Rhein-Neckar Löwen

Handball Dario Quenstedt bringt sich beim THW Kiel für die EM in Position / Am Donnerstag bei den Rhein-Neckar Löwen gefordert

Triumph über die Zweifler

Archivartikel

Kiel.Dario Quenstedt ist durchaus ein heimatverbundener Mensch. Er wuchs in der Nähe von Magdeburg auf und spielte schon in der Jugend für den SCM, den Handball-Verein mit den großen Erfolgen und der noch größeren Tradition. Hier, in der Stadt an der Elbe, sind die Spieler des Clubs nicht einfach nur Lieblinge, sondern Idole. Kein Wunder, dass sich Quenstedt stets wohl fühlte und sich aus Liebe zur Heimat sogar den Magdeburger Dom auf den Oberschenkel tätowieren ließ.

Schritt aus der Komfortzone

Von einem Gastspiel in Lübbecke (2011-2013) abgesehen, trug der Torwart seit der Jahrtausendwende das Trikot des SCM. Er gehörte zu den Bördeländern wie das Brandenburger Tor zu Berlin. Er war einfach immer da, ehe der 1,93-Meter-Mann im August 2018 bekanntgab, den Schritt aus der Komfortzone zu wagen und im Sommer 2019 zum THW Kiel zu wechseln. Es war eine überraschende Entscheidung – und das gleich in zweierlei Hinsicht. Erstens hatte niemand damit gerechnet, dass Quenstedt den Verein noch einmal verlässt. Und Zweitens wunderten sich viele, was der ambitionierte THW denn mit einem Schlussmann will, der in Magdeburg nur noch den Nummer-zwei-Status hatte.

Doch schon nach wenigen Monaten steht fest, dass beide Seiten alles richtig gemacht haben, auch weil Quenstedt seinen Worten Taten folgen ließ. Seine Ansage vor dieser Saison, sich in Kiel mit Einsatzzeiten für die Nationalmannschaft empfehlen zu wollen, wurde anfangs noch belächelt. Wie soll denn einer, der schon in Magdeburg an Jannik Green, dem Ersatztorhüter der dänischen Auswahl, nicht vorbeikommt, sich in Kiel gegen Niklas Landin, den Stammkeeper der Dänen, durchsetzen? Der Schlussmann gab die Antwort auf dem Feld: Wenn er seine Chance bekam, nutzte er sie auch. Und prompt stand der 30-Jährige Ende Oktober dort, wo es niemand erwartet hatte: im Tor der deutschen Nationalmannschaft.

Im ersten Spiel gegen Kroatien haderte er noch mit seiner Leistung, im zweiten hielt er mit einem abgewehrten Siebenmeter den Sieg fest und schlich nach der ersten Freude über die Parade derart gefasst vom Feld, als habe er gerade mit dem THW ein Freundschaftsspiel bei einem Oberligisten gewonnen. „Ich weiß, dass diese letzte Aktion für Außenstehende eine hohe Bedeutung hat. Aber um für die Europameisterschaft nominiert zu werden, gehört mehr dazu, als einen Siebenmeter zu halten“, sagte der DHB-Pokalsieger von 2016 und wollte nicht von einem Leistungssprung sprechen, den er in Kiel gemacht habe: „Ich weiß, was ich kann. Beim THW habe ich jetzt die Spielpraxis, die mir vorher fehlte. Ich spüre das Vertrauen unseres Trainers Filip Jicha und bekomme meine Einsatzzeit.“

Sein Coach wiederum lobt vor dem Topspiel an diesem Donnerstag (19 Uhr) bei den Rhein-Neckar Löwen den Fleiß des Ex-Magdeburgers, der zu Jahresbeginn seine Ernährung umstellte und zum Beispiel auf Süßigkeiten verzichtet, um in bestmöglicher Verfassung zu sein. Oder anders ausgedrückt: Quenstedt will es nicht nur noch einmal wissen, er greift an. „Dario kämpft in jedem Training“, schätzt Jicha die Einstellung des Keepers, der um seinen Status weiß. An Landin gibt es kein Vorbeikommen, in den Topspielen wird vermutlich immer der Däne in der Startformation stehen. Doch das Akzeptieren der eigenen Rolle sorgt eben auch für Ruhe im Kader, was ebenso fürs DHB-Team gilt. Dort ist Andreas Wolff die klare Nummer eins, für genau die hielt sich aber auch immer sein bisheriger Vertreter Silvio Heinevetter, was bisweilen zu einem Zirkus der Alphatiere führte.

Traumberuf Polizist

„Früher wollte ich immer von Beginn an und 60 Minuten spielen. Inzwischen habe ich es lieber, wenn ich einen Partner habe, der auf dem gleichen Niveau oder vielleicht ein bisschen besser ist. Dann zieht man sich gegenseitig hoch“, sagte Quenstedt unlängst den „Kieler Nachrichten“. Dennoch ist er ein vom Ehrgeiz Getriebener, der sich selbst als seinen „größten Kritiker“ bezeichnet und nicht nur akribisch trainiert, sondern auch detaillierte Eigenanalysen anfertigt. Schon in der Jugend fing er damit an, Einsatzzeiten, Quoten und Startaufstellungen zu notieren. „Alles, was man im Torhüterspiel erfassen kann.“

Kurzum: Er liebt nicht nur seinen Job, sondern lebt ihn auch – und weiß vor allem zu schätzen, dass es ein Privileg ist, mit seinem Hobby Geld zu verdienen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre er nun Polizist, wenn es nicht mit der Karriere als Profi geklappt hätte, sagte Quenstedt vor einiger Zeit dem Internet-Portal „Handball-World“.

Für die Jahre nach seiner aktiven Laufbahn ist er, der Besessene mit der Bodenhaftung, ohnehin gerüstet, denn er hat seine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement abgeschlossen: „Aber nach wie vor ist Polizist mein Traumberuf.“ Vielleicht dann ja wieder in Magdeburg.

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