Reportage

Rebellinnen auf Rollschuhen

Aggressives Rempeln und blaue Flecke sind erwünscht: Roller Derby bedeutet Vollkontakt auf Rollschuhen. Frauen sind die Stars dieses Sports, mit Mädchenklischees wollen sie aufräumen.

Hooks sagt: „Mein Job ist es, andere zu hauen.“ Sie zieht sich schwarz-grüne Schoner über die Knie, schnürt ihre Rollschuhe und setzt den schwarzen Helm auf. Darauf prangt ein Aufkleber mit dem englischen Wort „Against“ – gegen. „Ich wollte nicht den Namen der Marke auf der Stirn stehen haben, deswegen habe ich den Aufkleber darüber gemacht“, sagt die Frau mit den kurzen, dunkelblonden Haaren. Sie trägt ein rotes Top. Nase und Unterlippe sind gepierct.

„Ich bin total froh, dass wir heute in Rot spielen. Frankfurt spielt in Blau. Das heißt, es wird sehr farbenfroh.“ Hooks schnappt sich noch schnell eine Banane und fährt in die Ecke ihrer Mannschaft, der Bear City Roller Derby aus Berlin. Das runde, rot-weiße Logo der Spielerinnen zeigt einen brüllenden Bär. Gleich geht’s los mit dem Wettkampf im Roller Derby, einem Sport, von dem Hooks begeistert ist, den viele andere jedoch nicht mal kennen. Über den einige sagen, er sei seltsam und zu brutal. Und andere meinen, er gebe Selbstbewusstsein.

In einer Turnhalle in Potsdam werden die letzten Vorbereitungen für das Bundesliga-Spiel gegen die Hessen getroffen. Im Anschluss treten zwei weitere Mannschaften gegeneinander an: Die Potsdamer Prussian Fat Cats und ein Team, das bunt zusammengewürfelt ist. Hooks ist heute doppelt gefragt: zuerst als Spielerin. Und später als Trainerin bei Potsdam.

Sammeln für Wohnprojekt

Frauen mit Rollschuhen, aggressiver Körperkontakt, zwei Mannschaften und kein Ball: Mit diesen Merkmalen lässt sich Roller Derby kurz beschreiben. Jedes Team hat 15 Mädels „on Skates“, also auf Rollschuhen, die auf einer ovalen Bahn unterwegs sind. Es spielen aber immer nur fünf, die alle zwei Minuten ausgetauscht werden. Ein Match besteht aus zwei Halbzeiten zu je 30 Minuten. Grob geht es darum, dass eine der Frauen im Team, die sogenannte Jammerin mit Stern am Helm, die Spielerinnen des Gegners passieren muss. Die Frauen des anderen Teams versuchen, sie mit Einsatz ihres Körpers daran zu hindern. Wenn es die Jammerin an den Gegnerinnen vorbei schafft, bekommt sie pro überholte Spielerin einen Punkt. Am Ende gewinnt die Truppe mit den meisten Punkten.

Mehrere junge Frauen in schwarzen Leggins und Kapuzenpullis kleben kurz vor dem Start mit pinkem Klebeband die Linien für die Bahn, den Track, am Hallenboden fest. Unter dem Band muss ein Seil befestigt werden, was das Ganze aufwendiger macht. „Das Seil muss darunter, damit man mit den Rollschuhen merkt, wenn man aus der Bahn tritt“, erläutert eine der beiden. Sie sind an diesem Samstag seit neun Uhr in der Halle einer sozialen Einrichtung, um alles vorzubereiten.

In der hinteren Hallenecke sind Biertische aufgebaut, auf denen vegane Kuchen und Muffins Platz finden. „Beim Roller Derby ist alles selbst organisiert, das ist natürlich eine Menge Arbeit“, sagt Hooks. Das Essen wird gegen Spenden verkauft. Die Sportlerinnen sammeln Geld für ein Frauenwohnprojekt für ältere Lesben mit Behinderung der Berliner Initiative RuT – Rat und Tat. „Soziales und politisches Engagement spielt in vielen Roller-Derby-Mannschaften eine Rolle“, erzählt Hooks.

Einige Teams skaten bei Demonstrationen zum Christopher Street Day oder der Gay Pride mit, manche sind aktiv in der Stadt- und Kommunalpolitik. Der nationale Verband, Roller Derby Deutschland, positioniert sich auf seiner Webseite klar gegen jede Art der Diskriminierung. „Ich glaube, viele würden sich feministisch nennen“, sagt Hooks über die Roller-Derby-Szene.

Hooks heißt eigentlich Susanne Eckler, aber in der Derby-Gemeinschaft hat jede Spielerin einen weiteren Namen, den sie sich aussucht. Die Tradition kommt aus der Punk-Szene. „Mein bürgerlicher Name wird oft mit Susi abgekürzt. Das passt überhaupt nicht zu mir, der Klang gefällt mir nicht. Und so würde ich mich auch nicht verorten. Die klassische Einordnung Mädchen oder Junge, das brechen die Derby-Namen auf.“ Der volle Zweitname der 29-Jährigen heißt Christie Huckevoll, abgeleitet von „du kriegst die Hucke voll“ – kurz Hooks. Andere Team-Mitglieder nennen sich etwa Karo’Bolage, Pollytrauma und Rodeo. Fast alle rufen sich nur bei ihrem Derby-Namen. Wie die Namen erahnen lassen, geht es im Wettkampf nicht zimperlich zu.

„Zusammen mit anderen stark zu sein“, nennt Hooks das. Die Frauen sind mit Helm, Knie- und Ellenbogenschützern ausgerüstet. Das erhöht die Sicherheit bei den Versuchen, die Gegnerinnen aus dem Feld zu drängen oder am Vorbeikommen zu hindern. „Vollkontakt-Sport heißt: Wir spielen mit dem ganzen Körper. Es gibt legale Zonen, mit denen ich blocken darf, vor allem mit dem Oberkörper.“ Sechs Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter beobachten die Rempeleien genau. Immer wieder ertönt die Pfeife und Spielerinnen müssen für ein paar Minuten auf die Strafbank.

Die Regeln kommen vom Weltverband Women’s Flat Track Derby Association in den USA. Mehrere Hundert Clubs sind darin organisiert. In seinem Ranking werden rund 250 Teams weltweit gelistet. Das Berliner A-Team stand Ende Mai auf Rang 28. Die Bestenliste wird oft von Mannschaften aus Australien oder den USA angeführt.

In Amerika hat der Sport auch seinen Ursprung. Etwas mit dem Namen Roller Derby gab es – so berichtet der Verband – schon in den 1920er Jahren, damals in Form von Wettrennen. Mit Hilfe des Unternehmers Leo Seltzer entwickelte sich daraus in den 30er und 40er Jahren ein Wettkampf für Teams, die Seltzer erfolgreich für das Fernsehen vermarktete. Die Rangelei auf Steilbahnen wurde mehr und mehr zur Show mit Stunt-Einlagen und Geschichten auf Drehbuchbasis, ähnlich dem Kampfsport Wrestling. Und geriet später ins Abseits.

Die Wiederkehr des modernen Roller Derbys wird auf die Nullerjahre datiert, in Austin im US-Bundesstaat Texas. Die Spielerinnen der Texas Rollergirls organisierten das Spiel neu auf einer flachen Strecke. Dadurch wurde der Sport praktisch in allen Hallen möglich und war nicht mehr an eine Steilbahn gekoppelt.

Bei uns fristet dieser Rollschuhsport eher ein Nischendasein. Starke Teams, die in der Bundesliga spielen, gibt es vor allem in Großstädten wie Berlin, Frankfurt, Stuttgart und München. Dass Roller Derby relativ unbekannt sei, könnte daran liegen, dass wenig darüber berichtet werde, sagt Ilse Hartmann-Tews, die sich an der Sporthochschule Köln mit Soziologie und Genderforschung beschäftigt. „Die Forschung zeigt regelmäßig, dass in der Tagespresse - Print-, TV und Online – Sportlerinnen marginalisiert werden und fast gar nicht präsent sind.“

Deswegen will Hooks auch nicht, dass Männer in ihrem Team mitspielen. Die meisten Sportarten seien von Männern dominiert, sagt sie. Frauenmannschaften existierten meist „so daneben“. Roller Derby rückt hingegen Frauen in den Fokus – sie sind in den Augen vieler Fans die Stars. Es gibt auch einige Männer-Teams, die aber nur eine Nebenrolle einnehmen. „Das soll auch so bleiben“, meint die 29-Jährige.

In der Woche bewegt sich Hooks durchschnittlich acht bis elf Stunden auf Rollen. Dazu kommt das Fitness-Programm. Für die Organisation, etwa die Arbeit für den Verein, braucht sie „locker noch mal so viel Zeit“. Weil sie freiberuflich in einem Kollektiv arbeitet, lässt sich der Beruf relativ gut um ihr „übergroßes Hobby“, wie sie sagt, herumplanen. Beim zweiten Spiel des Tages steht Helena Kürten mit Krücken und geschientem Bein an der Seite von Hooks. Sie feuert die Potsdamerinnen an. Kürten hat sich das Sprunggelenk beim Training verletzt und kann deshalb nicht als Chrrrelena Crash auf dem Spielfeld mitmischen. Ein Dreivierteljahr habe sie zu Beginn gebraucht, bis Umdrehen „bei vollem Speed“ – in vollem Tempo – klappte. Jetzt ist der Sport für sie ein „Vollzeit-Ding“. Ihr gefällt vor allem die Aggressivität, die Bewegung auf den Skates. Außerdem dass so gut wie alles nur von Frauen gemacht wird – und dass man über sich hinaus wächst. Aber ihre Verletzung? „Die Mädels haben sich sehr um mich gekümmert, mich ins Krankenhaus gefahren. Die Mädels waren Zucker.“ Ihre Eltern hätten sich noch nie ein Spiel angeschaut, sie fänden das komisch. Bei Freunden sei das anders, aber manche würden auch noch nach drei Jahren fragen, wo eigentlich der Ball sei.

Mit Leidenschaft dabei

Brigitte Richter ist 72 Jahre alt und heute das erste Mal als Zuschauerin in der Halle. Der Grund? Weil sie neugierig gewesen sei, wie der Sport ihrer Tochter ablaufe. Neben zwei anderen Eltern von Spielerinnen sitzt sie auf einer Holzbank. „Ich finde es cool und aufregend. Da läuft einem richtig die Gänsehaut über, wenn die Sternenmädchen durchkommen.“ Ihre Tochter habe sie jetzt erst mitgenommen. „Wahrscheinlich hatte sie Angst, Mutter schreit zu viel.“

Wen der Sport einmal gepackt hat, bleibt oft mit Leidenschaft dabei. Für Hooks jedenfalls ist Roller Derby längst mehr als ein Hobby. Nach dem Spiel stehen die Fans ihrer Mannschaften gemeinsam Spalier und klatschen unter Jubelgeschrei die vorbeirollenden Spielerinnen ab. Zur Tradition im Berliner Team gehört es, den Derby-Tag mit einem Whiskey unter der Dusche zu feiern. Blaue Flecken sind dann fast vergessen.

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