Rheinau / Hochstätt

Rheinau Veranstaltung des Gemeinnützigen Vereins zum Volkstrauertag / Gedenkrede des Ersten Bürgermeisters Christian Specht

„Beitrag zur Friedensarbeit“

Archivartikel

Im Rahmen der seit 1957 üblichen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag hat der Gemeinnützige Verein Rheinau der Opfer der Kriege und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht. Der vor zwei Wochen ins Amt gekommene neue Vorstand der Dachorganisation der Vereine und sozialen Einrichtungen, Schulen und Kirchengemeinden setzte bei der Traditionsveranstaltung in der Trauerhalle des Friedhofs allerdings auch neue Akzente.

Und diese zeigen sich vor allem in der musikalischen Gestaltung. Statt des traditionellen „Ich hatte einen Kameraden“ intoniert Organist Gerhard Müller drei ungewöhnliche Melodien: Die „Morgenstimmung“ von Griek; „Wer wird die Rosen brechen“, ein altes Lied, das von der Angst eines jungen Soldaten erzählt; sowie „100 Mann und ein Befehl“, in den 1960er Jahren gesungen sowohl von Freddy Quinn als auch von Heidi Brühl, in deren Interpretation zu einem Antikriegslied geworden.

Erste Rede von Andreas Schäfer

In seiner ersten öffentlichen Rede in diesem Amt eröffnet der neue Vorsitzende Andreas Schäfer die Veranstaltung, die für ihn auch eine persönliche Dimension hat. „Auch mein Vater musste in den Krieg ziehen, war in russischer Gefangenschaft“, berichtet der 56-Jährige. Aus der deutschen Geschichte resultiere die Verpflichtung, „denen entgegenzutreten, die zu Gewalt aufrufen, das Trennende verfolgen und bereit sind, Menschenleben zu opfern.“

Den Dank der Stadt Mannheim an Schäfer und dessen Vorgänger Arthur Vogt für die Aufrechterhaltung dieser Veranstaltung überbringt Erster Bürgermeister Christian Specht, der erstmals zu diesem Anlass in der renovierten und erweiterten Trauerhalle spricht: „Das zeigt, zu was die Rheinauer in der Lage sind, wenn sie zusammenhalten“, formuliert er mit Blick auf den Motor des „Projektes Trauerhalle“, Kurt Kubinski.

Dank an die Veranstalter

Dank des Gemeinnützigen Vereins bleibt die Gedenkveranstaltung in Rheinau erhalten – im Unterschied zu Seckenheim und Friedrichsfeld: „Mich beschämt es etwas, dass in anderen Stadtteilen wir als Stadt uns zurückgezogen haben“, sagt Specht mit Blick auf die Dienstanweisung der zuständigen Bürgermeisterin Felicitas Kubala: „Ich werde mit meiner Kollegin darüber reden, ob dies das richtige Zeichen ist.“

Aus Spechts Sicht nämlich nicht. Denn der Volkstrauertag sei nach wie vor notwendig, weil er nach wie vor aktuell sei. „Derzeit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht aus Angst vor Verfolgung oder aus Angst, ihre Familien nicht ernähren zu können.“ Das seien mehr als nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Nach 80 Jahren wird von zu vielen vergessen, was der Nationalismus an Schrecken, Krieg und Vernichtung gebracht hat“, mahnt Specht: „Bei allem, was wir an der Europäischen Union kritisieren können, ist es doch ihr Verdienst, dass ein Krieg zwischen den Staaten Westeuropas heute undenkbar ist.“

Als besorgniserregend bezeichnet Specht eine Studie, wonach 25 Prozent aller Europäer im Alter bis zu 20 Jahren Krieg als Mittel der Auseinandersetzung akzeptieren: „Das muss uns alarmieren.“ Denn dies sei eine Generation, die in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufgewachsen sei und ein Bildungssystem durchlaufen habe, in dem ihnen die Schrecken der Vergangenheit vermittelt wurden: „Insofern stimmt es nicht, wenn manche im Bundestag sagen, es ist genug mit der Vergangenheit.“ Auch der Volkstrauertag sei ein wertvoller „Beitrag zur Friedensarbeit“.

Mahnende Worte des VdK

„Für den VdK ist der Volkstrauertag ein wichtiger Punkt im Jahreskalender“, betont dessen Rheinauer Ortsverbandsvorsitzende Ulrike Kahlert in ihrem Grußwort, zumal er an den Ursprung des Verbandes erinnert. Denn nach dem Kriege entstand der VdK als Selbsthilfeorganisation von Kriegsbeschädigten, Witwen und Waisen. „Inzwischen ist daraus ein moderner Sozialverband entstanden, der sich für einen funktionierenden Sozialstaat und damit für sozialen Frieden einsetzt.“

Entschieden weist Kahlert, auch Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, Forderungen nach einer Wende in der Erinnerungskultur zurück: „Das Dritte Reich ist eben nicht ein Vogelschiss der Geschichte. Wer es darauf reduzieren möchte, der nimmt allen Opfern jede Würde.“

Wichtig ist Kahlert eine Botschaft: „Den Frieden bewahren, das beginnt bereits im Kleinen“, mahnt sie, „wie wir miteinander umgehen, mit unserem Nächsten, in der Familie, am Arbeitsplatz, in den Vereinen.“

Wie zukunftsgewandt der Tag ist, zeigt sich am Vortrag von Jugendlichen. Begleitet von Pfarrer Hansjörg Jörg rezitiert Daniela, Schülerin der 8. Klasse der Pfingstbergschule, ein Gedicht von Berthold Brecht aus dem Jahre 1942. Mit dem Segen von Pfarrer Uwe Sulger und Pastoralreferent Matthias Leis werden die Besucher in den Sonntag entlassen.

Info: Bilderstrecke unter www.morgenweb.de/rheinau