Rheinau / Hochstätt

Rheinau Hitzige Debatte in Bezirksbeiratssitzung / Gremium mehrheitlich gegen Erhalt des denkmalgeschützten Bauwerks

Überraschende Wendung in Diskussion um Relaishaus

Die Mehrheit des Rheinauer Bezirksbeirats ist für einen Abriss des Alten Relaishauses. Dieses überraschende „Meinungsbild“ der Bürgervertretung über die Zukunft des 2015 durch ein Feuer schwer beschädigten denkmalgeschützten Gebäudes wurde am Mittwochabend bekannt – zufällig in der Bürgerfragerunde.

Es ist kurz nach 20 Uhr. Unter Leitung von CDU-Fraktionschef Claudius Kranz hat der Bezirksbeirat gerade die auf der Tagesordnung vorgesehenen Themen Kindergartenversorgung, Zukunft der Rheinau-Kaserne und Sauberkeit am Rheinauer See zügig abgearbeitet, da meldet sich Sven Prues, der vor zwei Wochen gewählte neue Vorsitzende des Heimatvereins Rheinau, zu Wort. Sein Anliegen: das Alte Relaishaus.

Das 1771 errichtete Bauwerk in der Relaisstraße, ältestes Gebäude des Stadtteils, wird im Oktober 2015 durch ein Feuer schwer beschädigt; der Besitzer ist wegen Brandstiftung zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, aber bislang nach wie vor Eigentümer des Gebäudes, das nun allerdings am 20. Juni zur Zwangsversteigerung ansteht.

Ein Bürger bringt es an den Tag

Sven Prues berichtet, er habe vom Büro von Baubürgermeister Lothar Quast erfahren, dass der Bezirksbeirat „sich mit neun zu drei Stimmen für einen Abriss ausgesprochen“ habe: „Stimmt das?“, will er wissen und bekennt: „Das hat mich fast umgehauen.“ Denn: „Das Relaishaus ist ein Wahrzeichen der Rheinau“, argumentiert er: „Wir haben die moralische Verpflichtung, dieses historische Gebäude an die nächste Generation weiterzugeben.“

Ein Abriss hätte eine verheerende Signalwirkung: „Wenn wir es abreißen, hat der Verbrecher gewonnen, aber wir als Gesellschaft verloren.“ Für einen Erhalt gebe es viele Möglichkeiten: „Ich selbst bin mit der Dietmar-Hopp-Stiftung in Kontakt.“

Sitzungsleiter Kranz versucht, dem Votum des Bezirksbeirates die Brisanz zu nehmen: „Das war keine formale Abstimmung, sondern nur ein Meinungsbild.“ Außerdem habe der Bezirksbeirat ohnehin nur beratende Funktion: „Alle Fraktionen des Gemeinderates haben sich dafür ausgesprochen, dass das Gebäude erhalten bleibt.“ Deshalb werde die Stadt am 20. Juni auch mitbieten.

Wie kam dieses „Meinungsbild“ überhaupt zustande? Der parteilose Bezirksbeirat Helmut Losert erklärt es: Er ist Vertreter des Rheinauer Bezirksbeirats im Gemeinderatsausschuss für Technik und Umwelt, in der das Thema beraten wurde.

CDU gegen weitere Investitionen

„Ich wollte dort nicht meine persönliche Meinung vertreten, sondern die des Gremiums.“ Deshalb habe er an seine Kollegen eine Rundmail gesandt. Ergebnis: „Die SPD war für einen Erhalt. Vom grünen Kollegen haben wir seit längerem nichts mehr gesehen. Die CDU war dagegen, in eine Brandruine noch mehr Geld zu stecken, die ML sah dies ebenso.“ Also habe er im TA ein entsprechendes Mehrheitsvotum vorgetragen.

Dieses Votum, so Losert, entspreche auch der Mehrheit der Rheinauer: „Die Leute fragen sich: Wie lange sollen wir uns diesen Dreckstall noch anschauen?“ Gegen einen Wiederaufbau spreche auch: „Eine sinnvolle Nutzung ist nicht möglich.“

Auch der neueste Vorschlag („die jüngste Sau, die durchs Dorf getrieben wurde“), den Polizeiposten hierher zu verlegen, sei unrealistisch: „Schauen Sie sich die Antennen auf dem jetzigen Posten in der Kronenburgstraße an. Meinen Sie, der Denkmalschutz würde so etwas auf einem wiederaufgebauten Relaishaus erlauben?“ Sein Fraktionskollege Wolfgang Göck lehnt auch eine Unterbringung des Heimatvereins im Relaishaus ab: „Dafür ist das Dach im Rathaus vorgesehen.“

„Wir sind für die Erhaltung“, macht SPD-Ortsvereinschefin Ulrika Kahlert dagegen unmissverständlich klar. Sie verwahrt sich gegen Loserts Verweis auf die „Mehrheit der Bevölkerung“: „Dafür gibt es überhaupt keine belastbaren Zahlen.“

„Es gibt keinen Beschluss des Bezirksbeirates für einen Abriss“, betont auch Linken-Rat Walter Strasser: „Konsens in diesem Gremium war vielmehr immer, dass das Gebäude erhalten bleiben soll.“ Mit diesem angeblichen ablehnenden Votum des Bezirksbeirates werde vielmehr ein Grund konstruiert, um das Haus abreißen zu können, nachdem man es absichtlich habe verfallen lassen. Strasser befürchtet, dass die Teilnahme der Stadt an der Versteigerung nur „Schau“ ist: „Die Summe, mit der sie mitbieten will, ist lächerlich.“ Die Nutzung als Heimatmuseum sei eine gute Lösung.

„Wir sollten das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist“, mahnt Sitzungsleiter Kranz dazu, die Versteigerung am Mittwoch abzuwarten: „Dann können wir eine mögliche Nutzung diskutieren.“