Rhein-Neckar

Weinheim Örtlicher Schau- und Sichtungsgarten erfreut auch Piet Oudolf, einen der weltweit bekanntesten Gartendesigner / Besucher halten Abstände ein

Wo jede Pflanze ihre eigene Rolle spielt

Archivartikel

Seine erste Reise nach dem Corona-Lockdown hat den Niederländer Piet Oudolf diese Woche in den Hermannshof geführt. Weinheims Schau- und Sichtungsgarten inspiriert einen der weltweit berühmtesten Gartendesigner, und die Gärtnerei ist auch für ihn eine Fundgrube.

Der vielfach ausgezeichnete Naturgestalter – unter anderem erhielt er die goldene Veitch Memorial Medal der britischen Royal Horticultural Society und den Prins Bernhard cultuurfonds Price der Niederlande – und Autor zahlreicher Bücher über Gartengestaltung ist schon seit über 30 Jahren mit Professor Cassian Schmidt befreundet. Beide, Oudolf und der Leiter des Hermannshofes, favorisieren einen naturnahen Gartenstil, in dem vor allem Präriestauden und Gräser prägend zur Geltung kommen.

20 000 Gäste täglich

Oudolfs Gärten gelten als legendär. Egal ob er den New Yorker High Line Park gestaltete, den täglich rund 20 000 Menschen besuchen, den Millennium Park in Chicago oder den Garten für Königin Maxima: Die Auswahl seiner Pflanzen, Stauden, Gräser, Büsche und Wiesenblumen zeugt von enormer Sensibilität. „Er hat ein unglaublich gutes Auge für das Design“, sagt Schmidt.

Schmidt und seine Frau, die Landschaftsarchitektin Bettina Jaugstetter, begleiteten Oudolf außerdem diese Woche nach Weil am Rhein. Dort, auf dem Vitra Campus, reift das nächste Oudolf-Projekt heran, bei dem Bettina Jaugstetter im Mai auch bei der Koordination der Pflanzen beteiligt war. In Weinheim hat Jaugstetter unter anderem drei verschiedene Pflanzensortimente zur „Weinheimer Kiste“ zusammengestellt, die die Grundlage für die Bepflanzung naturnaher Gärten bildet.

Bei Oudolfs Projekt in Weil am Rhein wurden 30 000 Pflanzen zur Gestaltung gepflanzt. Nach Auskunft des Gestalters geht es ihm vor allem um sinnliche Erlebnisse. Architektonisch prägt die Anlage ein System aus kleinen Pfaden. „Das ist alles durchkomponiert“, sagte Oudolf in einem Interview. Seine Gärten seien nicht wild, aber er möchte, dass sich die Menschen in seinem Garten „verlieren“. Wichtig ist für den Niederländer, dass die Pflanzen in einem Garten zusammenarbeiten. Wie auf einer Theaterbühne übernehme jede ihre Rolle. Das Zusammenspiel mache ein interessantes Stück daraus.

Führungen fallen aus

In gewisser Weise wird auch der Weinheimer Hermannshof als wirkungsvolles Zusammenspiel seiner ganz unterschiedlichen Pflanzbereiche wahrgenommen. Das macht ihn zu einem regelrechten Besuchermagneten. Seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown werden Besucher in einem Einbahnstraßen-System durch den Park geleitet, um Begegnungsverkehr auszuschließen und somit die Abstandsregeln besser einzuhalten. „Das klappt gut“, sagt Schmidt. Man habe die Besucherspitzen beobachtet und festgestellt, dass maximal zwischen 120 und 140 Personen gleichzeitig durch den Garten gehen. Das sei auch unter Corona-Bedingungen in Ordnung. Auch die Besuchertoiletten sind inzwischen wieder offen – Benutzung mit Maske.

Wer trotzdem noch nicht durch die Öffentlichkeit spazieren möchte, der kann sich auf der Homepage des Hermannshofes regelmäßig über neueste Entwicklungen informieren. „Wir versuchen, fast jede Woche etwas Neues zu berichten und zu bebildern“, sagt Schmidt. Tausende von Zugriffen auf die Internetseite sprechen täglich für die Beliebtheit des Gartens.

Öffentliche Führungen wird es in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr geben. Schmidt: „Es macht nur mit maximal 20 Personen Sinn, um Abstandsregeln einzuhalten und trotzdem für jeden Teilnehmer verständlich zu bleiben. Aber meist kommen deutlich mehr Interessenten. Die müsste ich dann wegschicken.“ Jederzeit lohnend ist indessen ein Blick auf das Pflanzenangebot des Hermannshofs. Im Internet sind die Pflanzen aufgelistet. Man kann dort bestellen und sie dann abholen.

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