Schriesheim

Schriesheim Lora Tobias, die 1938 in die USA fliehen musste, feierte gestern ihren 90. Geburtstag

Der ersten Heimat verbunden

Archivartikel

Eine der letzten noch lebenden, ehemaligen jüdischen Bürger Schriesheims feierte gestern in den Vereinigten Staaten einen runden Geburtstag: Lora Tobias, geborne Sussmann, wurde 90 Jahre alt. Professor Joachim Maier, der seit vielen Jahren die Geschichte der Juden in Schriesheim eingehend erforscht, befasste sich auch mit dem Schicksal der Jubilarin und ließ dem „MM“ nachfolgende Informationen zukommen.

Eltern der Jubilarin waren Selma Sussmann, geborene Oppenheimer, und Ludwig Sussmann. Großvater Simon Oppenheimer war Oberhaupt einer alt eingesessenen jüdischen Familie in Schriesheim, die auf den 1653 zugewanderten Baruch zurückgeht. Die Familie lebte in der Heidelberger Straße 8 und führte ein angesehenes Geschäft für Tuch-, Manufaktur- und Eisenwaren, Konfektion und Bettfedern. Seit 1935 wurde es immer stärker boykottiert.

Lore Sussmann besuchte in Schriesheim den Kindergarten und die Volksschule. Im April 1937 wurde sie jedoch der Schule verwiesen und musste die in der damaligen Pestalozzischule Heidelberg eingerichtete „Jüdische Schulabteilung“ besuchen. Als sie 1936 das neu errichtete Waldschwimmbad besuchen wollte, wies ein Schild mit der Aufschrift „Für Juden verboten“ sie ab. Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr diese Demütigung ein Kind verletzt.

Im September 1938 konnte die Familie zusammen mit dem Großvater Simon Oppenheimer über Bremerhaven in die USA fliehen. Lore wählte jetzt den Vornamen Lora. Ihre Sehnsucht, nach einem Studium der Musik an einem Konservatorium unterrichten zu können, ließ sich nicht verwirklichen. Aber sie schloss das City College in New York mit dem Bachelor und Master in Pädagogik ab und arbeitete viele Jahre als Lehrerin. In den USA heiratete sie 1955 Sigmund Tobias. Er hatte vor der Verfolgung durch die Nazis nach Shanghai fliehen können und war später in die USA eingewandert.

Mehrere Besuche in Schriesheim

Im Mai 2003 kam Lora Tobias auf Einladung der Stadt zusammen mit Erwin Maier (1924-2013) und Martin Wimpfheimer (1932-2018) nach Schriesheim. Lebendig in Erinnerung ist bis heute die Erzählung ihrer Lebensgeschichte in der Schule und ihre Aufforderung zum Tanz beim Nachmittag der Begegnung im katholischen Gemeindehaus. Zu ihrem 80. Geburtstag machte sie der eigenen Familie ein besonderes Geschenk: Sie zeigte ihr im Sommer 2009 mehrere Tage lang ihre unvergessene erste Heimat Schriesheim.

Im Juli 2018 wurde vor dem Haus Heidelberger Straße 8 ein Stolperstein zum Gedenken an Lore Sussmann verlegt, somit an ihre Flucht erinnert. Dazu war sie, erneut mit ihrer Familie, aus den USA angereist.

Zu ihrem jetzigen „90.“ sandte Professor Maier Glückwünsche aus Schriesheim mit den hebräischen Worten für „Alles Gute“: Mazel tov!