Rhein-Neckar

Angeklagter 86-Jähriger zu Haftstrafe verurteilt

Frankenthal.Sie kannten sich seit Jugendjahren, waren glücklich verheiratet - "dann schlich sich eine heimtückische Krankheit in ihr Leben", sagte Richter Alexander Schräder am Dienstag am Landgericht im pfälzischen Frankenthal. Nach mehr als 60 Ehejahren erkrankte die Frau an Demenz und wurde zunehmend pflegebedürftig. Der Mann baute die Wohnung in Speyer um und kümmerte sich aufopfernd um seine Frau - bis die Kräfte des 86-Jährigen schwanden. Anfang Januar 2019 erstickte er die 83-Jährige mit einer Plastiktüte. Dann wollte er sich selbst töten - so habe es das Paar vor Jahren vereinbart, schilderte er vor Gericht. Sein Sohn entdeckte ihn rechtzeitig.

Er habe befürchtet, dass seine Frau nach einer möglichen Verlegung in ein Seniorenzentrum nicht die gleiche liebevolle Pflege erhalten hätte wie in der gemeinsamen Wohnung, ließ der Angeklagte seinen Verteidiger in einer Erklärung verlesen. Von einem tragischen Fall und einer familiären Tragödie sprach das Gericht. Es verurteilte den Angeklagten wegen Totschlags in einem minderschweren Fall zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Durch die Pflege sei der Angeklagte zunehmend überarbeitet gewesen, urteilten die Richter. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre und drei Monate gefordert.

Die Verteidigung hatte sich für eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren ausgesprochen. "Mein Mandant hat getötet, ohne Mörder zu sein", sagte der Verteidiger. Er sprach von einem moderaten Urteil. Der Richterspruch ist noch nicht rechtskräftig.

Der Angeklagte hatte gleich eingeräumt, seiner Frau Schlaftabletten verabreicht und eine Plastiktüte um ihren Kopf befestigt zu haben. Die Frau erstickte den Ermittlungen zufolge. Danach habe er sich auf gleiche Weise töten wollen, sagte der Mann, der deutscher Staatsangehöriger ist. Er schrieb auf einen Abschiedsbrief "Ich spende alles, was brauchbar ist" und lehnte die Wohnungstür an, um den Zugang zu erleichtern. Der Angeklagte konnte gerettet werden, weil bei ihm die Tüte nicht ganz über Mund und Nase reichte.

Das seit 1954 verheiratete Paar habe sich schon vor vielen Jahren gegenseitig versprochen, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, falls ein würdiges Dasein nicht möglich sei, sagte der Angeklagte. "Ich wollte, dass sie friedlich einschläft und mich hinterher selbst töten." Der 86-Jährige hatte seine Frau vor allem in den vergangenen zwei Jahren intensiv gepflegt und trotz schwindender eigener Kräfte die Wohnung umgestaltet - etwa durch eine Art Flaschenzug am Bett. "Meine Frau sollte ein Zuhause haben und nicht bei fremden Leuten sein und die Wand anstarren, und niemand fragt, wie es ihr geht."

Der Angeklagte kam auf einen Rollator gestützt in den Gerichtssaal. Mehrfach musste er um Wiederholung einer Frage bitten, da er schlecht höre. Insgesamt wirkte er zwar geschwächt, er folgte der Verhandlung aber dem Vernehmen nach aufmerksam. Das Urteil nahm er sichtbar gefasst auf. In den fünf Monaten seit der Tat habe er auch durch die Betreuung im Justizkrankenhaus neuen Lebensmut gefasst, sagte er.

Den körperlichen Verfall seiner Frau habe der Angeklagte miterleben müssen, schilderte der Richter in seiner Begründung. Der 86-Jährige habe unter maximaler Belastung gestanden. Gleichwohl handele es sich nicht um Tötung auf Verlangen, weil die 83-Jährige einen solchen Wunsch nicht formulieren konnte. Der Angeklagte habe die Entscheidung getroffen, nachdem sein eigener Zustand schlechter wurde.

Als Zeuge wurde unter anderem der 64 Jahre alte Sohn gehört. Sein Vater habe sich sehr um die Pflege der Mutter bemüht, sagte er. "Ich schaffe es nicht mehr", habe er aber zu Jahresbeginn gesagt. Man habe sich gemeinsam ein Seniorenzentrum angeschaut, in dem Platz für die Eltern gewesen wäre. "Mein Vater wollte keinesfalls, dass fremde Personen meine Mutter pflegen", sagte der Sohn. Vor der Tat habe er zum Vater ein normales Verhältnis gehabt. "Und aktuell?", wollte das Gericht wissen. "Das möchte ich nicht beantworten", sagte der Sohn.