Rhein-Neckar

Neckar-Bergstraße Steine mit Buchstaben in Messing liegen in den Straßen von Schriesheim, Ladenburg und Hirschberg

Sie geben den Opfern einen Namen

Sie sind klein und unscheinbar, und doch sorgen sie immer wieder für große Aufmerksamkeit. Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig liegen inzwischen an vielen Stellen in der Region im Pflaster. In ganz Deutschland und im Ausland ebenfalls. Als dezentrales Mahnmal – nach Demnigs Angaben das größte der Welt – erinnern sie an jene Menschen jüdischen Glaubens, die von den Nationalsozialisten vertrieben, verschleppt und ermordet wurden. Mit der Prägung in Kupfer geben sie den Opfern einen Namen, sorgen so dafür, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

Den ersten Stolperstein für die Opfer des Nationalsozialismus verlegt Demnig am 3. Mai 1996 in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg. Bis die Aktion auch in der Region ankommt, gehen allerdings noch einige Jahre ins Land. Vorreiter ist die Stadt Ladenburg. Im November 2006 gibt der Gemeinderat grünes Licht, bei drei Enthaltungen. Damit sei keine Anklage an die heutigen Hauseigentümer verbunden, betont der damalige Bürgermeister Rainer Ziegler, der gemeinsam mit seinem Vorvorgänger, Ehrenbürger Reinhold Schulz, die Schirmherrschaft für die spendenfinanzierte Aktion übernimmt. „Die Stolpersteine geben den Opfern ein Gesicht“, formuliert SPD-Stadträtin Ilse Schummer: „Namen erschüttern immer wieder.“

Knapp acht Wochen später hat Mitinitiatorin Ingrid Wagner das nötige Geld zusammen. Resonanz findet die Aktion bis nach Übersee. „Wir wissen wirklich sehr zu schätzen, dass es unseren Kindern und deren Kindern ermöglicht wird, sich an ihre Vorfahren zu erinnern, wann immer sie nach Ladenburg kommen,“ schreiben Lea und Charles Weems, die vor den Nationalsozialisten in die USA geflüchtet waren. Im Mai 2007 ist es soweit: Gunter Demnig verlegt die ersten fünf von 32 Stolpersteinen in der Altstadt: „Wer die Inschrift mit Namen und biografischen Daten lesen will, muss sich automatisch noch einmal vor dem Opfer verbeugen.“

Im gleichen Jahr starten in der Nachbarstadt Schriesheim die Grünen einen ersten Anlauf, um auch dort den Opfern einen Namen zu geben. Drei Jahre dauert es, bis der Gemeinderat zunächst hinter verschlossenen Türen eine Verlegung der Stolpersteine billigt. Einem gemeinsamen Antrag der christlichen Kirchen vom Oktober folgt der Gemeinderat schließlich in öffentlicher Sitzung im Dezember 2010. Mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Ablehnung kommt aus den Reihen von CDU und Freien Wählern. Die Stolpersteine seien „keine würdige Form des Gedenkens“, formuliert Anselm Löweneck (CDU). Heinz Kimmel von den Freien Wählern beruft sich auf eine Forderung aus der Bevölkerung: „Jetzt sollte einmal Schluss sein.“ Doch es ist keineswegs Schluss. Im April 2012 erhält auch Schriesheim seine ersten Stolpersteine. Sie tragen unter anderem die Namen von Ferdinand und Babette Marx, die im Jahr 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen waren.

Jüngstes Beispiel Hirschberg

Zu den jüngsten Stolpersteinen zählen jene im Hirschberger Ortsteil Großsachsen. Die Entscheidung, sie verlegen zu lassen, trifft der Gemeinderat im November 2017 hinter verschlossenen Türen. Die drei Exemplare in der Landstraße gehen auf eine private Initiative zurück, erinnern an die Familie Buchheimer, die bis zu ihrer Flucht in die USA 1938 im Haus Nummer 6 lebte.

Die Idee der Stolpersteine zieht Kreise, doch unumstritten ist sie nicht. Das zeigt sich im Oktober diesen Jahres, als der Gemeinderat von Ilvesheim eine Beteiligung an der Aktion mit Mehrheit ablehnt, weil es dort bereits ein Mahnmal gibt. Und sie ist auch nicht überall angezeigt, weil es schlicht keine Opfer zu beklagen gibt. „Jüdische Mitbürger waren in Heddesheim keine zu verfolgen, denn die gab es hier nicht“, schreibt der Autor der zum Ortsjubiläum 2017 erschienenen Chronik der Gemeinde. Und so werden die Steine in Heddesheim auch nie thematisiert, wie Bürgermeister Michael Kessler bestätigt.

Ähnlich verhält es sich in der Gemeinde Edingen-Neckarhausen. „Uns ist von Opfern nichts bekannt“, erklärt der langjährige Hauptamtsleiter Wolfgang Ding, der auch für die Chroniken örtlicher Vereine recherchiert hat.

Info: Fotostrecke: www.morgenweb.de