Schriesheim

Schriesheim Im Rathaus der Weinstadt erinnert seit fast zwei Jahrzehnten ein Triptychon des Malers August Klüber an die Ereignisse vom 9. November 1989

Die Mauer fällt in kräftigen Farben

Hansjörg Höfer liest die Zeile am Kopf des Bildes vor: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Das „markiert ja eigentlich genau die Werte, die uns alle verbinden können“, sagt der Schriesheimer Bürgermeister, als er im Foyer seines Rathauses vor dem Triptychon zum Mauerfall steht. Der Schriesheimer Maler August Klüber hat das Wandbild bald nach den Ereignissen vom 9. November 1989 geschaffen. Seit mittlerweile 18 Jahren ziert es eine komplette Wand im Foyer des Rathauses der Weinstadt.

Der 2007 mit 87 Jahren verstorbene Klüber, das weiß man weit über die Grenzen Schriesheims hinaus, war ein begnadeter Künstler. Mal expressionistisch, mal abstrakt, verstand er es, seine Sicht der Dinge farbstark auf die Leinwand zu bringen. Und er war ein deutscher Patriot im guten Sinne des Wortes.

Von den Ereignissen tief bewegt

Wie Millionen seiner Landsleute verfolgt er im Herbst 1989 gerührt die Fernsehbilder von Menschen, denen Tränen der Freude in den Augen stehen. Die sich nach dem Fall der Mauer in die Arme fallen, ausgelassen den Sieg der Freiheit feiern.

Ganz Künstler, ganz Patriot, drängt es Klüber damals innerlich geradezu, seine Gefühle auf eine Leinwand zu bannen. Er setzt sich an seine Staffelei und schafft insgesamt vier große Gemälde. Als erstes den „Mauersturm“. Auf dem Bild bemächtigen sich unzählige Menschen des barbarischen Betonwerks.

Als zweites folgt das Werk mit dem programmatischen Titel „Der Wachturm oder: Morgen kauf‘ ich drüben ein“. Aus Klübers Sicht zeigt es den Gegensatz zwischen den Systemen – zwischen der zerstörten, daher in Grau gehaltenen Umwelt im Osten und der bunt daherkommenden freiheitlichen Welt im Westen. Wie schwierig die wahre Wiedervereinigung dennoch oder gerade deswegen zu erreichen ist, das will er mit dem dritten Bild verdeutlichen.

Vierter Teil für Helmut Kohl

Im Herbst 2001 übergibt Klüber diese, seine Werke als Dauer-Leihgabe an seine Heimatstadt Schriesheim, die sie seither im Foyer ihres Rathauses präsentiert. „Das Rathaus als Ort der Politik ist das richtige Forum für ein solches Werk“, erklärt der damalige Bürgermeister Peter Riehl. Nur der vierte Teil dieses Oeuvres, die „Deutsch-deutsche Umarmung“, ist in Schriesheim nicht zu sehen.

Denn eines seiner Bilder, so entscheidet der Künstler, soll jenem Staatsmann gebühren, dessen bleibendes historisches Verdienst nicht nur aus Klübers Sicht die deutsche Einheit ist: Helmut Kohl. Der Maler wählt dafür das Werk mit dem Titel „Deutsch-deutsche Umarmung“.

Es ist eine richtige Wahl. Denn „Deutsch-deutsche Umarmung“ zeigt ein junges Paar, das sich auf der Mauer innig küsst. Es sind 80 mal 100 Zentimeter sentimentaler, damit völlig unschuldiger Patriotismus.

Im August 1995 holt der unter starkem Polizeischutz anreisende Staatsminister im Kanzleramt, der aus dem Rhein-Neckar-Kreis stammende Bernd Schmidbauer, das Werk persönlich in Klübers Atelier im Schriesheimer Gewerbegebiet ab, um es in die damalige Bundeshauptstadt Bonn zu bringen. „Von nun an wird dieses Bild zwischen dem Büro des Kanzlers und meinem Büro hängen“, erklärt der damalige Koordinator der Geheimdienste, in Bonn „008“ genannt.

Dort wird das Werk Bestandteil einer Kunstausstellung zum Thema „Deutsche Einheit“, die im alten Bundeskanzleramt zu sehen ist. Präsidenten und Monarchen, die in Bonn zu Staatsbesuch sind, flanieren in jenen Jahren an diesem Werk aus Schriesheim vorbei. So lange, bis im Jahre 2001 das neue Kanzleramt in Berlin eröffnet wird. Denn das Gemälde macht den Umzug dorthin nicht mit – obwohl es doch keinen besseren Platz dafür geben könnte als gerade Berlin.

„Ich habe meine eigenen Eindrücke in diesen Bildern festgehalten“, erläutert Klüber 2001 bei der Einweihung des Triptychons im Rathaus. Dabei gehe es ihm nicht darum, Ereignisse minuziös wiederzugeben, sondern Erwartungen und Träume der Menschen darzustellen.

Für das Triptychon trifft die Charakterisierung des Meisters zu, die für sein gesamtes Werk gilt: „Ich möchte nicht schön, sondern einprägsam malen“ – nicht dem Trend einer geltenden Kunstrichtung folgen, sondern Wirkung auf den interessierten Betrachter erzielen. Dies ist ihm nicht zuletzt mit dem Triptychon „Mauerfall“ ohne Zweifel gelungen, wie jeder bestätigen kann, der das Werk betrachtet.