Rhein-Neckar Löwen

Handball Kim Ekdahl du Rietz erklärt, warum er seine Karriere fortsetzt, wie wichtig seine Auszeit war und wieso er sein Gehalt spendete

„Spüre weniger Lebensstress als vor einem Jahr“

Archivartikel

Mannheim. Erst wollte Kim Ekdahl du Rietz nicht mehr Handball spielen, dann kam er zurück zu den Rhein-Neckar Löwen – und nun macht der Schwede bei Paris Saint-Germain weiter. Im Interview erklärt der Rechtshänder, was ihn beschäftigt und was er vorhat.

Herr Ekdahl du Rietz, wie sicher waren Sie sich vor einem Jahr, nie wieder Handball zu spielen?

Kim Ekdahl du Rietz: Ich bin mir im Leben niemals sicher. Aber das mit dem Karriereende war wirklich eine Geschichte, bei der ich voller Überzeugung gesagt habe: Zu fast 100 Prozent werde ich nicht mehr spielen. Heute vor einem Jahr wäre das für mich auch unvorstellbar gewesen. Aber es ist doch auch schön, im Leben von sich selbst überrascht zu werden. Das mag ich.

Was hat sich verändert?

Ekdahl du Rietz: Ausschließlich wegen des Handballs bin ich nicht zurückgekommen.

Sondern?

Ekdahl du Rietz: Sport ist die größte gesellschaftliche Kraft. Der Sport kann Leute zusammenbringen und einen Raum schaffen, in dem alle teilen und etwas einbringen. Unter Sport verstehe ich für mich persönlich zum Beispiel nicht nur, dass ich Handball spiele. Das Spiel an sich ist ja nur ein kleiner Teil einer großen Sache – und das ist eigentlich der wichtigste Grund, warum ich wieder Handball spiele. Über den Sport kann ich meine Meinung transportieren und ein Vorbild sein. Was ich tue, hat eine größere Bedeutung und eine höhere Aufmerksamkeit, wenn ich Profi-Handballer bin. Da habe ich eine gewisse Macht und auch die Möglichkeit, Dinge zu bewirken.

Was hat Sie noch zur Rückkehr bewegt?

Ekdahl du Rietz: Auch die Gemeinschaft, also Teil einer Mannschaft zu sein, hat mir gefehlt. Außerdem habe ich jetzt weniger Lebensstress als vor einem Jahr…

Lebensstress?

Ekdahl du Rietz (lacht): Ja. Ich habe vor einem Jahr aufgehört, weil ich mir gesagt habe: Das Leben ist zu kurz, um nur rumzurennen und Handball zu spielen, zumal das nie meine Leidenschaft war. Ich habe mir gesagt: Wenn ich jetzt nicht aufhöre, kommst du irgendwann an einen Punkt, an dem du dir sagst: Mist, ich habe nur Handball gespielt, obwohl ich das gar nicht wollte. Dieses Gefühl habe ich jetzt nicht mehr.

Was fühlen Sie stattdessen?

Ekdahl du Rietz: Ich denke mir, dass ich genug Zeit habe und das Leben nicht wegrennt. Ob ich jetzt noch zwei oder fünf Jahre spiele, das ist doch vollkommen egal. Diese Einstellung hat sich geändert.

Sie haben im vergangenen Jahr schon 20 000 Euro für Liberia gespendet. Auch Ihr Club-Kollege Mikael Appelgren hat das getan. Ihr Gehalt bei den Löwen nach Ihrer Rückkehr stellen Sie ebenfalls karitativen Einrichtungen zur Verfügung. Woher kommt diese soziale Ader?

Ekdahl du Rietz: Gedanklich ging das schon während der Flüchtlingswelle los. Plötzlich wurde hochgerechnet, was das denn alles kostet, wenn soundso viele Menschen in unser Land kommen. Aber wenn man das dann mal auf den einzelnen Bürger runterrechnet, könnte es sich jeder locker leisten, diese Summe mitzufinanzieren. Diese Gier und das Nicht-Teilen-Wollen vieler Menschen, obwohl es eigentlich für alle genug gibt, hat mich motiviert, selbst tätig zu werden. Denn es hilft nichts, nur auf Missstände hinzuweisen und von anderen Menschen gute Taten einzufordern. Hilfe fängt immer bei einem selbst an – und ich fühle mich sehr gut dabei. Denn Sport und Wohltätigkeit haben meiner Meinung nach etwas miteinander zu tun.

Nach Ihrem Karriereende im Sommer 2017 wollten Sie erst einmal nichts machen. Wie ist es denn, keine Aufgabe zu haben?

Ekdahl du Rietz: Diese Ungewissheit fand ich zunächst einmal sehr schön. Das hat mir viel Lebenskraft zurückgegeben. Ich habe mich wirklich auf jeden Tag gefreut. Das Gefühl, morgens aufzustehen und sich zu sagen: „Das wird ein geiler Tag.“ Das war traumhaft. Und sich dann im nächsten Augenblick zu sagen: „Morgen kommt noch ein geiler Tag.“ Das war einfach unschlagbar.

Wird das auf die Dauer nicht langweilig?

Ekdahl du Rietz: Nach der ersten Phase, in der sich alles noch wie Urlaub angefühlt hat, habe ich mir schon die Frage gestellt: Was kommt jetzt, wie geht es weiter? Mir war klar, dass ich nicht zu viel von meiner Auszeit erwarten darf und dass nicht alles top sein wird. Mit der Zeit habe ich auch gemerkt: Das Herumreisen ist schön, aber ich brauche ein Projekt in meinem Leben, eine Beschäftigung oder eine Rolle. Sonst werde ich nicht glücklich.

Was nehmen Sie aus Ihrem neunmonatigen Ruhestand mit?

Ekdahl du Rietz: Ich habe Lebensfreude gewonnen und Kraft getankt, um noch eine Runde zu drehen. Denn wie gesagt: Vor einem Jahr war es für mich wirklich nahezu ausgeschlossen, noch einmal Handball zu spielen. Genau das, was ich mein Leben lang gemacht hatte, wollte ich in diesem Augenblick nicht mehr tun. Aber seit einiger Zeit fühle ich mich wieder bereit dafür.

Haben Sie einen klaren Zukunftsplan?

Ekdahl du Rietz: Nein. Ich war häufig allein in den vergangenen Monaten unterwegs und habe viel nachgedacht. Es gab nur meine Gedanken und mich. Und ich glaube, dass es in meinem Leben nie die eine Antwort auf die Frage geben wird, was ich machen will. Das ist mir bewusst geworden. Ich werde immer ein Suchender sein. Ich kann mir aber vorstellen, fast alles zu tun. Das ist schön. Auf der anderen Seite macht es genau das auch ein wenig kompliziert. Denn es fällt mir schwer, mich in irgendeiner Form abzugrenzen oder einzuengen. Es gibt eigentlich nur eine Sache, von der ich zu 100 Prozent weiß, dass sie mir persönlich wichtig ist: Ich möchte ein paar Sprachen lernen. Und das lässt sich ja ganz gut mit anderen Interessen verbinden.

Zum Beispiel ab Sommer Handball in Paris zu spielen.

Ekdahl du Rietz (lacht): Ja, genau. Ich hatte ohnehin vor, nach Frankreich zu ziehen, um mein Französisch zu verbessern. Insofern passt das ganz gut mit Paris. Ich glaube: Das wird richtig spannend, das wird cool. Ich bekomme etwas Neues zu sehen. Darauf freue ich mich. Denn wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.