Rhein-Neckar

Neckar-Bergstraße Vögel fliehen oft in große Höhen / Kräfteverschleiß kann lebensgefährlich sein / Sensible Vierbeiner

Tiere leiden unter dem Silvester-Lärm

Archivartikel

Muss man das neue Jahr wirklich mit lauten Böllern und Raketen „anschießen“? „Besser nicht“, rät der Naturschutzbeauftragte des Vereins der Vogelfreude und -pfleger Heddesheim, Kurt Klemm. Das lautstarke und funkensprühende Feuerwerk an Silvester stört die Vogelwelt massiv, weiß der Experte.

Nichtsahnend von der drohenden Gefahr, sitzen die Vögel an ihren Schlafplätzen. Und dann geht es los: Auf die Frühzünder folgt Schlag Mitternacht das lärmende Inferno, das die Wildvögel in die Höhe treibt. Abertausende Raketen werden deutschlandweit in Luft geschossen und gleißendes Licht erhellt den Nachthimmel. Das hat fatale Folgen für die heimische Vogelwelt.

Reserven zum Überleben

„Die Vögel werden aufgeschreckt und fliegen von Angst getrieben innerhalb weniger Minuten enorm hoch, um dem Böller- und Raketenszenario so schnell wie möglich zu entkommen. Der dadurch entstehende Energieverlust hat insbesondere im Winter fatale Folgen“, betont der Vogelfreund und Naturkenner. In der kalten Jahreszeit werden die letzten Reserven dringend zum Überleben gebraucht.

Ferner kostet das unerwartete Aufschrecken Schlaf und Zeit zum Ausruhen. „Die Vögel irren zwangsweise durch die Nacht und sind gezwungen neue Schlaf- und Rastplätze aufzusuchen. Ihre Kondition verschlechtert sich erheblich, was zu einer lebensbedrohlichen Lage führen kann“, weiß Klemm.

Die Blendung durch das Licht der Feuerwerkskörper, aber auch die Sichtbehinderung durch Rauchschwaden tragen dem Experten zufolge dazu bei, dass die Vögel orientierungslos gegen Hindernisse fliegen und verenden. „Ist es der Spaß an der lauten Knallerei wert, Tiere und insbesondere unsere Wildvögel auf diese Weise existenziell zu gefährden?“, fragt Klemm.

Seine Botschaft, das Böllern einzuschränken oder am besten ganz darauf zu verzichten, hat Kreise gezogen. „In unserer Bekanntschaft konnte ich viele davon überzeugen, die Silvester-Knallerei besser zu unterlassen“, freut sich Klemm und fügt schmunzelnd an: „Man kann ja den Sektkorken knallen lassen und auf ein gutes Jahr anstoßen, das schadet niemandem.“ Er verzichtet schon seit mehr als 40 Jahren der Natur zuliebe auf das Silvesterfeuerwerk und investiert das gesparte Geld lieber in die ganzjährige Zufütterung der Vögel.

Dem Heddesheimer zufolge kommt es nicht nur bei geschlossener Schneedecke und anhaltendem Frost zu Nahrungsengpässen. Das Angebot von Wildkräutern, Wiesenpflanzen und damit auch Insekten sei in Feld und Flur schon seit Jahren rückläufig, so dass das Nahrungsangebot der Vögel ganzjährig schwinde. Der Heddesheimer zählt nicht nur zu den profundesten Kenner der regionalen Vogelwelt, er springt auch oft als Ersatzpapa für verwaiste und verletzte Vögel ein. Aktuell bringt er eine durch einen Katzenbiss verletzte Rauchschwalbe über den Winter.

Doch zurück zur Silvester-Knallerei, die auch Hunde und Katzen verängstigt. „Wenn es anfängt zu knallen, am besten zu Hause bleiben, die Rollläden runterlassen und Musik anmachen das lenkt den Hund ab“, weiß Andrea Wenske-Bauer, die mit ihrer Familie in Edingen lebt und in der Heidelberger Südstadt eine Tierarzt-Praxis betreibt.

„Am besten an der Leine“

Da es schon weit vor Mitternacht immer mal wieder knallt, soll der Hund beim Gassi-Gehen stets angeleint sein. „Selbst mit Hunden die normalerweise aufs Wort hören, sollte man vorsichtshalber nicht ohne Leine außer Haus gehen“, rät die Tierärztin und fügt an: „Eine Schrecksekunde und der Hund ist weg.“

Seinen tierischen Liebling sollte man an Silvester nicht alleine zu Hause lassen. „Wenn Sie Gäste haben oder die Familie zusammenkommt, dann geben Sie dem Hund einen Kauknochen, damit er sich integriert fühlt“, bemerkt Wenske-Bauer. Für die hypersensiblen Vierbeiner ist buchstäblich auch ein Kraut gewachsen. So genannte Pheromone tragen zur Beruhigung der Tiere bei und auch Bach-Blütentropfen können den tierischen Freunden naturnah helfen.

Katzen sollte man an Silvester ebenfalls drinnen in der Wohnung lassen. „Die suchen sich dann zumeist selbst ein ruhiges und geschütztes Plätzchen im Haus“, weiß die Fachfrau. Zimmervögeln hilft man über die Knallerei am besten mit dem Zudecken des Käfigs hinweg.

Zum Thema