Rhein-Neckar

Ladenburg/Schriesheim Winzer und Obstbauern begegnen Krisen kreativ / Corona und Klimawandel machen zu schaffen

Trotz Regens: Trockenheit bleibt für Landwirte problematisch

Archivartikel

Noch sind es einige Wochen bis zum Saisonstart Ende Juni auf dem Obsthof Schuhmann in Ladenburg. Dennoch fahren an diesem (noch sonnigen) Vormittag immer wieder Autos am provisorischen Verkaufsstand vor, als ob es schon soweit wäre. Doch handelt es sich bei diesem kontaktlosen „Apfelsaft-Drive-In“ um eine Maßnahme gegen Folgen der Corona-Krise: Da sowohl der Maimarkt in Mannheim, das 65-jährige Jubelfest des Betriebs und dessen Krimi-Lesungen mit prominenten Autoren ausfallen, hat die Familie diese einmalige Aktion gestartet.

„Man muss im Gespräch bleiben“, weiß Familienoberhaupt und Obstbauer Hanspeter Schuhmann. Vielen Kollegen und Direktvermarktern in der Region geht es ähnlich: Die Auswirkungen der Corona-Krise sind auch in der Agrarbranche zu spüren. Obendrein macht Landwirten die wochenlang anhaltende Trockenheit zu schaffen: „Fast noch nie gab es in Baden-Württemberg einen so trockenen April wie in diesem Jahr“, teilte das Umweltministerium kürzlich mit. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen anno 1881 habe es nur zweimal in diesem Zeitraum noch weniger Niederschläge gegeben. Das sei „alarmierend“.

„Tropfen auf den heißen Stein“

Doch gab es nicht am Montag endlich wieder ergiebigen Regen in der Region? Dazu sagt Harald Weiss, der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft (WG) Schriesheim: „Der momentane Regen ist zwar äußerst willkommen, stellt aber erstmal nur einen Tropfen auf den heißen Stein dar.“ Das Jahr 2020 weise mit Ausnahme des Februars ein hohes Niederschlagsdefizit von beinahe 60 Prozent gegenüber dem langjährigen Mittel auf. Die Durchschnittstemperaturen lägen 3,7 Grad Celsius und die Sonnenscheindauer um 56 Prozent höher, so Weiss.

Aufgrund der Folgen, nämlich früher Austrieb und mehr als eine Woche Vegetationsvorsprung, kommt Weinbauingenieur Weiss zu folgendem Schluss: „Das wird in einer frühen Blüte nach dem 20. Mai resultieren.“ Entscheidend seien die Wintervorräte an Wasser. Und da bestehe noch ein Defizit aus 2018. Reben seien zwar Tiefwurzler, aber entscheidend sei auch ihr Alter. „Für frisch gepflanzte Neuanlagen ist es schwierig, es muss gewässert werden.“ Alte Rebanlagen in Lößlehmböden haben dagegen eher weniger bis keine Probleme, an Wasser zu kommen.

Die Winzer praktizierten deshalb eine angepasste flache Bodenbearbeitung, um die Bodenfeuchte so gut es geht zu erhalten. In den Terrassenanlagen der Rebflurneuordnung im Kuhberg und Schlossberg könnten sich die Winzer mit Tröpfchenbewässerung behelfen. Wasser sei auch wichtig, um Düngergaben verfügbar zu machen.

Obstbauer Schuhmann ist zwar in der glücklichen Lage, seine Plantage in Ladenburg beregnen zu können. Doch er weiß: „Wo keine künstliche Bewässerung ist, sieht es wirklich schlimm aus.“ Auf den benachbarten Äckern staube es, der Boden zeige tiefe Risse: „Wenn Dir da der Schlüsselbund aus der Hand rutscht, ist er weg“, scherzt er mit bitterem Lächeln zwei Tage vor dem Regen am Montag. Die Entwicklung bereitet ihm ebenso wie Weiss Sorgen, auch wenn sein Betrieb optimistisch in die Saison gehe: „Wir waren mit der Blüte erneut eine Woche früher dran als im Vorjahr und zwei Wochen eher als in früheren Jahren.“ Ehefrau Tina sagt: „Man kann bei so extrem frühen warmen Temperaturen schon das böse Wort nennen und von Klimawandel sprechen.“

WG weiter in Kurzarbeit

Auch Winzerchef Weiss hält fest: „Die letzten Trockenjahre sind 2018, 2019 und 2003.“ Dieses Jahr kommt die Corona-Krise hinzu. Für die WG Schriesheim schlägt der Abbruch des Mathaisemarktes ebenso zu Buche wie der Ausfall von Veranstaltungen wichtiger Abnehmergruppen: Gastronomie, Catering, Vereine und Private. Sogar der eigene Weinladen war kurzfristig geschlossen. Weil Kurzarbeit angemeldet werden musste, läuft der Geschäftsbetrieb nun mit reduzierter Mannschaft und eingeschränkten Öffnungszeiten weiter. Auch das für Ende Juni geplante, aber abgesagte, Kelterhausfest zum 90-jährigen Bestehen der WG vermisse man schon jetzt ebenso wie Weinproben und Auftritte der neuen Weinhoheiten. Dennoch werde in Kürze Jubiläumswein abgefüllt. So viel verrät Weiss bereits: „Es wird ein Top-Rotwein mit wertigem Design.“

Freilich tröste dies nur wenig darüber hinweg, dass „wichtige Wertschöpfung fehlt.“ Dabei präsentiere die WG einen „tollen Jahrgang 2019“. Die innovative Sorte „Souvignier Gris“ gewinne weiter Freunde. Viel Weine des neuen Jahrgangs seien mit frisch überarbeiteten Etiketten abgefüllt, die gut ankämen. Weiss findet: „Gerade jetzt ist es wichtig, Weine der Region zu trinken und die heimischen Winzer nachhaltig zu unterstützen.“ Wie Obstbauer Schuhmann und viele Landwirte weiß der Winzerchef, wie wichtig es ist, im Gespräch zu bleiben und Krisen kreativ zu begegnen.

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