Schriesheim

Schriesheim Podiumsdiskussion des SPD-Ortsvereins über Weinbau und Klimawandel im Goldenen Hirsch

„Dem Riesling wird es langsam zu warm“

„Vertrocknet unser Wein?“ Die Leitfrage des Abends im Restaurant „Goldener Hirsch“ klingt alarmierend. Doch für Axel Breinlinger ist das zugrundeliegende Thema nach zwei Sonnenrekordsommern in Folge naheliegend: „Schriesheim ist eine Weinstadt, und dieses Image soll verstärkt werden.“ Deshalb hatte der Chef des SPD-Ortsvereins Fachleute eingeladen, um „Folgen des Klimawandels für den Weinbau“ zu beleuchten. „Wir hoffen, damit zur Versachlichung beizutragen“, erklärt Breinlinger vor rund 60 Zuhörern.

Das Thema zieht: Mehrere Tischreihen im großen Saal sind voll besetzt. Breinlinger freut sich über so viele Interessierte, darunter Winzer aus der Stadt und der ganzen Umgebung, und über seine Podiumsgäste: Den Geschäftsführer der örtlichen Winzergenossenschaft, Harald Weiss, muss er hier kaum vorstellen. Ebenso wenig wie den seit 1994 selbstständigen Kellermeister Georg Bielig als Spross der alten Schriesheimer Winzerfamilie Hauser. Hauptrednerin ist Annette Reineke, Professorin für Pflanzenschutz an der Hochschule Geisenheim, wo Weiss einst studierte. „Der Klimawandel findet statt und bringt extreme Wetterereignisse mit sich, gegen die sich Winzer aufwändig wappnen müssen“, stellt Reineke fest.

Die Wissenschaftlerin argumentiert mit Zahlen aus Messreihen ihres Instituts und verdeutlicht die Folgen der durchschnittlichen Erwärmung mit den regelmäßig wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungserscheinungen an Reben. Demnach finden sowohl Austrieb als auch Blüte, Reifebeginn sowie letztlich ebenso die Lese inzwischen um bis zu vier Wochen früher statt als noch in den 1970er Jahren. Damit gehen Probleme einher: So steige die Gefahr von Spätfrostschäden. Schaderreger wie Mehltau würden begünstigt. Mostgewicht und Säuregehalt veränderten sich. Und: „Die Weine werden zu alkoholhaltig“, so Reineke.

Mehr Vor- als Nachteile

„Auch dem Riesling wird es langsam zu warm bei uns“, weiß die Forscherin. Die Grenzen für wärmeliebende Rebsorten wie Merlot und Cyrah verschöben sich allmählich nordwärts oder in höhergelegene Anbaugebiete. Den Klimawandel erlebt der 43-jährige Winzer Bielig als „prägend und umfassend“. Wie viele Kollegen beschäftigt ihn die Frage, wie es sich vermeiden lässt, dass Mostgewichte „durch die Decke gehen“? Die Forschung setze auf Qualitätssteigerung und nicht auf höhere Weinmengen, erklärt Reineke.

Doch muss sich der Winzer nicht nur auf das Klima, sondern auch auf Konsumenten und „in zunehmendem Maße“ auch auf die Politik einstellen: „Das ist schwierig im Moment“, wenn Bielig allein an die Düngeverordnung denke. Diese bezeichnet Reineke als „nicht zu Ende gedacht“. Auch gehöre Pflanzenschutz zum Weinbau, ob ökologisch oder konventionell. „Das beschäftigt uns in ein paar Jahren vielleicht mehr als der Klimawandel“, befürchtet Bielig.

Weiss von der Schriesheimer Winzergenossenschaft meint: „Bis jetzt haben wir im Weinbau mehr Vorteile durch den Klimawandel als Nachteile.“ Es sei jedoch „sehr viel Knowhow gefordert“. Für ihn ist eine entscheidende Frage: „Wie gehen wir mit der Wasserknappheit um?“ Doch insgesamt gelte: „Der Weinbau wird sich behaupten, denn er hat schon Jahrtausende überstanden.“