Schriesheim

Schriesheim Die blinde Katja Jag hat bereits im September 2007 eine akustische Signalanlage an der Bundesstraße 3 beantragt

Barrierefreiheit lässt schon zehn Jahre auf sich warten

Archivartikel

Wer die Problematik selbst erfahren will, der mag eine Augenbinde überziehen, sich in Schriesheim an die Ampel an der Kreuzung Bundesstraße 3/Talstraße stellen und versuchen, diese Stelle zu überqueren. Er wird scheitern. Blinden Menschen ergeht dies so tagtäglich. Eine von ihnen, Katja Jag, kämpft daher seit zehn Jahren für eine barrierefreie Ausgestaltung dieser Ampelanlage – vergeblich. Zum „traurigen zehnten Jahrestag“ erinnern sie und ihre Mitstreiter gestern an ihr Anliegen.

Katja Jag ist seit ihrem dritten Lebensjahr blind. Doch sie ist niemand, die sich aus dem Leben zurückzieht. Im Gegenteil: Sie engagiert sich auch kommunalpolitisch, ist mehrmals Gemeinderatskandidatin der Grünen Liste Schriesheim. Doch selbst eine so vitale Frau wie sie muss an Gegebenheiten wie der Ampel B 3/Ecke Talstraße scheitern.

Und mit dieser Problematik ist sie keineswegs alleine: Nach den Zahlen des Statistischen Landesamtes sind 143 Schriesheimer stark sehbehindert, 13 vollständig blind. Sie alle straucheln an dieser Ampel.

Der Grund: Diese Anlage hat kein akustisches Signal. Sprich: Man hört nicht, wenn sie grün wird. Und nur zu horchen, ob die Autos fahren oder stoppen, das wäre lebensgefährlich: „Und mit dem immer stärkeren Aufkommen der E-Autos erst recht.“

In Mobilität eingeschränkt

Und das hat Folgen: „Hier komme ich nicht rüber“, berichtet Katja Jag. Da nur der Übergang in Höhe des OEG-Bahnhofs barrierefrei gestaltet ist, bleibt der gesamte Bereich der Stadt nördlich davon für sie de facto verschlossen. Sie ist also in ihrer Mobilität ganz erheblich eingeschränkt. „Ich komme nur in Begleitung rüber“, sagt sie. „Nur mit fremder Hilfe mobil sein zu können, das widerspricht jedoch grundsätzlich dem Gleichstellungsgesetz“, sagt Birgit Lang, Reha-Lehrerin für Blinde und Sehbehinderte in Schriesheim.

Was ist die Lösung? Zunächst eine Signalanlage, die auf drei bis vier Meter Entfernung einen „Pilotton“ (klack, klack, klack) aussendet. Je näher der Sehbehinderte kommt, desto lauter wird er und zeigt ihm, dass eine Ampel in der Nähe ist. In vielen Großstädten, so in Mannheim und Heidelberg, aber auch am OEG-Bahnhof in Schriesheim, gibt es so etwas bereits. Nötig ist zudem ein vibrierendes und aktustisches Signal, das sich meldet, wenn es grün wird.

Um die hiesige Ampel entsprechend zu gestalten, ergreift Katja Jag 2007 mit dem „Sehwerk“, einem Netzwerk von Fachleuten, die in der Arbeit mit Blinden und Sehbehinderten tätig sind, und der Grünen Liste Schriesheim die Initiative. Bei den Behörden stößt diese zunächst auf fruchtbaren Boden. Bei der Verkehrstagsfahrt im Dezember 2007 wird dies als „pflichtig“ bewertet, also als Pflicht des Rhein-Neckar-Kreises, erhält höchste Priorität.

Doch nichts geschieht. Auf Nachfrage erhält Stadträtin Barbara Schenk-Zitsch die Auskunft, dass zuerst der Neubau des OEG-Bahnhofes abgeschlossen werden müsse, um die Technik darauf abzustimmen. Doch wieder vergehen die Jahre.

Zehn Jahre dauert der Kampf nun schon – „ein trauriges Jubiläum“, beklagt Altstadtrat Heinz Waegner, damals im Gemeinderat an der Initiative beteiligt. „Ein Skandal“, sagt seine Kollegin Schenk-Zitsch deutlicher. Sie will sich nicht länger vertrösten lassen und sich nun an Landrat Stefan Dallinger direkt wenden.

Der „MM“ fragt bereits gestern im Landratsamt nach. „Die Angelegenheit ist in Bearbeitung“, antwortet die Pressestelle. Der Kreis habe im vergangenen Jahr – warum erst zu diesem Zeitpunkt, kann sie nicht sagen – die entsprechenden Mittel beim Regierungspräsidium beantragt. Wenn von dort die Zusage eintrifft, werde ein Techniker mit der Prüfung der Umsetzung beauftragt.