Reportage

Millionen Täter, kaum Ermittler

Archivartikel

Kinderpornografische Bilder und Videos sind im Internet massenhaft zu finden. Nicht alle, die das Material vor dem Bildschirm betrachten, sind sich bewusst: Dahinter steckt immer Missbrauch.

Schmal ist der Raum, nüchtern. Die vier Ermittler der Kriminalpolizeiinspektion Rostock schauen sich auf den drei Monitoren pro Schreibtisch oft unerträgliche Bilder an. Ihre Abteilung ist klein, ihr Aufgabengebiet, die Kinderpornografie, unermesslich groß. „Wir stehen einem riesigen Berg gegenüber“, sagt Matthias Ritter. Der 40 Jahre alte Kriminalhauptkommissar denkt bei diesen Worten an die weltweit wohl in die Millionen gehende Zahl der Täter.

Jeder Beamte in der Ostseestadt, ausgestattet mit Expertenwissen im IT-Bereich und einer ordentlichen Portion psychischer Stabilität, kann auf einem Monitor die Arbeit der anderen verfolgen. Die vier haben zusammen acht eigene Kinder, das älteste ist elf. Viele Opfer auf den Bildern sind genauso alt. Hunderttausende Kinder jeden Alters, auch Babys, werden oft mit unglaublicher Brutalität missbraucht – meist von Männern. Es sind aber auch Frauen dabei. Oft tauchen Fotos und Filme davon später im Internet auf.

Nachfrage hat Einfluss

Die Betrachter der Aufnahmen sitzen zu Zehntausenden vor ihren Monitoren – auch in Deutschland. Täter, die ihre Opfer malträtieren, filmen und fotografieren, sind ebenfalls hier zu Hause. Gerade erst vor kurzem wurde der Fall des massenweisen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen bekannt.

Und auch die Betrachter sind Täter, sie erzeugen Nachfrage, sorgen mit dafür, dass viele Opfer lebenslang zumindest bildlich in der Opferrolle bleiben, denn das Internet vergisst nichts. Jeder Klick auf ein Foto oder einen Film kann als neuer Missbrauch gewertet werden.

Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet 2017 in Deutschland rund 12 850 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch. In 6512 Fällen ging es um Besitz und Verbreitung von kinderpornografischem Material. Die Dunkelziffer ist weit höher.

Im Büro der Ermittler ertönt ein Ruf: „Schaut mal, was haltet ihr denn davon?“ Auf Ritters Monitor taucht ein Foto auf. „Die Kollegin wertet einen Stick von jemandem aus, der ein sehr breitgefächertes Interesse hat –nicht nur Porno mit Kindern, sondern auch Kot, Tiere und extreme Gewalt“, versucht er das Unbeschreibliche zu erklären. Fast cool wirkt er dabei, seine Kollegin auch. „Man gewöhnt sich daran. Anfangs habe ich ein wenig länger hingeschaut, weil ich es gar nicht fassen konnte“, sagt sie. Sie dürfe sich nie vorstellen, in diesen Fotos die eigenen Kinder zu sehen, „sonst geht der Job nicht“.

Mühevolle Polizeiarbeit

Die meisten Aufnahmen kennen die Kommissare schon. Sie kursieren seit Jahren im Netz. „Und dann kommt der Moment, in dem man etwas Neues sieht. Ein Möbelstück oder eine Blümchentapete.“ Es folgt mühevolle Polizeiarbeit, die irgendwo auf der Welt möglicherweise in eine Verhaftung münden kann.

Die Arbeit schweißt zusammen, sie ist mit heftigen Gefühlen verbunden. Das hält nicht jeder aus. Ein halbes Jahr Probezeit in der Gruppe ist obligatorisch. Ritter nennt einen Teil des Anforderungsprofils: „Man muss zusammen Pornos gucken können.“ Jüngst wurde eine Supervision eingeführt, die den Ermittlern helfen soll, das Gesehene zu verdauen. „Das hat nach erster Skepsis positiv eingeschlagen.“

„Es gibt kein Syndrom, mit dem Missbrauchsfolgen beschrieben werden“, sagt Evelin Werner, forensische Gutachterin in Rostock, über das Krankheitsbild als Folge von Missbrauch. Die Kombination der Symptome hängt vom Alter ab, in dem ein Kind missbraucht wird, von der Gewalt, die es erlebt, oder von der Frage, wie lange es den Handlungen ausgesetzt ist. Wenn etwa ein zweijähriges Kind anfangs ohne Schmerz erzeugende körperliche Gewalt missbraucht werde, könne dies für das Opfer zur Normalität werden – wie frühstücken, meint die Expertin. Klarheit über das Geschehen sowie über die mitunter brutalen Auswirkungen auf die soziale und emotionale Entwicklung träten oft erst im späteren Leben zutage.

Trotz der Vielfalt der Symptome gilt, dass die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit der Betroffenen häufig gestört sei, erläutert Werner. Möglicherweise wüssten die Opfer ihr Leben lang nicht, wie man sich anderen Menschen angemessen nähert. Ihr soziales Weltbild sei verschoben. In der Pubertät könne es in der Schule zu scheinbar unerklärlichen Leistungseinbrüchen kommen. „Viele Betroffene werden kein normales Leben führen, sondern ein Leben mit Haltlosigkeit und ohne Grundvertrauen zu anderen.“

In der Opferambulanz der Universitätsmedizin Rostock untersucht die Rechtsmedizinerin Verena Blaas Kinder, die die Polizisten in der Regel nur auf dem Monitor sehen. Stofftiere wie Teddybären und ein Storch warten am Rand des Wickelbretts, um die Kleinen abzulenken. „Die Diagnostik ist extrem schwierig“, sagt Blaas. „Sicher bewiesen ist ein Sexualkontakt nur bei einer Schwangerschaft oder bei Sperma am oder im Körper.“

In mehr als 90 Prozent der Fälle gebe es körperlich unauffällige Befunde, doch das schließe die Taten nicht aus. Viele Formen des sexuellen Kindesmissbrauchs führen nicht zwangsläufig zu Verletzungen. Zudem hätten viele Täter kein Interesse, die Kinder zu verletzen. „Sie wollen ja ihre Handlungen fortsetzen.“ Einmal musste ein dreijähriges Mädchen unter Vollnarkose untersucht werden. Der Verdacht war groß. „Wir konnten genitale Verletzungen feststellen. Der Täter wurde verurteilt.“

Wie die Polizei arbeitet auch die 32-jährige Blaas oft im Team. Wenn es mal nicht klappt, die Probleme im Institut zu lassen, etwa bei Fällen mit roher Gewalt, sei neben der internen Besprechung der Partner da. Oder auch der Hund, mit dem sie spazieren gehen kann. Gewalt gegen Kinder und Missbrauch seien Phänomene, die durch die ganze Gesellschaft gingen, weiß sie. Die Taten kämen auch in gut situierten Familien vor. Überhaupt: Sie geschähen meist im familiären Umfeld. „Kleine Kinder haben häufig noch kein Unrechtsbewusstsein und sind im tiefen Loyalitätskonflikt.“ Das heißt: viel Arbeit für Psychologen und Ärzte bis ins Erwachsenenalter.

Gleichzeitig stelle die Familie eine Barriere dar, die für Helfer schwer zu überwinden sei. „Und später, wenn die Kinder wissen, was passiert ist, ist das Thema so schambesetzt und die Angst, die Familie zu zerstören, immens groß.“ Ganz schlimm sei es, wenn die Kinder denken, selbst schuld zu sein, sagt Blaas.

„Augenschließen im Glauben, dass die Verbrechen Tausende Kilometer entfernt stattfinden, bringt nichts. Sie geschehen auch hier“, bestätigt der Chef der Kriminalpolizeiinspektion Rostock, Rogan Liebmann. Die Kinderpornografie sei zu einem Massenphänomen im Verborgenen des Internets geworden. „Aber die Gesellschaft will davon nichts wissen.“

Viele Hinweise aus den USA

Besonders viele Hinweise erhalten die Ermittler aus den USA, wo die Provider verpflichtet sind, kinderpornografische Dateien zu löschen und den Behörden zu melden. Wenn aber die Infos von dort einliefen, seien in Deutschland die IP-Adressen meist schon gelöscht. Ein Ausweg sei die Vorratsdatenspeicherung, die Dauer-Speicherung des digitalen Fingerabdrucks, sagt Liebmann. Derzeit wird auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur umstrittenen Speicherung gewartet. „Das beste Handwerkszeug ist uns verboten“, bedauert er. Er steht dabei im Konflikt mit Menschen, die im Speichern einen Eingriff in die Grundrechte sehen.

Die Vorratsspeicherung zieht sich wie ein roter Faden durch die Argumentation der Rostocker Polizei. „Jeder akzeptiert, dass am Auto ein Nummernschild ist“, sagt Ritter. Wer zu schnell fährt, wird geblitzt, kann gefunden werden und zahlt Strafe. „Nur im Internet, mit Verbrechen in tausendmal schlimmeren Dimensionen, erlauben wir uns das nicht“, kritisiert er.

Liebmanns Leuten sind bei der Arbeit enge Grenzen gesetzt: Die Weitergabe von Kinderpornografie ist strafbar, auch für Ermittler. Deshalb versuche man, mit künstlichen, aber real wirkenden Bildern Zugang in Tauschbörsen zu bekommen.

Derzeit gilt für den Besitz von Kinderpornografie eine Strafandrohung von maximal drei Jahren. Ein Ladendieb kann fünf Jahre bekommen. Die Mindeststrafe für sexuelle Gewalt gegen ein Kind beträgt aktuell sechs Monate – und sei somit nur ein Vergehen, erläutert der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. Wohnungseinbruch sei dagegen mit mindestens einem Jahr Strafe zum Verbrechen gemacht worden. Eigentum einen höheren Stellenwert einzuräumen als der körperlichen Unversehrtheit und der ungehinderten Entwicklung von Kindern sei einfach nur peinlich und absurd, schimpft er.

Das geheimnisumwitterte Dark-net spielt für die Rostocker Fahnder keine tragende Rolle. Letztlich landeten die meisten Bilder doch im offenen Internet. Allerdings gehe es im Darknet härter zu: Hinter Bezahlschranken sei Missbrauch sogar live zu verfolgen.

Das BKA wertet aus

Als Zentralstelle der Polizei ist das Bundeskriminalamt (BKA) für das Auswerten und Weiterleiten der Erkenntnisse an die Behörden zur Strafverfolgung zuständig. „Primäres Ziel ist es immer, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu verhindern beziehungsweise zu beenden“, sagt Matthias Wenz vom BKA-Referat zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs. Er sagt auch: „Der Konsum von Kinderpornografie steigert nachweislich das Risiko für die Begehung eigener Missbrauchshandlungen.“ 2017 wurde gegen 5669 Tatverdächtige wegen Kinderpornografie ermittelt, 800 mehr als im Jahr davor.

Der Rostocker Ermittler Ritter kennt die Ausreden, wenn die Fahnder fündig werden: „Zufällig findet man Kinderpornografie nicht“, sagt er. Wer solche Bilder auf seinem PC habe, sei Täter. Das aber ist nicht allen bewusst. Ritter berichtet von Vernehmungen, die mit Tränen endeten. Einmal fanden sie auf einem Rechner mit Fotos und Filmen auch Einträge in Foren, in denen der Täter „Todesstrafe für Kinderschänder“ forderte. Manche seien eben der Meinung, sie begingen beim bloßen Anschauen noch keinen Missbrauch.