Schriesheim

Schriesheim Firma Heiß in der Heidelberger Straße blickt auf 100 Jahre Bestehen zurück / Eine von zwei noch verbliebenen Bäckereien

Betrieb in vierter Generation

Archivartikel

Eine Frage müssen wir einfach stellen: Schreibt man den Namen nun mit „ss“ oder „ß“? „Sowohl als auch“, lacht Stefan Heiß: „Die Dokumente aus unserer Familiengeschichte zeigen beides.“ Eines jedoch ist ganz klar: Das Unternehmen, das er und seine Frau Renate in vierter Generation führen, ist 100 Jahre alt und damit einer der ältesten, von der gleichen Familie betriebenen und noch immer selbstbackenden Betriebe der Region. Ein Grund zum Feiern, und das wird heute auch gemacht.

Zu diesem Anlass hat Heiß, auch dies selten für einen Betrieb, eine kleine Festschrift mit vielen historischen Fotos verfasst. Der „MM“ hat darin geblättert – es ist ein Stück Gewerbegeschichte Schriesheims.

Sie beginnt mit Anna Heiß aus Eiterbach im Odenwald. Ihr Mann fällt im Ersten Weltkrieg, und nach dessen Ende 1918 zieht die junge Witwe nach Schriesheim, erwirbt dort das Grundstück Heidelberger Straße 16. In dessen Hinterhaus richtet sie eine Backstube ein und legt damit den Grundstein für vier Generationen Schriesheimer Bäckerhandwerk.

1924 übernimmt ihr Sohn Wilhelm Heiß sen. den Betrieb und begründet 1927 einen neuen Zweig: eine Fabrik für „Dauerbrezeln“, eine absolute Marktnische. Diese festen Salzbrezeln vermarktet er daher weit über die Grenzen Schriesheims. In einem Lieferwagen der Marke „Adler“ mit Anhänger werden sie in den Odenwald, den Kraichgau und den Rheingau geliefert, später im Zehnerpack sogar per Post verschickt, und das ins gesamte Deutschland; ein Lieferschein bezeugt eine Bestellung aus Breslau im Jahre 1944.

Wieder führt eine Witwe den Laden

Im gleichen Jahr fällt Wilhelm Heiß sen. als Soldat an der Ostfront. Seine Witwe Klara führt den Betrieb mit einer ausschließlich weiblichen Belegschaft durch den Krieg und die Nachkriegszeit, zeigt sich sogar innovativ: In den 1960er Jahren steigt sie mit der Fabrik, dem Geschmack der Zeit entsprechend, von Dauerbrezeln auf Salzsticks um. Mehrere tausend Päckchen dieser Knabberstäbchen verlassen täglich die Heidelberger Straße. Das Bäckereigeschäft verpachtet sie für einige Jahre.

1968 tritt ihr Sohn Wilhelm Heiß jr. in die Fußstapfen seines Vaters – und wird wie dieser Meister. Gemeinsam mit seiner Frau Ingrid, geborene Rothenbusch, führt er den Betrieb. „In den 1960er Jahren gab es in Schriesheim neun Bäckereien, von denen wir die kleinste waren“, erinnert er sich später einmal; zwei Mitarbeiter hat er damals. Er verkauft den Salzstick-Automaten an eine norwegische Firma und investiert den Erlös in einen neuen Backofen, mit dem er expandieren kann.

Als er 1995 aufhört, zählt der Betrieb 20 Mitarbeiter, darunter vier Konditoren. Von den neun Schriesheimer Bäckereien aus seiner Anfangszeit sind damals nur noch drei übrig: Er selbst, Höfer (ebenfalls in der Heidelberger Straße) und Ehrke (Talstraße); diese schließt 2006.

Seit 1996 von Stefan Heiß geleitet

Die Bäckerei Heiß dagegen gibt es noch immer, und zwar in der vierten Generation. 1996 übernimmt Stefan Heiß den Betrieb. „Schon als Kind bin ich voller Begeisterung in der Backstube herumgerannt“, erzählt er. Nach der Lehre im renommierten Café Schafheutle in der Heidelberger Hauptstraße, zwei Meisterprüfungen als Bäcker und Konditor sowie dem Studium der Betriebswirtschaft des Handwerks führt der 54-Jährige den Betrieb mit Ehefrau Renate seit 22 Jahren. Allerdings stellt er die letzte Generation: „Der Nachwuchs hat andere Interessen“, meint er durchaus mit Verständnis: „Man soll niemanden in einen Beruf zwingen.“

In seiner Zeit eröffnet Stefan Heiß in der Hübsch‘schen Mühle eine Filiale und renoviert 2008 das Haupthaus. Mittlerweile hat er 30 Mitarbeiter. Auch das Sortiment ändert sich: „Nachhaltigkeit ist auch bei uns ein wichtiger Faktor geworden“, berichtet er – von regionalen Ausgangsstoffen bis zu ökologischen Verpackungen. Und natürlich reagiert er auch auf den veränderten Kundengeschmack: „Die berühmte ’Schwarzwälder Kirsch’ wird kaum noch nachgefragt“, nennt er als Beispiel: „Stattdessen verkaufen wir viel mehr Blechkuchen als früher.“

Geblieben ist der Arbeitstag des Bäckers: „Nachts stehe ich um halb eins auf und beginne mit dem Teigmachen“, berichtet er: „Bis 10 Uhr wird gebacken.“ Danach erledigt er die Büroarbeit, bis er sich von 12 bis 16 Uhr ausruht. Seine Freizeit spielt sich zwischen 16 und 20 Uhr ab, bevor es wieder zu Bett geht. „Alles eine Frage der Gewohnheit“, lacht er.