Rhein-Neckar

Der Dämmer-Marathon - ein Erlebnis für sich

Ein zartes Blätterrauschen weht am Samstagvormittag durch die Augusta-Anlage. Die Ruhe vor dem Sturm. Gegen Mittag bauen sich die ersten Stände auf, Becher werden gefüllt. "Das ist nur Wasser", sagt eine der rund 1200 Helferinnen und Helfer, die an diesem Wochenende dafür Sorge tragen dass beim Dämmer-Marathon 2018 insgesamt 9172 Läufer über die Runden kommen werden. Nur Wasser? Und die Elektrolyte? "Das ist für die Kids - die Erwachsenen brauchen 300 Meter nach dem Start noch keine Elektrolyte". Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Langsam füllt sich der Schauplatz, Familien dominieren die Szene. Auf 400 Metern werden die Bambinis um die Wette rennen. Das Happening kommt in die Gänge, die Beschallung erreicht das ganze Viertel rund um den Wasserturm. Menschen mit Startnummern auf der Brust tauchen auf. Blau steht für die halbe Strecke, orange für den vollen Marathon. Soviel sei gesagt: Es gibt deutlich mehr blaue als orangene Startnummern. 772 der Starter werden die ganze Strecke hinter sich legen, 3502 die halbe. Für die restlichen Läufer gibt es je nach Gusto eine Nische: Zehn Kilometer etwa, oder zu zweit, abwechselnd immer einer auf dem Fahrrad. Die "blaue Stunde" naht, die Sonne zieht sich hinter den Fassaden zurück, um den Sportlern nicht den Nacken zu verbrennen. Ein sandfarbener Hund hat sich die Pole-Position gesichert: Am Bratwurststand, erwartungsvoll nach oben wedelnd. Die Zweibeiner werden langsam wach, man bereitet sich vor. Warum tun intelligente Wesen es sich an, stundenlang ohne Not einen Kreis abzulaufen? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Da kommen die Endorphine wie ein Wasserfall", konstatiert Eric Thoms, 55, aus Kaiserslautern. Und Anke Epple, 45, aus Fürth: "Es macht ein saugutes Gefühl wenn man eintrifft und von allen beklatscht wird". "Gemeinsamer Schweiss verbindet", berichtet Gabi Klumb, 58, aus Mannheim. Auf ihrem Trikot ist zu lesen, was man hier nicht vermutet hätte: "Stadtkämmerei". Zu sechst werden die Geldverwalter die Strecke als Staffel absolvieren.

Noch mehr Teams aus der Stadtverwaltung sind angetreten: Die Kollegen aus der Immobilienwirtschaft schauen heute nicht auf Immobilien, sondern nur auf Straßen. Die Mitarbeiter vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung dürfen finden, dass sicher alles so in Ordnung ist, wie es ist. Und auch die Leute aus der Abfallwirtschaft lassen alle Sorgen von sich abfallen. Endlich ist es soweit. Der erste von fünf Blöcken ist dran, die Läufer treten unruhig von einem Bein auf das andere, scharren auf dem Asphalt. Moderator Andreas Menz heizt tüchtig ein, der Countdown läuft, dann ein Knall. Das Publikum johlt, die ersten Läufer sind rasend schnell. Den größten Applaus erntet jedoch ein untersetzter Herr, der schon nach 100 Metern weit abgeschlagen vom Hauptfeld seinen Körper vorantreibt. Dreieinhalb Stunden später, als immer noch ein steter Fluss von Halb-Marathonisten eintrudelt, sitzen die Sieger des Dämmer-Marathons bereits in der Pressekonferenz. Nikki Johnstone, Jahrgang 1984, hat sich mit zwei Stunden und 28 Minuten selbst übertroffen. Hagere Gestalt, ein Gesicht wie für den Windkanal geschnitten. Laufen sei seine Leidenschaft, in zwei Wochen werde er zum nächsten Marathon antreten.

Bei den Damen hat Merle Brunnée mit drei Stunden und einer Minute den Sieg geholt. Die 23-jährige Medizinstudentin aus Heidelberg zieht ihr Training vereinslos, nur auf sich selbst gestellt durch. Veranstalter Christian Herbert ist erleichtert und zufrieden, spricht von einer "schönen, runden Veranstaltung".