Schönau

Schönau Karla Spagerer besucht die Kerschensteiner Gemeinschaftsschule / Zeitzeugin im Geschichts- und Politikunterricht spricht über Widerstand im Dritten Reich

„Sie führten Männer und Frauen ab“

„Wenn ich zurückdenke, dann habe ich Angst, dass das heute wieder geschehen kann, Angst um euch und dass sich das wiederholt.“ Bei ihrem Besuch in der Kerschensteiner Gemeinschaftsschule berichtete Karla Spagerer als Zeitzeugin von ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Spagerer forderte die Schüler im Geschichts- und Politikunterricht auch auf, sich die Programme der Parteien genau durchzulesen. „Auch heute werden Parolen und Unwahrheiten verbreitet.“

Schulleiterin Christiane Senger hatte die bekannte Gartenstädterin eingeladen, deren Mann, der verstorbene Walter Spagerer, früher SPD-Landtagsabgeordneter und Präsidiumsmitglied des SV Waldhof war. Karla Spagerer selbst kommt aus einem politisch engagierten Elternhaus.

„Ich bin Zeitzeugin einer Epoche, die für Deutschland sehr schlimm war und möchte euch darauf hinweisen, wie wichtig es ist, sich zu informieren, was um einem herum geschieht. Ich bin glücklich in einer Demokratie zu leben und hoffe, dass es auch so bleibt“, erklärte Karla Spagerer. Ihre Mutter sei Kommunistin gewesen, Stadtverordnete in der Weimarer Republik, und habe Kontakte zur Lechleiter Gruppe gehabt. Diese Gruppe aus der Gartenstadt habe aus Kommunisten bestanden, die sich als Widerstandskämpfer dem Nationalsozialismus entgegengestellt hatte. „Die Gestapo hat meine Großmutter verhaftet, weil sie Geld und Lebensmittel gesammelt für Familien gesammelt hatte, deren Männer inhaftiert waren.“ 18 Monate habe sie im Gefängnis gesessen. „In dieser Zeit hat die Gestapo bei uns ein paar Mal Hausdurchsuchungen gemacht. Nach dem Krieg habe ich erfahren, dass bei uns Flugblätter zwischengelagert waren“, berichtete Karla Spagerer.

Damals neun Jahre alt

Ihr Vater habe in einem kleinen jüdischen Familienunternehmen gearbeitet, bei zwei ledigen Schwestern. Er habe die Frauen oft gebeten, doch aus Deutschland wegzugehen, weil sich etwas zusammenbraue. „Die sagten nur, wir sind doch Mannheimer Bürger.“ Nach der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 seien Karla Spagerer und ihre Eltern morgens mit der Straßenbahn in die Stadt zu der Firma der jüdischen Schwestern gefahren. „Ich war schon neun Jahre alt, und als wir am Marktplatz ausgestiegen sind, waren überall SA-Leute, überall braune Uniformen. Die haben alles auf die Straße geschmissen – Möbel, Bilder, Kinderspielsachen. Wir haben gesehen, wie sie Männer und Frauen abführten.“

Sie habe gesehen, berichtet Karla Spagerer, wie verzweifelt die Menschen gewesen seien: „Aber wir konnten nichts machen. Die Schwestern waren fort, alles war geplündert.“ Erst vor ein paar Monaten habe sie erfahren, dass die Schwestern in einem Lager umgekommen seien.

Am 15. September 1942 sei Anna Lechleiter am frühe Morgen zur Familie Spagerer gekommen. „Ich bin dann an eine große Plakatwand geschickt worden, über die Straße. Da standen viele Namen und auch, dass Georg Lechleiter enthauptet wurde. Da krieg ich heut noch Gänsehaut.“

Nach dem Vortrag entwickelte sich eine rege Diskussion mit den Schülern. Diese wollten auch wissen, wie Karla Spagerer ihre Schul- und Jugendzeit verbracht habe und wie Mannheim nach Kriegsende ausgesehen habe.

Gesprächsrunde mit Lehrern

Mit einem herzlichen Applaus bedankten sich am Ende der lebhaft gestalteten Geschichts- und Politikstunde die Schüler bei ihren Gästen. Christiane Senger überreichte Karla Spagerer einen Weihnachtsstern. Im Anschluss an den Vortrag gab es noch eine kleine informative Gesprächsrunde mit Linda Mast, Sandra Harto, Christoph Kilthau und Michael Halter-Palevski, den Lehrern der zehnten Klassen.