Rhein-Neckar

Prozess um Baby-Misshandlung: Teure Urlaube statt Kleidung fürs Baby

Frankenthal/Ludwigshafen.Im Prozess um die schwere Misshandlung eines gerade sieben Wochen alten Säuglings gegen die Eltern aus Ludwigshafen hat am Dienstagmorgen die betreuende Hebamme ausgesagt. Sie habe die 26-jährige Mutter bei einem Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt, sagte sie vor der 3. Strafkammer des Frankenthaler Landgerichts. Nach der Geburt habe sie die junge Familie noch acht mal zuhause zur Nachsorge besucht. „Dabei gab es keine Auffälligkeiten. Dem Kind ging es gut“, berichtete die 63-Jährige.

Nur einmal sei das Baby blass gewesen, da habe sie die Familie zum Kinderarzt geschickt. Die Mutter habe sich immer sehr um ihr Kind gesorgt, sei interessiert gewesen und habe viele Fragen gestellt. Eine Situation der Überforderung habe die Hebamme nicht wahrgenommen, sagte sie auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Uwe Gau. Der 24 Jahre alte Vater habe sich immer eher im Hintergrund gehalten. „Die Betreuung lag mehr auf ihren Schultern, er war nicht der große Helfer“, sagte die Zeugin.

Die Erstausstattung für das Kind sei zwar nicht sehr umfangreich, aber „völlig ausreichend“ gewesen. „Die Wohnung habe ich immer als ordentlich und sauber wahrgenommen.“

Verletzungen seien der Frau bei ihren Besuchen nie aufgefallen. Das Kind habe auch nicht geweint oder gequengelt. Erst am 15. Oktober 2018, dem Tag nach der mutmaßlichen Tatnacht, habe die Mutter bei ihr angerufen und gesagt, dass der Säugling unruhig sei und nicht trinke. „Ich habe sie dann wieder zum Arzt geschickt“, sagte die Hebamme. Wenig später habe die 26-Jährige erneut bei ihr angerufen und ihr berichtet, dass ihr die Misshandlung ihres Sohns vorgeworfen werde. Daraufhin habe die 63-Jährige die Mutter gefragt, ob ihr Lebensgefährte einmal allein mit dem Kind gewesen sei, hält Verteidiger Alexander Kiefer der Zeugin aus der polizeilichen Vernehmung vor. Dort hatte die Hebamme ein „Bauchgefühl“ bezüglich des Angeklagten geäußert. Dieser sei ihr von vornherein unsympathisch gewesen, er habe selbst eine schwere Jugend und auch mal etwas mit Drogen zu tun gehabt. „Wenn ich eine Einschätzung abgeben müsste, würde ich sagen, er hat dem Kind die Verletzungen angetan“, zitiert Kiefer die Hebamme aus der Vernehmung bei der Polizei. „War das ihr Bauchgefühl?“, fragt er die Frau im Zeugenstand. „Ja“, antwortet diese.

Wie berichtet, wird dem ehemaligen Paar vorgeworfen, ihren Sohn schwer misshandelt zu haben. Das Kind erlitt schwere Verletzungen im Rektal- und Genitalbereich. Zudem hatten Ärzte zahlreiche Prellungen, Einblutungen, Brüche an Schädel und Rippen sowie verheilte Brüche an den Schienbeinen festgestellt. All das sei der Hebamme jedoch nicht aufgefallen.

Ein völlig anderes Bild zeichnete am zweiten Verhandlungstag eine 24-jährige Zeugin, die seit mehreren Jahren mit der angeklagten Mutter befreundet ist. Sie berichtete von einem Paar, das noch nicht bereit für ein Kind gewesen sei. Die 26-Jährige habe eigentlich immer gesagt, dass sie noch keine Kinder wolle, bis es zu einem plötzlichen Sinneswandel kam. „Sie hat gesagt, dass sie sich jetzt mit jemandem trifft, um ein Kind zu zeugen“, so die Zeugin. „Normalerweise überlegt man sich ja gut, mit wem man eine Familie gründet, das schien mir schon sehr überstürzt.“ Zwischen der 26-Jährigen und ihrem Ex-Freund sei es auch andauernd zu Streit gekommen, auch aus nichtigen Gründen. „Sie waren der Sache absolut nicht gewachsen“, betonte die 24-Jährige. So habe das Paar etwa für viel Geld Urlaub gemacht, anstatt dem Kind eine anständige Erstausstattung zu besorgen. „Bis einen Tag vor der Geburt hatte es noch keine Kleidung.“

Die Wohnung des Paars in Ludwigshafen sei zudem sehr dreckig gewesen. Die Zeugin habe dort zwei Tage am Stück verbracht, um Wäsche zu waschen und aufzuräumen, während die Eltern mit dem Sohn im Krankenhaus waren. „Überall lagen dreckige und saubere Kleidung durcheinander, die Meerschweinchen standen in ihrer eigenen Siffe und deren Köttel flogen überall in der Wohnung herum“, so die junge Frau im Zeugenstand. Auf dem Wickeltisch habe ein verkotetes Handtuch gelegen.

Als die Misshandlungsvorwürfe auf den Tisch gekommen seien, hätten die Eltern die Verletzungen des Babys an Kopf und Rippen mit einem Autounfall erklärt. Zu den Wunden im Rektalbereich habe die Angeklagte erklärt, dass sie das Fieberthermometer versehentlich zu tief eingeführt habe. „Das kann aber nicht von einem Thermometer kommen“, meinte die Zeugin. Sie habe erst nicht gewusst, wie sie mit der Situation umgehen sollte, nicht gewusst, was sie glauben kann und was nicht. Letztlich beantwortete sie die Frage der Staatsanwältin Esther Bechert, ob sie der Angeklagten zutraue, ihr Baby misshandelt zu haben, ohne lange zu zögern mit „Ja“. Beim 24 Jahre alten Angeklagten zögert sie jedoch einen Moment. „Jein“, sagte sie schließlich. (jei)

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