Schriesheim

Schriesheim „MM“-Gespräch mit Dr. Ingrid Neumann / Schon früh fasziniert von Leben und Werk Théo Kergs

Aus Freundschaft wird ein Kunstmuseum

Archivartikel

Fragt man Ingrid Neumann, ob das Museum Théo Kerg ihr „Baby“ sei, winkt sie ab: Für solche Formulierungen, sagt die einstige Kuratorin, sei sie doch zu nüchtern. Doch bei genauerem Hinschauen ist dieser Vergleich doch nicht so falsch. Denn das Museum verdankt, wie ein menschliches Kind, seine Existenz der Liebe, in diesem Fall zur Kunst.

Ingrid Neumann stammt aus einem kunstbeflissenen Mannheimer Elternhaus, und auch sie selbst malte und zeichnete gerne. Bei Freunden ihrer Eltern gingen Künstler ein und aus, eines Tages begegnete die 16-Jährige dort auch Théo Kerg.

„Ich war von Anfang an wie gefangen von seinen Werken“, erzählt sie. Leuchtende Farben sah sie da, ein intensives Blau, das sie faszinierte und das dem gebürtigen Luxemburger in seiner Wahlheimat Paris den Titel „Le bleu Kerg“ einbrachte.

Der Maler war 30 Jahre älter, bereits etabliert, doch das Gespräch mit dem jungen Mädchen fand auf Augenhöhe statt, wie sich die heute 79-Jährige erinnert: „Er hat mich zu seinen Ausstellungen eingeladen und immer nach meiner Meinung gefragt.“ So entstand über die Kunst eine lebenslange Freundschaft.

Sie wurde Ärztin, heiratete den Internisten Dr. Franz Neumann, das Paar bekam zwei Kinder, zog nach Schriesheim und eröffnete dort eine Praxis. Kerg machte Urlaub mit der Familie oder besuchte Neumanns, wenn er gerade bei seiner Lebensgefährtin Ninni Christ in Hockenheim war. Franz Neumann wurde sein Arzt, begleitete den Maler auch in den letzten Jahren, als ihm eine Krankheit die Lebensfreude raubte und ihn an den Rollstuhl fesselte.

Immer wieder schenkte Kerg seinen Freunden Bilder mit Ingrid Neumanns Lieblingsfarbe, dem „Kerg-Blau“. Von ihm kam auch die Idee des Museums: „Er fragte, was ich denn davon halte, wenn er Schriesheim einen Großteil seiner Werke für eine Dauerausstellung schenkt.“

Peter Riehl findet den richtigen Ort

Angeregt von einer anderen Ausstellung, machten sich Neumanns auf die Suche nach einem alten Gemäuer, das einen wirkungsvollen Kontrast zu den farbstarken Objekten darstellen würde. Der damalige Bürgermeister Peter Riehl empfahl eine Scheune in der Altstadt, und mit viel gutem Zureden durch den damaligen CDU-Stadtrat Franz Neumann ließ sich auch der Gemeinderat von dem Projekt überzeugen. Planer Werner Kranz ließ einen Boden einziehen und das Gebäude sanieren.

Im Keller der Neumanns lagerten derweil die Gemälde, doch die Grafiken fehlten noch: Ingrid Neumann und die frühere Stadtarchivarin Ursula Abele schafften sie nach Deutschland – die Grenzen waren seinerzeit noch nicht offen. „Wir haben sie regelrecht geschmuggelt“, bemerkt Neumann mit Grinsen.

Als alles da war, plante Kerg die Hängung: „Er saß im zweiten Stock und dirigierte uns. Es war nicht einfach, alles richtig unterzubringen – manche Werke sind sehr groß.“

Doch am Ende war der Künstler zufrieden, und 1989 fand die Einweihung statt; seit dieser Zeit bietet das Museum halbjährliche Führungen durch die Bilderschau an, Sonderausstellungen und Vernissagen, private Führungen und vieles mehr. Erste Leiterin wurde Neumann, vor einigen Jahren folgte ihr die Künstlerin Lynn Schoene im Amt.

Kerg erlebte noch die Anfänge, wurde aber zusehends krank und starb 1993. Danach begannen die Querelen mit seinen Nachkommen, lange Gerichtsprozesse nahmen ihren Anfang. Doch später erreichte Neumann in vielen Gesprächen teilweise eine Einigung; mit Kergs Sohn Carlo und seiner Frau herrscht heute Einvernehmen. Auch wenn die Initiatorin heute etwas kürzer treten will, so möchte sie doch weiterhin ihre Zeit für das Museum zur Verfügung stellen – als Zeichen einer jahrzehntelangen Verbundenheit.