Schriesheim

Schriesheim Winzergenossenschaft zieht eine erste Bilanz ihrer diesjährigen Weinlese / Ergebnis: Eine um die Hälfte größere Menge mit Rekord-Qualitäten

„Die Natur hat uns reichlich beschenkt“

Archivartikel

Harald Weiss ist bekannt für seine abgewogenen Urteile. Kennzeichnungen wie „Jahrhundertwein“ oder gar – wie in diesem Sommer ja auch schon vorgekommen – „Jahrtausendwein“ sieht der Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Schriesheim daher eher skeptisch. Er selbst formuliert lieber zurückhaltend, aber dennoch hoch erfreut: „Es ist der beste Jahrgang seit langem – sowohl was Menge als auch Qualität betrifft“, betont Weiss gestern vor der Presse in einer ersten Bilanz der Weinlese 2018, die seit dem Wochenende abgeschlossen ist.

Doch dieses positive Ergebnis war bereits beim Beginn der Lese am 4. September absehbar, auch wenn sich Weiss damals noch zurückhaltend zeigte: „Ich warte lieber immer ab, bis die Trauben im Keller sind.“ Doch die Winzer haben einen sonnenreichen Sommer hinter sich: „Die Natur hat uns reichlich beschenkt“, freut sich Weiss: „Im vergangenen Jahr hatten wir ja noch mit Frost zu kämpfen“, erinnert er.

Lese immer früher

„Im Weinbau zeigen sich damit die Folgen des Klimawandels ganz deutlich“, betont Weiss: „Dadurch erfolgt die Weinlese – grob gerechnet – alle zehn Jahre um eine Woche früher.“ „In meiner Jugend“, ergänzt Aufsichtsratschef Winfried Krämer, „hatten wir noch Weinlesen, die haben Mitte Oktober begonnen und bis Mitte November gedauert.“

Im Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen Produkten – wovon wiederum WG-Vorstand Karlheinz Spieß ein Lied singen könnte, der neben Wein auch Obst anbaut – gab es bei den Trauben auch keine gravierenden negativen Auswirkungen der großen Hitze: „Die Rebe ist eine tief wurzelnde Pflanze, die sich ihr Wasser schon holt“, erläutert Krämer. Allenfalls in den Junganlagen musste zusätzlich bewässert werden.

Mangels Regens zur Unzeit gab es auch keine Fäulnis, waren die Trauben in einem ausgezeichneten Zustand, der dazu führte, dass die Lese völlig problemlos ablaufen konnte: „An keinem Tag musste sie abgesagt werden“, berichtet Weiss: „Seitdem ich in Schriesheim bin, und das sind ja auch schon einige Jahre, habe ich das noch nicht erlebt.“ Wie geplant, gingen jeden Tag drei Lastwagen in den Badischen Winzerkeller nach Breisach. Die Hitze auch während der Lese zwang aber zu schnellen Abläufen in der Kelterhalle – eine Herausforderung, die das erfahrene Team jedoch problemlos bewältigte.

1,74 Millionen Kilogramm geerntet

Entsprechend hoch war die Menge, die in diesem Jahr verzeichnet wurde: rund 1,74 Millionen Kilogramm. „Das bedeutet etwa gleich viele Flaschen“, rechnet Weiß vor. Alleine an Spätburgunder wurden in diesem Jahr mehr als eine halbe Million Kilogramm geerntet. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es insgesamt nur 1,1 Millionen, und selbst in den damals als gut gefeierten Jahrgängen 2015 und 2016 nur wenig mehr als 1,3 Millionen Kilogramm.

Doch nicht nur die Menge, auch die Qualität, ist in diesem Jahr herausragend. Selbst der Müller-Thurgau kommt auf 82 Grad Öchsle, der Spätburgunder auf 105,5 – und das im Durchschnitt! Das bedeutet, dass einzelne Partien geradezu Rekordniveau erreichen können: beim Riesling bis 99 Grad Öchsle, beim Weißburgunder bis 112, beim Grauburgunder bis 114 und beim Spätburgunder sogar bis zu 123 Grad!

Kein Spielraum für Preiserhöhung

Allerdings: Deutliche Ertragssteigerung ja nicht nur in Schriesheim bedeuten auch eine große Menge an Wein, der im nächsten Jahr auf den Markt strömt. „Da ist die Badische Weinwerbung schon gefordert“, formuliert Weiss seine Erwartung: „Wir selbst werden unseren Wein aber natürlich nicht unter Wert anbieten. Doch für Preissteigerungen fehlt allerdings auch der Spielraum.“

Aber auch, wenn in einem Jahr nicht alle Weine verkauft werden: Für Jahrgänge, in denen es mengen- und qualitätsmäßig nicht so super laufen sollte, braucht man ja auch Reserven: „Und ein Rotwein wird ohnehin nach drei bis vier Jahren richtig gut“, weiß Winfried Krämer.

Der erste Wein des jetzt geernteten Jahrgangs, weithin als Primeur bekannt, wird, wie seit 2005 bei der Schriesheimer Genossenschaft Tradition, am ersten Advent zu kaufen sein: der St. Laurent No. 1.