Schriesheim

Schriesheim Professor Joachim Maier erhält das Bundesverdienstkreuz am Bande / Laudatio von Ministerin Theresia Bauer

Ehrung für „klugen Leisesprecher“

Archivartikel

Es ist eine der höchsten Auszeichnungen in der Republik; entsprechend selten wird das Bundesverdienstkreuz verliehen. Zuletzt, so vermutet Bürgermeister Hansjörg Höfer, ging es an den mittlerweile verstorbenen Fritz Hartmann. Am Freitag ist Joachim Maier der Geehrte. Höfer nennt den emeritierten Professor „einen Glücksfall für Schriesheim“, weil er die Schicksale vieler einstiger jüdischen Bewohner während der Nazizeit erforschte: „Das ist gerade für die jüngere Generation unheimlich wichtig.“

Zu seinen Ehren hat die Stadt erstmals eine Beflaggung im Ratssaal aufgefahren; die deutsche, die Landesfahne und die Schriesheimer Farben hängen einträchtig hinterm Rednerpult, an das nun Wissenschaftsministerin Theresia Bauer tritt. Sie überreiche die Auszeichnung nur, stellt sie klar, verliehen wurde sie Maier von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, vorgeschlagen habe Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Ehrung.

Anregung von Kollegen

Soweit das Prozedere; die Anregung kam, erklärt Höfer im „MM“-Gespräch, von Maiers einstigen Kollegen, machte er sich doch schon als Berufstätiger stark für das Erinnern an die Opfer der Nationalsozialisten. Bauer nennt sein ehrenamtliches Engagement überdurchschnittlich und betont: „Diese Aufgabe hat sich nicht erledigt, sie wird sogar immer dringlicher.“ Nicht zuletzt, weil der Antisemitismus in Europa zunehme. Eine Studie habe festgestellt, dass 40 Prozent aller 18- bis 34-Jährigen hierzulande nichts oder wenig vom Holocaust wüssten: „Ein erschreckendes Ergebnis.“

Mit seinen Publikationen, den Gedenktafeln, Veranstaltungen und der Stolperstein-Initiative habe Maier Einzelschicksale aufgearbeitet, „die uns nicht unberührt lassen und erschreckende Einblicke in die Verfolgungspraxis des NS-Regimes geben“, bezieht sie sich auf die aktuelle Ausstellung zum Thema im Rathaus. Mehr als 40 Jahre habe Maier unermüdlich gearbeitet, um ein Zeichen gegen Vorurteile, Hass und Rassismus zu setzen, die jungen Generationen zu sensibilisieren und auch für ein tieferes Verständnis der Gegenwart zu sorgen.

Seine Dissertation schrieb er über den „Schulkampf in Baden zwischen 1933 und 1945“ und wurde 2006 ausgezeichnet, weil er mit Studenten die Kinderoper „Brundibár“ aus dem KZ Theresienstadt neu inszenierte. „Ein wunderbares Beispiel für seine Herangehensweise“, lobt Bauer und sagt: „Er ist kein Laut-, sondern ein kluger Leisesprecher.“

„Kann nicht endlos dabei sein“

Dass ihn der Staat geehrt habe, sagt Maier in seiner Dankesrede, sei ein Zeichen dafür, dass dieser die aktive Teilhabe seiner Bürger brauche und darauf vertraue – Voraussetzung für das Wachsen einer Kultur der Erinnerung auf der Basis von Freiwilligkeit. Zuvor stellt er seine Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland dar und die Anfänge des Gedenkens.

Er könne „nicht endlos dabei sein“, sagt der 73-Jährige: „Ich will mich anstrengen, dass der Prozess des Erinnerns auch ohne mich weitergeht.“ Für Gattin Hildegard gibt es Blumen.