria Signer ist damals 35 Jahre alt, groß und schlank, blond. Radiomoderatorin. Auf der Suche nach einer Wohnung lernt sie Günther Reimann kennen. Reimann hat einen behinderten Sohn, um den er sich kümmert. Reimann und Signer (Namen geändert) werden ein Paar, ziehen zusammen.

Reimann ist heute Ende 40, drahtig und energetisch. Er spricht schnell und hitzig. Er tritt bescheiden auf. Wie wohlhabend er mit seinen Immobiliengeschäften geworden ist, ahnt man erst, wenn man den Maserati und den Mercedes vor seinem Einfamilienhaus sieht.

Hinter Maria Signer lag weniger Glück. Eine schwere Kindheit, ein schweres Leben. Ihre Mutter erkrankte an Krebs, Signer kümmert sich. Die Mutter stirbt.

Günther Reimann sagt heute, seine Freundin sei rastlos gewesen. Ein schwieriger Charakter. An anderen Menschen habe sie schnell etwas auszusetzen gehabt. Aber er habe ihr Temperament geliebt: „Je mehr Kanten ein Diamant hat, umso mehr funkelt er“. Er will sie glücklich machen. Als sie ein Cabrio will, kauft er ihr einen blauen Audi A3. Als sie ein Jahr später etwas Unauffälligeres möchte, tauscht er ihn gegen einen Kombi.

Trotzdem sucht Maria Signer ihr Glück außerhalb der Beziehung – in der Spiritualität. Paartherapie, Persönlichkeitscoaching, Energiearbeit. Dann lernt sie Sabine Rohwer kennen, eine Koryphäe der Geistheiler-Szene. Mit deren Hilfe will sie die Traumata ihres Lebens aufarbeiten – und die Angst vor dem Krebs bekämpfen.

Die Geistheilerei habe ihn von Anfang an irritiert, sagt Reimann, ihm schien es, dass die Ängste nicht weggingen, im Gegenteil. Plötzlich fürchtet sie sich vor angeblich krebsauslösenden Pilzen im Schwimmbad. Sie trinkt kein Wasser mehr aus Plastikflaschen. Sie hat Angst vor Strahlung: Fernsehen wird tabu, das gemeinsame Tatortschauen fällt aus. Reimann wird das zu viel. Er zieht aus.

Fasten gegen den Krebs

Im Jahr 2012 erkrankt auch Maria Signers Schwester an Krebs. Am Ende des Jahres stirbt sie. Signer ist von der Medizin enttäuscht.

Im Oktober wird auch bei ihr selbst Krebs diagnostiziert. Brustkrebs. Sie will es anders machen als Mutter und Schwester und wendet sich an die Alternativmedizin. Der Tumor wird entfernt. Doch Chemotherapie, Hormonbehandlung oder Bestrahlung lehnt sie ab. Mindestens eines davon wäre angebracht gewesen, sagt heute Gerhard Ehninger, Professor für Innere Medizin am Uniklinikum Dresden, der mit dem Krankheitsverlauf vertraut ist. Stattdessen entschließt sich Signer, gegen den Krebs zu fasten – bei der Geistheilerin Sabine Rohwer.

Das Fasten dauert drei Monate. Signer glaubt, dass der Krebs besiegt ist, geht kaum zu den Nachsorgeuntersuchungen. Bei Nachfragen wechselt sie das Thema.

2014 sind Reimann und Signer wieder zusammen. Ende des Jahres entdeckt sie Hubbel an Schulter und Kopf. Sie geht zu ihrer Heilerin. Anschließend glaubt Signer, dass die Hubbel unproblematisch sind, von einer Übersäuerung des Körpers rühren. Sie reibt sich mit Lauge ein. Die Hubbel bleiben.

Januar 2015. Maria Signer hat einen Zusammenbruch, wird ohnmächtig. Signer und Reimann gehen in die Notaufnahme. Ein Blick des Onkologen reicht aus, es ist ernst. Der Krebs ist zurück, auf die Haut, in Lymphknoten, Lunge und Gehirn vorgedrungen. Die Hubbel sind Metastasen.

Signer weint, Reimann will kämpfen. Wenn irgendwas hilft, versichert er seiner Freundin, dann wird das gemacht, egal was es kostet. Reimann denkt an die besten Spezialisten. Signer denkt an Sabine Rohwer.

Reimann gibt nach. Er hofft, dass seine Partnerin im Zentrum der Heilerin wohnen und neben der Alternativmedizin auch schulmedizinische Behandlungen bekommen kann. Schließlich schreibt die Heilerin auf ihrer Webseite, sie sei „stets im Austausch mit Ärzten“. In ihrem Team sei auch ein Arzt. Das Zentrum heißt Animata Charité. Eine Villa in der norddeutschen Kleinstadt Eutin.

Im ersten Stockwerk wohnt Sabine Rohwer: Mitte 50, langes blondes Haar. Eine charismatische, respekteinflößende Person. Als Reimann und Signer ankommen, ist die Stimmung ausgelassen wie auf einer Geburtstagsfeier. Endlich etwas Positives. Doch als Reimann nachfragt, wie die Behandlung ablaufen soll, wird er rausgeschickt. Zurück in der Villa sagt ihm die Heilerin nach seiner Darstellung, seine kritische Einstellung störe. Er solle vertrauen.

Reimann übernimmt die Kosten, zunächst niedrige Summen. Sie steigen allmählich. Über den ganzen Zeitraum gerechnet überweist er etwa 18 000 Euro im Monat. Er will das Beste für seine Freundin, die um ihr Leben kämpft.

Schon bald aber hat Reimann den Eindruck, dass die Heilerin andere Behandlungsformen als ihre unterbinden will. Dass er immer hinterher sein muss, damit seine Freundin die richtigen Medikamente bekommt, Keppra gegen die epileptischen Anfälle, Cortison gegen Schwellungen. Er versucht, Ärzte zu finden, die die Behandlung unterstützen. Von der Heilerin fühlt sich Reimann behindert.

Zum Arzt nur im Notfall

Ab und zu fährt Signer zu ärztlichen Untersuchungen, bei Notfällen etwa, wenn sie mal wieder ohnmächtig geworden ist. Als der Krebs weiter vordringt, lässt sie sich bestrahlen. Die Tumore gehen zurück, doch Signer bricht die Behandlung vorzeitig ab. Stattdessen: Geistheilung, Naturheilkunde, „Homöopathische Krebstherapie“.

Nach und nach verschärft sich die Lage. Die Heilerin redet ihm laut seiner Darstellung ein: Seine negative Einstellung störe die Heilung. Er müsse daran glauben – oder sich fernhalten. Reimann will glauben. Daran, dass er richtig gehandelt hat. Dass die Liebe seines Lebens gesund wird. Den Geldhahn abzudrehen, bringt er nicht übers Herz.

Konflikte nehmen zu

Im April 2015 regt Sabine Rohwer an, dass die beiden heiraten. Reimann ist begeistert, bestellt Ringe, kauft einen neuen Anzug, macht beim Notar einen Ehevertrag. Ihm ist wichtig, dass sein Sohn versorgt ist. Signer scheint der Vertrag nicht zu interessieren. „Hase, ich vertraue Dir“, sagt sie. Einen Tag vor der Hochzeit will die Heilerin den Vertrag sehen.

Signer soll einmalig 300.000 Euro bekommen, falls Reimann etwas zustößt, plus 10.000 Euro im Monat als Rente. Rohwer rät Signer, den Ehevertrag nicht zu unterschreiben. Die Hochzeit platzt. Reimann rastet aus, wirft den Esstisch um, beschimpft die Heilerin. Rohwer erteilt ihm Hausverbot.

Maria Signer hingegen lässt nur einige Tage nach dem geplanten Hochzeitstermin die Heilerin beim Notar als Erbin einsetzen, erteilt ihr medizinische und finanzielle Vollmachten. Reimann zahlt weiter.

Als es Signer in den nächsten Monaten schlechter geht, sucht Reimann eine Pflegerin aus und lässt sie im Heilzentrum arbeiten. Die beiden Frauen freunden sich an. Die Pflegerin berichtet, dass Maria Signer im Heilzentrum leidet, aber es aus Angst, draußen früher zu sterben, nicht verlässt. Und dass Sabine Rohwer die Nähe zwischen Pflegerin und Patientin zu stören scheint. Es kommt zum Konflikt, Rohwer erteilt der Pflegerin Hausverbot.

Stattdessen kommt eine andere Helferin, von der sich Signer aber bedroht fühlt. Der Streit eskaliert, ein Freund Signers ruft die Polizei. Erst jetzt verlässt Signer das Heilzentrum Animata. Die Heilerin verliert ihre wichtigste Kundin. 16 Monate ist sie geblieben.

Mai 2016, Signer ist todkrank. Zusammen mit ihrem Partner irrt sie durch Kliniken. Am 25. August, im Hospiz, will sie ein letztes Mal Sabine Rohwer sehen. Nachdem die beiden sich unterhalten haben, bekommt Reimann eine Rechnung über 4000 Euro. Am selben Tag noch erhält er eine E-Mail: Die Heilerin werde, wie mit Signer besprochen, noch „ein paar Dinge für sie organisieren“. Vorher müsse jedoch die Juni-Miete in Höhe von 4000 Euro überwiesen sein.

Am 30. August 2016 stirbt Maria Signer.

Die Bilanz: Reimann hat fast 290 000 Euro an die Animata GmbH und die Animata Charité in 16 Monaten bezahlt. Reimann erstattet Strafanzeige, wegen gewerbsmäßigen Betruges, Wuchers, Misshandlung Schutzbefohlener, unterlassener Hilfeleistung und vorsätzlicher Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt.

Reimann findet keine Ruhe, ist an seine Grenzen gekommen, geistig, körperlich, finanziell. Sabine Rohwer hingegen praktiziert immer noch, als Geschäftsführerin eines neuen Zentrums in Hamburg. Sie behandelt Herzprobleme, Rheuma, Multiple Sklerose und Demenz.