Rhein-Neckar

Ilvesheim/Schriesheim/Ladenburg Landtagsabgeordnete Claudia Martin spricht bei CDU über ihre Vergangenheit in der AfD

„Die Partei ist eine Gefahr für unsere Demokratie“

Sie trat 2013 in die AfD ein, wurde gleich Beisitzerin im Kreisverband Rhein-Neckar, später eine seiner Sprecherinnen; 2016 kandidierte sie für den Landtag im Wahlkreis Wiesloch, wurde gewählt und war nun Mitglied der AfD-Landtagsfraktion – alles in allem eine Blitzkarriere, die die gelernte Erzieherin Claudia Martin da hinlegte. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die 48-Jährige eine zumindest ungewöhnliche Festrednerin war – immerhin hatte zur Feierstunde am gestrigen Tag der Deutschen Einheit die CDU eingeladen. Genauer gesagt die Orts- und Gemeindeverbände aus Ilvesheim, Ladenburg und Schriesheim, die sich erstmals zusammentaten.

Die Kooperation wurde bei Kaffee und Kuchen in den Begrüßungen der Vorsitzenden Georg Sommer (Ilvesheim) und Christiane Haase (Schriesheim) kurz angerissen, dann ging es aber gleich zur Sache, sprich zu Martins Ansprache. Die anfängliche Euphorie der frisch gebackenen Politikerin – „diese Partei war neu, sie war laut und man konnte sie im wahrsten Sinne des Wortes anpacken“ – wandelte sich recht schnell erst in Skepsis, dann in Widerstand. Denn statt sich gegen Extremismus abzugrenzen, habe sich eine „Radikalisierungsspirale“ immer schneller gedreht, schildert Martin.

„Horrorshow“ AfD-Fraktion

Stichwort Wolfgang Gedeon: Innerhalb der Fraktion entspann im Zusammenhang mit den Antisemitismus-Vorwürfen ein Streit über seinen Ausschluss. Martin, die dafür war, erlebte die Fraktion als „Horrorshow“ und „einen Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen, dessen Gier nach Macht und Einfluss am Ende größer war als der Wille, sich wirklich gegen Antisemitismus zu stellen.“ Und eine Fraktion, der der Zusammenhalt wichtiger war als die Abgrenzung nach rechts: Weshalb sie bereits im Dezember 2016 aus Partei und Fraktion austrat. Statt als fraktionslose Abgeordnete weiter zu machen, schloss sie sich der CDU an – ein Wandel, der klar machte, warum die Rednerin durchaus zur Veranstaltung passte.

Mittlerweile gehört sie den Ausschüssen für Soziales, Wirtschaft und dem Petitionsausschuss an, ist zudem behindertenpolitische Sprecherin. Was Martin darüber hinaus für die Ansprache am Feiertag prädestinierte, war ein anderer Teil ihrer Biografie: Geboren im Erzgebirge und aufgewachsen in der Lausitz, erlebte sie bis zum 20. Lebensjahr die DDR und die deutsche Teilung. Das Kind staatstreuer Eltern durfte keine „Feindberührung“ haben, der Kontakt zu Verwandten aus dem Westen war verboten: Solche Zeiten, bekannte sie, wolle sie nie wieder erleben.

In DDR von Nachbarn bespitzelt

Nach dem Mauerfall forderte der Vater seine Stasi-Akten an und musste feststellen, dass die Familie quasi flächendeckend überwacht worden war, dass alles kontrolliert wurde bis zur vorschriftsmäßigen Beflaggung an Feiertagen. Es sei ein merkwürdiges Gefühl, das zu lesen, gestand sie: „Und auch zu sehen, wer uns beobachtet hat, dass das vom Fenster des Nachbarhauses aus geschah.“ Fast ein wenig verwundert klang es, als die Wieslocherin feststellte: „Und doch bin ich in die AfD eingetreten.“

In der anschließenden Diskussionsrunde wurde das Thema wieder aufgegriffen, ein Mitglied wollte wissen: „Was machen wir als CDU falsch? Wo müssen wir ansetzen, um die Menschen wieder zurückzuholen?“ Martin überlegte: „Man wählt heute nicht mehr nach Parteien, man will das Gefühl haben, mitzureden.“

Einen musikalischen Akzent setzte daraufhin der junge Musiker Thimo Härter am Klavier – seine Interpretation von Elvis’ „Can’t stop falling in love with you“ hätte in dem Moment kaum besser passen können. Martins Liebe zur AfD kam jedoch dauerhaft zu einem Ende; sie betonte: „Sie ist im Kern eine rechtsextreme Partei, und es bereitet mir große Sorgen, dass sie trotz ihrer extremen Gesinnung immer weiter an Einfluss und Macht gewinnt. Sie ist eine Gefahr für unsere Demokratie.“ Denn letztlich würden auch Populisten nichts weiter tun als eine Mauer bauen: „Nur nicht aus Beton und deshalb nicht gleich sichtbar. Aber mindestens genauso gefährlich.“