Reportage

Leben im Energiesparmodus

Bei den Schimmels gibt es täglich frische Milch, eigenen Käse und Gemüse aus dem Garten. Müll vermeiden die Selbstversorger und auf ein Auto verzichten sie, obwohl ihr Hof abseits liegt.

Dora ist ungeduldig. An diesem Tag im Spätsommer wartet sie schon eine halbe Stunde länger als sonst. Deshalb macht sie sich mit ihrer kräftigen Stimme bemerkbar. Sie hat Termindruck: Der Euter drückt. Als ihre Bäuerin endlich kommt, über den Haaren ein Kopftuch, in der Hand einen Eimer, entspannt sich die Leitkuh. Wie ein Hund trottet sie hinter Lina Schimmel her. Ihre Milch nährt eine Familie, deren Lebensentwurf aus einem anderen Jahrhundert stammen könnte.

Ein selbstgemachter Zaun, ein Haus wie im Freilichtmuseum, Gemüsegarten, Bienenkörbe, Teich. Mit dem Fahrrad ist man in wenigen Minuten an der Ostsee. Hier, in Nordwestmecklenburg, haben die Schimmels einen Selbstversorger-Hof aufgebaut. Nur über einen Waldweg ist er zu erreichen. „Ich will so wenig wie möglich daran teilhaben, dass diese Welt kaputtgemacht wird“, sagt Lina Schimmel. Sie spricht aus, was im 21. Jahrhundert eine wachsende Zahl von Menschen bewegt. Aber möchte man gleich so radikal umsteuern?

Nachhaltig zu leben ist heute nicht mehr nur ein Thema für Grünen-Parteitage und Öko-Freaks: In Nachbarschaftsportalen wie „nebenan.de“ bauen Großstadtbewohner längst Tauschringe auf. In Facebook-Gruppen tauschen sich Interessierte darüber aus, wie sich durch Teilen, Selbermachen oder Verzicht wahlweise eine bessere Welt oder ein ruhigeres Gewissen erreichen lässt – je nach Anspruch.

Die Schimmels versuchen, ihren sogenannten ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Aber geht das überhaupt im heutigen Deutschland? Welche Kompromisse sind nötig? Und: Könnte ihr Leben Modell stehen für eine bessere und geschütztere Welt?

In der DDR war Steffen Schimmel Forstarbeiter. Als er Ende der 1980er das alte Bauernhaus kaufte, in dem sie heute leben, verlief die Grenze, die Deutschland in zwei Staaten teilte, gar nicht weit entfernt. Als die Schimmels nach der Wende zusammenzogen, regierte in Deutschland noch CDU-Kanzler Helmut Kohl. Man kam ohne Netzwerke wie Facebook aus, Klimawandel war nicht das Riesenthema wie heute.

Das Draußensein und die Arbeit mit Tieren zieht Steffen Schimmel bis heute vielem anderen vor. „Ich wollte vor allem mit den Pferden arbeiten“, sagt der 52-Jährige. „Und ich habe mir einen Weg gesucht, wie das geht.“

Lina Schimmel, 43, wuchs in Hamburg auf, der zweitgrößten deutschen Stadt, und damit im Westen. Schon der Vater habe die Natur geliebt, sie selbst als Schülerin vom Aussteigen geträumt, wie es manche beim Heranwachsen tun, ohne später daraus Konsequenzen zu ziehen. Bei Freunden lernten sich die beiden kennen.

Barfuß im Gemüsegarten

Barfuß läuft Lina Schimmel durch den Gemüsegarten. Hinter einem verwitterten, moosbedeckten Zaun wachsen Kräuter, Obst und Gemüse. An diesem Tag erntet sie Dillsamen für die Saat im nächsten Jahr. Frühling, Sommer, Herbst und Winter: Sie geben den Rhythmus der Familie vor. Im Frühjahr zogen zwei schwere Kaltblüter den Pflug durch die Äcker, um die Aussaat vorzubereiten. Im Sommer gehen sie mit dem Miststreuer über die Felder und Blumenwiesen, die den 60 Bienenstämmen als Nahrung dienen.

Der Honig ist eine der Rückfall-Optionen, die der Familie erlaubt, auf die andere Welt zuzugreifen – die Welt draußen, die Welt der Warenströme. Zwei Tonnen Honig haben die Bienen produziert. In normalen Jahren ist es die Hälfte. Weil es kaum geregnet hat, mussten die Tiere kaum im Stock bleiben, und die Sonne hat Wachstum und Blüten gebracht. Um den Verkauf muss man sich nicht sorgen, weil Deutschland im Honigessen weltklasse ist: 1,1 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Nur ein Fünftel des Bedarfs konnte 2017 ohne Importe gedeckt werden. Seit kurzem haben die Schimmels nun sogar Internet, um die Bestellungen zu bedienen. Außerdem verkaufen sie Rindfleisch.

Fällt die Ernte einmal nicht so üppig aus oder die Milch bereitet Probleme, können sie zukaufen, was fehlt. Bereits Ende Oktober ist bei den Schimmels alles angerichtet für die kalte Jahreszeit. Nur ein paar Äpfel müssen noch gepflückt werden, ein wenig Lagergemüse muss in den Keller kommen: etwa rote Beete und Möhren.

Steffen Schimmel sitzt am Holztisch vor der Haustür und beißt in ein Brot mit „Immenschiet“, so hat er seinen Honig getauft. Er erzählt von einer Nachbarin, Kriegsgeneration, aufgewachsen auf dem Land. „Was die alles weiß!“, ruft er. „Was die alles gemacht haben.“ Abfall vermeiden, Lebensmittel selbst herstellen. Zu ihren Zeiten war es eine Notwendigkeit. „Es gab keine Möglichkeit, schnell im Laden alles zu kaufen.“ Im Gespräch mit der Nachbarin merke er, was verlorengegangen sei – Wissen über Pflanzen, die als Hausmittel gegen Krankheiten helfen oder sich anders nutzen lassen: Seifenkraut als Waschmittel, Spitzwegerich gegen Insektenstiche. Auch Lina Schimmel hat sich mit den Jahren viel Wissen über Heilpflanzen angeeignet. Sie verarbeitet die Pflanzen in Tees und Tinkturen.

Zweifel unbekannt

Auch anderes aus der Natur kommt zum Einsatz: Die Halme des Roggenstrohs werden mit Lehm vermischt, um Wände zu bauen oder das Dach abzudichten. Die Kühe und anderen Tiere der Schimmels haben mehr als eine Funktion: Sie liefern Milch, Fleisch, Käse. Sie sind Lastenschlepper, Wächter, Schädlingsbekämpfer. Von dem knappen Dutzend Rindern, die auf dem Hof weiden, werden zwei für den eigenen Verbrauch geschlachtet. Sechs bis sieben werden verkauft.

Ein richtiges Krisenjahr? „Hat es noch nicht gegeben“, sagt Steffen Schimmel, Lina Schimmel bestätigt es. Mal fiel die Honigernte geringer aus, ein anderes Jahr warf das Getreide weniger ab. Zweifel an ihrem Lebensentwurf seien deshalb nie aufgekommen. „Das alles schlecht war, ist eigentlich nie passiert“, sagt er. Am schlimmsten sei es gewesen, als in einem Jahr unerwartet mehrere Tiere starben.

Einmal stürzte sich ein Greifvogel auf die Laufenten, die den Gemüsegarten von Schnecken befreien. Eine war schwer verletzt. Lina Schimmel hatte nie ein Tier getötet. Nun lag da eines und litt. Sie erlöste die Ente. Später gab es Entenbraten.

1999 wurde der erste Sohn geboren, 2001 die Tochter, vier Jahre später der jüngste Sohn. Mit dem ersten Kind war es am schwersten, sagt die 43-Jährige. Manchmal fühlte sie sich am Ende ihrer Kräfte: Wenn der Kleine schrie und die Ernte eingebracht werden musste. Auf den nächsten Tag verschieben, freimachen?

In der Stadt mag das gehen, aber nicht, wo Tiere und Pflanzen zu versorgen sind. Sich im Urlaub vom Alltag erholen? Schwer zu machen. „Im Januar waren wir mit Steffens Familie vier Tage in Dänemark.“ Länger fahren sie nicht gerne weg. Lina Schimmels Mutter hütete den Hof, eine Nachbarin unterstützte sie. Zum Melken kam ein Helfer.

Mit dem Auto zu Freunden und Sportvereinen gebracht werden? Den Kindern ist das fremd. Sie müssen mit dem Fahrrad zur Schule nach Kalkhorst fahren, auch im Winter. Drei Bushaltestellen gibt es in dem Ort. In gewisser Weise sind sie das Tor zur Rest-Welt, auch wenn ihre Namen kaum danach klingen: Kalkhorst-Dorf, Kalkhorst-Schule, Kalkhorst-Kirche. Ein Auto besitzt die Familie nicht.

Manchmal fliegen bei der Feldarbeit Flugzeuge über Steffen Schimmel. Dann schauen oben aus den Fenstern Urlauber, Geschäftsleute und Berufspendler, sehen Landstriche zu geometrisch geformten Parzellen schrumpfen. Von oben ist er mit seinem Gespann höchstens ein winziger Punkt in der Landschaft. Ihn erinnern die Stahlkolosse mit ihren Insassen an diese andere Art zu leben: an die der Arbeitsverträge, des Welthandels und der Globalisierung. „Manchmal komme ich mir dann schon komisch vor, hier unten auf meinem Pflug“, sagt er.

Oder wenn der Nachbar mit dem Trecker den Acker pflügt, „während ich hier langsam Furche um Furche mache“. Andererseits: zwei Meter über dem Boden zu sitzen, dazu das Radio an, so zu arbeiten könne er sich nicht vorstellen. Zu weit entfernt vom Boden sei das, zu distanziert.

Richtigen Platz gefunden

Das Leben der Schimmels ist eines im Energiesparmodus. Fühlt es sich manchmal wie ein Verlust an, wie Verzicht? Lina Schimmel denkt nach. Dann sagt sie: „Als wir das letzte Mal in Berlin waren, da hat Steffen gesagt, er verstehe diese ganzen Leute nicht und was die alle hier machen, also auf eine emotionale Art.“

Doch könnte das Leben der Familie ein Modell auch für jene sein, die heute in der Großstadt leben? Wohl kaum. Das zeigt auch eine Art „Thron“, mit rotem Stoff überdeckt, der verloren im Badezimmer steht. Darunter: eine Toilette mit Wasserspülung. Installiert hat sie der älteste Sohn, für seine Freundin, die nicht aufs Plumpsklo der Familie gehen wollte.

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland würde wohl nicht wie die Schimmels leben wollen. Nicht jeder ist für das Landleben gemacht. „Die, die die Flugzeuge bauen, muss es natürlich auch geben“, sagt Steffen Schimmel, all die anderen auch. Denn die Moderne beruht auf Arbeitsteilung: Für alle Aufgaben, die zu erfüllen sind, bilden sich Zuständigkeiten und Berufe aus. Die Schimmels jedenfalls haben den richtigen Platz für sich gefunden.