Rhein-Neckar Löwen

Gensheimer: „Bin auf keinen Fußballer neidisch“

Archivartikel

Mannheim

Die Fans der Rhein-Neckar Löwen verehren ihn: 13 Jahre trug der Mannheimer Uwe Gensheimer das Trikot des Handball-Bundesligisten. 2016 verabschiedete er sich als Kapitän mit dem Meistertitel, nun spielt der Linksaußen für Paris Saint-Germain und ab Samstag für die deutsche Nationalmannschaft bei der EM in Kroatien.

Herr Gensheimer, Sie leben seit eineinhalb Jahren in Paris. Ist die französische Hauptstadt Ihre neue Heimat?

Uwe Gensheimer: Das wäre zu hoch gegriffen. Meine Frau Sandra, unser Sohn Matti und ich haben in Paris unser Zuhause und fühlen uns dort in unseren eigenen vier Wänden sehr wohl. Unsere Wohnung ist unser Rückzugsort. Wir fühlen uns heimisch. Aber meine Heimat ist die Rhein-Neckar-Region.

Ihr Sohn wurde kurz vor Ihrem Umzug nach Paris geboren und ist jetzt eineinhalb Jahre alt. Eifert er seinem Vater schon nach?

Gensheimer: Er rennt zumindest rum und wirft mit dem Ball. Ich glaube, er wird Rechtshänder.

Also wandelt er schon auf Papas Spuren. Macht Sie das glücklich?

Gensheimer (lacht): Nicht nur das, sondern einfach das große Ganze bereitet mir viel Freude und macht riesigen Spaß. Vater zu sein ist eben etwas ganz Besonderes. Es hat sich viel verändert in meinem Leben, die Nächte waren auch nicht immer einfach und sicherlich habe ich den einen oder anderen in meinem Freundeskreis vernachlässigt. Aber ich bin nicht mehr nur Handballer, sondern auch Papa. Matti nimmt viel Zeit und Raum in meinem Leben ein.

Sie sind in Paris mittlerweile auch mit dem Auto unterwegs. Welche Erfahrungen haben Sie im Straßenverkehr gemacht?

Gensheimer: Da geht es hart zur Sache und es wird schon mal chaotisch, man muss ein bisschen nach Instinkt fahren. Und wenn es dann eine Lücke gibt, gilt es, in diese schnell reinzuschießen.

Und wie haben Sie die Franzosen an sich kennengelernt?

Gensheimer: Sie geben sich im Alltag deutlich höflicher und zuvorkommender als im Straßenverkehr (lacht). Die Franzosen legen wirklich viel Wert auf Freundlichkeit im persönlichen Umgang. Und auch wenn es in Paris hier und da etwas wuselig und hektisch zugeht, kommt der gemütliche französische Lebensstil nicht zu kurz. Das gefällt mir.

Welche Berührungspunkte haben Sie mit den Fußballern von Paris Saint-Germain?

Gensheimer: Ab und zu schaue ich mir mit Mannschaftskollegen ein Spiel im Stadion an. Umgekehrt kommen die Fußballer auch mal zu uns. Hin und wieder treffe ich mich mit Kevin Trapp (deutscher Torwart von PSG, Anmerkung der Redaktion). Mehr Kontakt gibt es eigentlich nicht.

Und wie nehmen Sie das glitzernde Pariser Fußball-Projekt mit seinen irren Transferausgaben wahr?

Gensheimer: Der Hype um die Fußballer ist einfach der Wahnsinn. Sie sind das große Thema in der Stadt, fast jedes Heimspiel ist ausverkauft und die Fanshops sind immer voll. Ich wohne in unmittelbarer Nähe des Prinzenparks und habe den Trubel hautnah erlebt, als Neymar im Stadion als Neuzugang präsentiert wurde. Da war einfach die Hölle los, das ist eine andere Welt.

Für den brasilianischen Superstar legte PSG 222 Millionen Euro auf den Tisch.

Gensheimer: Das ist natürlich eine Summe, die für jeden Menschen schwierig nachzuvollziehen ist. Die Transferausgaben explodieren und es sieht nicht danach aus, dass diese Entwicklung endet. Aber anscheinend sind diese Summen auf irgendeine Art und Weise refinanzierbar. Das ist verrückt.

Auch die Gehälter entwickeln sich entsprechend. Sind Sie manchmal ein bisschen eifersüchtig?

Gensheimer: Es gibt keinen Grund, auf irgendeinen Fußballer neidisch zu sein. Ich durfte mein Hobby zum Beruf machen. Darüber bin ich sehr glücklich.

Sie haben ein starkes erstes Jahr in Paris gespielt, der Verein denkt bereits über eine Verlängerung Ihres bis 2019 gültigen Vertrags nach. Sehen wir Sie noch einmal bei den Löwen - in welcher Funktion auch immer?

Gensheimer: Mir wurde das Thema mit der Vertragsverlängerung in Paris zuletzt ein wenig zu hoch gehängt. Richtig ist, dass der Club sein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit signalisiert hat. Mehr aber auch nicht. Es wird irgendwann Gespräche mit PSG geben, aber es gibt auch keine Eile. Unabhängig davon ist es natürlich immer möglich, irgendwann zu den Löwen zurückzukehren. Die Rhein-Neckar-Region ist meine Heimat und ich habe immer gesagt, dass ich es mir sehr gut vorstellen kann, nach meiner Zeit in Paris hier meinen Lebensmittelpunkt zu haben.

In Mannheim waren Sie für Medien, Sponsoren und Fans der gefragte Mann. In Paris sind Sie ein Star unter vielen. Was hat sich verändert?

Gensheimer: Es ist ganz einfach ruhiger um mich geworden. Ich werde weniger angesprochen und seltener erkannt. Wenn ich das mit meiner Zeit bei den Löwen vergleiche, ist das Interesse an meiner Person geringer geworden. Es sei denn, ich bin bei der Nationalmannschaft.

Genießen Sie dann diese seltener gewordene Aufmerksamkeit?

Gensheimer (lacht): Ich sitze jetzt nicht im Hotel und freue mich, dass ich gleich Interviews geben darf - es ist aber auch nicht umgekehrt.

2017 verloren Sie mit PSG das Finale der Champions League. Wie sehr hadern Sie damit noch?

Gensheimer: Kein bisschen. Ich habe in der Vergangenheit Enttäuschungen wie die verpasste Meisterschaft 2014 erlebt - und wir haben es trotzdem 2016 geschafft, endlich diese erste Meisterschaft mit den Löwen zu gewinnen. Jeder Rückschlag bietet die Chance, gestärkt aus ihm hervorzugehen. Und ich glaube, dass mir das in der Vergangenheit ganz gut gelungen ist. Mir bietet sich mit Paris in diesem Jahr erneut die Möglichkeit, die Champions League zu gewinnen. Also nehmen wir einen neuen Anlauf.

Eine Titelchance gibt es auch bei der EM. Bundestrainer Christian Prokop spricht erst einmal nur von Teilzielen und schaut ausschließlich auf die Vorrunde. Wie halten Sie das als Kapitän?

Gensheimer: Das übergeordnete große Ziel ist es schon, den Titel zu verteidigen. Aber ich hoffe auch, dass wir im vergangenen Jahr bei der WM in Frankreich gelernt haben, dass man nicht zu weit in die Zukunft schauen sollte. Vielleicht war das ein Stück weit auch die Ursache fürs Achtelfinal-Aus gegen Katar, weil man eine gute Vorrunde gespielt und gedacht hat, Katar haben wir ein halbes Jahr zuvor bei Olympia schon klar besiegt und jetzt wird es schon klappen. Es ist nie gut, den zweiten vor dem ersten Schritt zu machen.

Beim EM-Titel 2016 fehlten Sie verletzt, die WM 2017 stand nach dem Tod Ihres Vaters unter besonderen Vorzeichen. Wie gehen Sie persönlich in die EM 2018?

Gensheimer: Da gibt es keinen großen Unterschied für mich - mit Ausnahme des Todestages meines Vaters (8. Januar/Anmerkung der Redaktion). Aber das hat nichts mit der Mannschaft, mit unserer Leistung oder dem Turnier zu tun, sondern das ist eine rein private Angelegenheit.