Rheinau / Hochstätt

Visitenkarte nach innen

Im Stadtteil wurde es mit Interesse, ja mit Neugier, sogar mit Spannung erwartet: das neue Konzept für den Rheinauer Neujahrsempfang. Die Festrede eines prominenten Gastes von außen sollte durch die Präsentationen örtlicher Akteure ersetzt werden. Nach der Premiere darf man konstatieren: Das Konzept ging auf.

Das beginnt ganz profan mit der Besucherzahl. Mit gut 200 Zuhörern in den Kirchenbänken erreichte die Veranstaltung die obere Grenze der letzten Jahre. Sie konnte sowohl aufbauen auf dem guten Ruf, den sie sich in der Vergangenheit erworben hat, als auch auf die erwähnte Neugier auf die Veränderung. Doch nun muss sich das neue Format eine eigene Fangemeinde schaffen.

Was die Besucher jetzt erlebten, war ein kompletter Wechsel des Konzepts. Im bisherigen stand die Festrede eines prominenten Gastes von außen im Zentrum – von Fritz Kuhn über Franz Müntefering bis zu Jens Spahn. Die Veranstaltung zog – auch von außerhalb der Rheinau – Interessierte an, welche die Gelegenheit wahrnehmen wollten, Spitzenpolitiker zu erleben, gar mit ihnen zu sprechen, denen sie sonst nur im Fernsehen begegnen.

Diese Hochkarätigkeit der Festredner war einmalig für einen Stadtteil, die Veranstaltung damit eine Visitenkarte der Rheinau nach außen. Das war, als sie Ende der 1980er Jahre begann, bewusst gewollt und auch nötig, um dem Ruf der Rheinau aufzupolieren.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass andere Bürger die Politiker-Reden nicht interessierten, dass für sie das Zusammenkommen zu Beginn des neuen Jahres im Vordergrund stand. Auch der Ablauf – etwa mit Nationalhymne zum Abschluss – war ihnen zu staatstragend, zu steif. Und der Anteil derer, die so denken, nahm in dem Maße zu, in dem das Ansehen der Politik generell schwand.

Der im Herbst gewählte, komplett neue Vorstand hat diese Stimmung aufgenommen. Der Ablauf ist nun lockerer; statt Prominenz geht es um Geselligkeit, statt Repräsentation nach außen um Gemeinschaft im Stadtteil. Der Neujahrsempfang ist fortan also weniger eine Visitenkarte nach außen als nach innen. Das scheint nach den Spannungen in und zwischen manchen Vereinen Rheinaus durchaus sinnvoll, ja notwendig. Dass dies gelingt, ist der Rheinau nur zu wünschen.