Rheinau / Hochstätt

Rheinau VR Bank schließt ihre Niederlassung im Casterfeld zum 30. August 2019 / Ärger über Ausbluten der Infrastruktur

„Was haben wir denn noch?“

Die Infrastruktur in den Ortsteilen am Rande des Stadtteils Rheinau bröckelt weiter: Zwei Jahre nach der Schließung der VR Bank-Filiale auf dem Pfingstberg wird das Geldinstitut zum 20. August 2019 seine Niederlassung im Casterfeld schließen. Entsprechende Informationen bestätigte das Unternehmen jetzt.

„Als Genossenschaftsbank sind wir zur Wahrung unserer Mitglieder verpflichtet, unsere Standorte regelmäßig mit Blick auf Kundenfrequenz und Wirtschaftlichkeit zu prüfen“, erläutert VR-Bank-Pressesprecher Thomas Glessner dem „MM“: „Leider sinkt die Zahl der Kundenbesuche nicht zuletzt auf Grund des digitalen Nutzungsverhaltens seit Jahren kontinuierlich.“

Ausbau der Filiale Kern-Rheinau

Wichtig ist Glessner jedoch die Botschaft, dass die Kunden auch künftig nicht ohne Service bleiben. Die Kundenberatung könne in den Niederlassungen in Kern-Rheinau, aber auch in Seckenheim und Neckarau erfolgen. Die Mitarbeiter der Casterfelder Filiale würden dort eingesetzt. Die Filiale in der Schwabenheimer Straße 1, also am Rheinauer Marktplatz, werde ab Frühjahr 2019 modernisiert und weiter ausgebaut.

Glessner versichert: „Unser Filialnetz werden wir grundsätzlich beibehalten und in der Fläche präsent bleiben.“ Auf die konkrete Frage des „MM“, ob mittel- oder langfristig auch eine Schließung der Filiale in Rheinau-Süd geplant sei, antwortet Glessner kurz und bündig: „Nein.“

Vor Ort sorgt die drohende Schließung naturgemäß dennoch für heftigen Unmut. Das beginnt schon mit der Informationspolitik der Bank. „Wir haben unsere Konten dort und noch keine offizielle Info“, beklagt Thomas Steinbrenner, der Vorsitzende der Siedler- und Wohneigentumsgemeinschaft Casterfeld.

Aber vor allem der Sachverhalt an sich stößt auf Kritik. Mittlerweile sei das Ausbluten der Infrastruktur im Casterfeld nicht mehr aufzuhalten: „Was haben wir denn noch?“, klagt Steinbrenner: „Einen Bäcker und einen Friseur. Das deckt den täglichen Bedarf bei weitem nicht ab.“

Und ein zweites Gefühl wird spürbar: Hilflosigkeit. „Meiner Meinung nach ist die Chance, eine Schließung zu verhindern, gleich null“, glaubt Steinbrenner: „Kennen wir ja von anderen Betrieben, zum Beispiel der Post auf der Rheinau.“

Aber Steinbrenner nimmt auch die Bürger selbst in die Verantwortung: „Die Menschen sind auch selbst schuld“, bekennt er. Wer alles online erledige, der dürfe sich nicht wundern, wenn Geschäfte und Läden vor Ort sich nicht mehr rechnen.

CDU und SPD ablehnend

Die Kommunalpolitik hat sich ebenfalls bereits des Themas angenommen. „Mit Bestürzung und Unverständnis haben die Bürger in Casterfeld-Mitte Kenntnis gewonnen von der beabsichtigten Schließung der Filiale“, schreibt der Ortsvorsitzende der Rheinauer CDU, Christoph Hambusch, in einem Brief an die VR Bank: „Wir nehmen diese Vorbehalte sehr ernst und teilen sie.“

Die CDU verweist vor allem auf die Folgen für ältere Menschen, von denen im Casterfeld besonders viele leben, nicht zuletzt im Seniorenzentrum Maria-Scherer-Haus. „Sie sollten bedenken, dass es diesen sehr schwerfällt, ihre Bankgeschäfte in der Relaisstraße oder in Seckenheim zu erledigen“, mahnt Hambusch den VR Bank-Vorstand: „Das sind ältere Menschen mit einer geringen Mobilität.“ Gerade sie seien zudem mit den modernen Technologien wenig vertraut und legten daher Wert auf persönliche Betreuung.

„Ihr Bankhaus trägt Verantwortung für Ihre Kunden, weil Ihre Bank als Genossenschaftsbank besondere Verantwortung trägt“, schreibt Hambusch, der denn auch aus der Website der VR Bank zitiert: „Wir kennen die Bedürfnisse unserer Mitglieder und Kunden und kümmern uns um deren Erfüllung, als wäre es unser eigenes Anliegen.“ Die CDU fordert die VR Bank daher auf, ihre Entscheidung zu überdenken.

„Diese Pläne waren im Rahmen der anhaltenden Strukturierung im Bankensektor zu befürchten“, meint SPD-Stadtrat Thorsten Riehle: „Das lässt sich nicht aufhalten“, seufzt er. „Das zu ändern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Natürlich will auch Riehle sich bei der VR Bank für den Erhalt der Filiale einsetzen, ist aber ohne Illusionen: „Wer glaubt denn daran, dass sich die VR Bank davon abhalten lässt, die Schließung dennoch vorzunehmen?“ Wer diese Hoffnungen hegt, der gehe davon aus, dass Politik irgendeinen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen habe: „Das ist schlichtweg nicht der Fall.“