Rheinau / Hochstätt

Rheinau Zum Tode von Heribert Leider, von 1979 bis 1990 Pfarrer der katholischen Antoniusgemeinde / Engagement im Stadtteil entsprach seinem Credo

„Kirche muss dort sein, wo die Menschen sind“

Archivartikel

„Leider Pfarrer“ lauteten die Worte, mit denen er sich am Telefon scherzhaft zu melden pflegte, als er im Pfarrhaus am Rheinauer Ring wirkte. Doch in diesem, seinem Wirken war von „leider“ nichts zu spüren. Heribert Leider war vielmehr Geistlicher von ganzem Herzen. Groß war daher die Trauer auf der Rheinau vor allem bei Katholiken, aber auch darüber hinaus, als bekannt wurde, dass er im Alter von 77 Jahren verstorben ist.

Geboren wurde er am 24. September 1941 im oberschlesischen Gleiwitz. Nach dem Kriege kam die Familie nach Heidelberg, wo er aufwuchs. Nach dem Abitur studierte Leider Theologie in Freiburg und Tübingen und erhielt 1965 die Priesterweihe. 1967 kam er auf die Rheinau in die Pfarrei St. Antonius, die er sich selbst ausgesucht hatte.

Der junge Kaplan brachte neuen Schwung in die seit dem Kriege von Pfarrer Johannes Egger geleitete Gemeinde; in der Jugendarbeit beschritt er damals revolutionäre Wege, indem er Kinder in das liturgische Geschehen des Gottesdienstes einband. Beim Umbau des Kohlekellers im ehemaligen Schwesternhaus zu einem Jugendraum legte er selbst Hand an – und zog sich dabei eine Verletzung zu, deren Folgen ihm fortan zu schaffen machten.

In den 1970er Jahren absolvierte er ein Zusatzstudium des Alten Testamentes und der Neuen Orientalistik in Tübingen; mit dem bekannten Theologen Hans Küng machte er gemeinsame Seminare. Eine akademische Karriere stand ihm bevor, als durch den Ruhestand von Pfarrer Egger die Pfarrei St. Antonius frei wurde. Leider entschied sich für die pastorale Arbeit und fing am 1. April 1979 als Pfarrer auf der Rheinau an.

„Vater“ von St. Johannes

In der Geschichte des Stadtteils verewigte er sich mit dem Gemeindezentrum St. Johannes Rheinau-Süd mit Kirche, Gemeindesaal und Kindergarten. Unter seiner Führung gelang es der Gemeinde, ihren Eigenanteil von 200 000 D-Mark an den Gesamtkosten in Höhe von 5,5 Millionen D-Mark aufzubringen.

Doch noch wichtiger als Räume waren ihm stets die Menschen und ihr Miteinander. 1968 organisierte er erstmals das Antoniusfest, das für viele Jahre Tradition wurde. 1980 übertrug er diese Veranstaltungsform auf Rheinau-Süd, hier natürlich unter dem Namen Johannesfest.

In seiner Arbeit widersetzte er sich allen konservativen Tendenzen in der Kirche, engagierte sich dagegen für die Ökumene, begründete 1987 den Ökumenischen Pfingstgottesdienst im Dossenwald. Mit dem evangelischen Pfarrer Kammerer verband ihn eine enge Freundschaft.

Doch Ökumene ging für ihn noch weiter: Seit 1980 vertrat er die katholische Kirche im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Rhein-Neckar. Im Stadtteil bekannt und beliebt waren seine Exkursionen nach Israel, die Hunderte von Rheinauern mit den biblischen Stätten vertraut machten.

Im Gemeinnützigen Verein aktiv

Auch in den Vereinen war Leider stark engagiert. „Kirche muss dort sein, wo die Menschen sind“, lautete sein Credo. So war er Vorstandsmitglied des Gemeinnützigen Vereins Rheinau und Mit-Initiator des Großen Rheinauer Stadtteilfestes, das 1990 im Weinkeller seines Pfarrhauses konzipiert wurde. Er hätte wohl bis zu seiner Pensionierung bleiben können, doch ein Wechsel ist üblich. Denn auch ein Pfarrer macht sich in seinem Amt nicht nur Freunde.

Und so ging er im Jahr 1990 nach Dielheim, damals 4200 Einwohner, zu 90 Prozent katholisch. Auch hier kam er gut an, wurde anlässlich seines 75. Geburtstages 2016 zum Ehrenbürger ernannt. Hier lebte er bis zu seinem Tode, hier wurde er am vergangenen Samstag beigesetzt.