Schriesheim

Alternativer Festzug Trotz Absage marschieren einige Vereine doch durch die Straßen

„Die Rollen vors Rathaus“

Man sagt den Schriesheimern ja nach, sie wären ein rebellisches Völkchen. Gestern stellten sie unter Beweis, dass an diesem Urteil durchaus etwas dran ist: Kaum wurde nämlich bekannt, dass der Mathaisemarkt-Umzug wegen Unwetterwarnungen abgesagt wird, da formierte sich bereits Widerstand, besser gesagt: ein alternativer Umzug.

Los geht es in der St. Wolfgangstraße: Hier werfen die Mitglieder des SVS ihre knatternde, auf einem Handwagen platzierte Nebelmaschine an: „Mir feiern die Feschde, wie se falle“, hieß das ursprüngliche Motto des Fußballvereins, und nun wird es mit Leben gefüllt: Schick herausgeputzt in knallroten Anzügen gesellt sich ein Grüppchen der AH-Mannschaft dazu, von irgendwo schleppt jemand Bier- und Weinkisten heran, und aus der Alfred-Herbst-Straße biegt jetzt die Festzugs-Besetzung der TV-Handballer ein. Sie hätten früher mehr verschüttet als heute getrunken werde, lautet auf Hochdeutsch ihr Motto: Im Dialekt steht es noch hinten an einem Tragekorb der verkleideten Winzer.

Schnell hat sich herumgesprochen, dass es nun doch etwas zu sehen gibt auf den Straßen, und schon stehen auch die ersten Zuschauer Spalier. Sie werden nicht enttäuscht: Da gibt es einen Honoratioren im Frack und außerdem mit „Bürgermeister Süd“, Lyra-Sänger Georg Morast, ein beinahe echtes Stadtoberhaupt. Ganz zu schweigen vom himmlischen Beistand, der dem Umzug zusätzlichen Glanz verleiht: Zwei strahlende „Wagenengel“ spielen auf die verschärften Sicherheitsvorschriften an, die im Vorfeld für Unmut bei den Vereinen sorgten.

Sie spenden flüssigen „Segen“ ans Publikum, denn Traktoranhänger gibt es gestern nicht zu bewachen. Fertig dekoriert, mussten die nach der Absage wieder umkehren. Aber wohin? SVS-Vorsitzender Werner Morast überlegt: „Wenn uns gar nichts einfällt, dann stellen wir die Rollen einfach vors Rathaus.“

Heute dürften sie ihm allerdings fehlen: „Ich habe vier Hänger ausgeliehen, zwei brauche ich für die Arbeit.“ Ärgerlich sei, dass sie nun eine ganze Woche „blockiert“ seien - denn der Umzug soll am Sonntag nachgeholt werden.

Verantwortliche „aufs Riesenrad“

In der Passein wird der Zug noch länger: Hier gesellt sich „Udo Lindenberg“ alias Sportanglervereins-Vorsitzender Rainer Müller dazu, der zu fetziger Musik schon mal für ein „Panik“-Konzert im Sommer wirbt. Daneben Mitstreiter Uwe Ringelspacher mit mächtiger Krone, der freigebig die „Mathais-Schorle“, für die der Festwagen stehen sollte, ausschenkt.

„Weck, Worscht un Woi“, der Wahlspruch des MGV Eintracht, ist unschwer zu erkennen, als Sänger Jürgen Gustke mit einem schwer bepacken Einkaufswagen angefahren kommt: Ein Wienerle mit Brötchen auf die Hand, und los geht´s Richtung Festplatz. Bei den „Raubrittern“ sollte es eigentlich um Pfirsiche gehen, im Dialekt „Persching“. Doch nun sieht man Comicfigur „Deadpool“ und einen froschgrünen Muskelprotz. Fahnenschwenkend verkündet er das neue Motto der Baseballer: „Do werr isch zum Hulk!“

Wobei die meisten Schriesheimer die Absage durchaus nachvollziehen können: Er verstehe das sehr gut, sagt CDU-Fraktionssprecher Michael Mittelstädt, und auch Morast sieht das so. Doch aus den Reihen der Umzugsteilnehmer wird auch ein garstiger Vorschlag gemacht: Die Verantwortlichen gehörten alle „uffs Rieserad gehockt und festgezurrt“. Bis Sonntag.