Schriesheim

Schriesheim Der langjährige Gemeinderat verstarb in seinem 104. Lebensjahr – dort, wo er 1914 geboren wurde

Ehrenbürger Hartmann ist tot

Es ist der 23. Februar diesen Jahres. Im Rollstuhl sitzend, verfolgt er, wie seine Enkelin Sofia im Zehntkeller als Weinprinzessin vorgestellt wird, in seinem 104. Lebensjahr längst ein Denkmal seiner selbst. Dieses Jahrhundertleben, es ist nun zu Ende gegangen: Am Sonntag verstarb Schriesheims Ehrenbürger Peter Hartmann in jenem Haus, in dem er 1914 geboren wurde.

Geburtsdatum 1914 – das ist das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg ausbrach. Auf Grund seines geradezu biblischen Alters bereits als Mensch eine Ausnahmeerscheinung, war er aber auch in politischer Hinsicht ein Phänomen. Hartmann erlebte all die tiefen historischen Brüche Deutschlands im 20. Jahrhundert, gestaltete vor deren Hintergrund seine Heimatgemeinde entscheidend mit.

Seine Kraft lag in seiner Verwurzelung in Schriesheim. Keimzelle des Jubilars war „das Tal“, jene legendäre Ecke, aus der schon immer der komunalpolitische Wind wehte. Hier, im Haus Nr. 114, wurde er im europäischen Schicksalsjahr 1914 geboren, das seine Jugend prägte: Der Vater blieb im Felde, als der kleine Peter zwei Jahre jung war.

Mit 15 musste der Sohn den Vier-Hektar-Hof übernehmen. 1939, als er 25 war, kam schon wieder Krieg, aus dem er erst lange nach seinem Ende zurückkehrte – als Teil einer Generation, betrogen um ihre besten Jahre. Das Leben musste neu geordnet werden – privat, auch politisch. In einem neuen System, ohne frühere, ganz andere Prägungen.

Vier Jahrzehnte Gemeinderat

Seine Laufbahn begann 1953, als er in den Gemeinderat einzog. Schriesheim war noch ein Dorf im nicht-romantischen Sinne des Wortes, die Infrastruktur schlecht, fließend Wasser und Kanalisation nicht überall vorhanden. Die Jungen drohten den Ort zu verlassen. Baugebiete mussten her, aber die Bauern, oft Neben-Erwerber, mauerten.

Doch wer könnte die Verhandlungen besser führen als Peter Hartmann, der ihre Sprache spricht? Das erste Neubaugebiet Steinach samt Festplatz, ein Puzzle aus unzähligen Parzellen, wurde sein Meisterstück.

Das Amt des Vize-Bürgermeisters bot ihm die Bühne dafür. In Schriesheim regiert wird, so ein geflügeltes Wort zu jener Zeit, wenn Hartmann den behutsamen Wilhelm Heeger vertritt. „Das hat Spaß gemacht“, bekannte der Jubilar noch beim Gespräch zum „100.“ schmunzelnd.

Erst unter dem neuen Chef Peter Riehl wurde die Beinfreiheit des Vizes geringer. Beiden Bürgermeistern gemein war jedoch: Sie wurden von Hartmann „gemacht“, das heißt: von ihm unterstützt, weil er selbst dieses Amt nie anstrebte, obwohl er eine der einflussreichsten Persönlichkeiten vor Ort war – als Chef der Freien Wähler, deren Bedeutung damals aber weit größer war als heute.

40 Jahre saß er für sie im Gemeinderat, stolze 34 Jahre im Kreistag, für den er erst 1999, mit 85, nicht mehr antrat. Kein Wunder, dass er mit Ehren überhäuft war. Die Ehrenbürgerschaft – bevor Peter Riehl hinzu kommt, die erste, die Schriesheim vergab – ragt aus ihnen allen heraus.

Und der Privatmann Hartmann? Seine Frau, die fast 60 Jahre sein Leben teilte, starb vor elf Jahren. Ihr Verlust war das traurigste Ereignis seines Lebens, bekannte der sonst eher unsentimentale Mann einmal bei einem Gespräch spürbar bewegt.

Zum „100.“ durch den Tunnel

Überhaupt war sein natürlicher Gesichtsausdruck ernst, ja fast mürrisch. Doch diejenigen, die ihn kannten, wissen um den Charme, den er im persönlichen Umgang zu entwicklen vermochte, ja den zuweilen lausbubenhaften Schalk – und das sogar noch mit 100, als er schon kaum noch sehen und hören konnte.

Das Erreichen eines der Hauptziele, denen er sich stets verbunden fühlte, konnte er noch miterleben: den Bau des Branich-Tunnels. Stets hatte er den Wunsch geäußert, das Bauwerk noch passieren zu können. Am 21. Oktober 2014 ist es soweit: Als Geschenk zum 100. Geburtstag fährt er durch den Rohbau der Tunnelröhre. Eine Jahrhundertgestalt begegnet einem Jahrhundertbauwerk – das hatte etwas Symbolisches.