Schriesheim

Schriesheim Klavierkonzert im „Mittendrin“ mit Jörg-Christoph Beyerlin

Blinder Pianist bezaubert Zuhörer

Archivartikel

Jörg-Christoph Beyerlin ist blind. Doch wenn er am Klavier sitzt und die ersten Töne anschlägt, dann bringt er jeden Raum zum Strahlen. Er spielt Klassik in einer solchen Vollendung, dass man ihn „den Philosophen am Klavier“ nennen kann. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er das Publikum im evangelischen Zentrum „Mittendrin“ in seinen Bann ziehen konnte.

Die musikalische Einführung zu den einzelnen Stücken machte Svetlana Klaus, stellvertretende Schulleiterin der Schriesheimer Musikschule. Begrüßt wurde das Publikum von Idil Reineke, AWO Rhein-Neckar Aktion Mensch, die den Star des Abends dem Publikum vorstellte. Infolge einer Frühgeburt hatte er sein Augenlicht eingebüßt, doch recht früh erkannte er seine Leidenschaft für die Musik. Sein absolutes Gehör und sein außergewöhnliches Musikgedächtnis machten ihn zum Meister auf dem Klavier.

Passend zur Jahreszeit leitete Beyerlin sein gut zweistündiges Konzert mit Tschaikowskys Barcarole „Les Saison, June“ ein, das er mit innerem Feuer und großer Hingabe interpretierte. Überhaupt erfüllte Beyerlin jeden einzelnen Ton, den er auf den Tasten des Klaviers anschlug, mit Leben. Es gibt Pianisten, die einfach gut spielen können, und es gibt Pianisten, die das gewisse Etwas besitzen, weil sie mit der Musik verschmelzen. Zu Letzteren gehört Jörg- Christoph Beyerlin.

Für sein Programm, das er „sozusagen grundlos vergnügt“ nannte, hatte er bekannte Stücke aus der Klavierliteratur gewählt, von Tschaikowsky über Brahms, Mozart, Debussy bis hin zu Schumanns Kinderszenen, Chopin und Liszts Liebestraum. Hier zeigte der Pianist sein Können. Er spielte das schwere Stück ausdrucksstark und kraftvoll, doch zugleich sensibel und einfühlsam. Man spürte, mit welcher Leidenschaft er das Werk interpretierte.

Es war erstaunlich und faszinierend zugleich, wie leicht unter seinen Fingern das anspruchsvolle Stück „Nocturne“ von Chopin klang. Er spulte es nicht ab wie so mancher Klavierschüler, sondern arbeitete in den rasanten Läufen immer neue Feinheiten heraus.

Nach einer kurzen Pause ging es mit Mozarts „Alla turca“ weiter. Beyerlin meisterte mühelos die schnellen Läufe. Es folgte Brahms mit dem ungarischen Tanz, und gleich darauf erklangen „Lieder ohne Worte“ von Mendelsohn- Batholdy. Gefühlvoll ging es zu Schumanns Kinderszenen „von fremden Ländern und Menschen“ über, um sich bei Schuberts „Impromptu“ so richtig auszutoben.

Zwischen den Klavierstücken trug der Pianist Gedichte von Brentano, Kästner oder auch Roth vor, die alle etwas mit Liebe zu tun hatten. In der Pause sowie am Ende des Konzertes, das die Zuhörer mit langanhaltendem Applaus belohnten, antwortete er auf Fragen von Idil Reineke. Seine Leidenschaft für die Musik habe er guten Lehrern zu verdanken, die ihn stets gefördert hätten. greg