Schriesheim

Schriesheim Vor 166 Jahren wanderte eine Landwirtsfamilie nach Australien aus / Diese Redaktion begibt sich auf Spurensuche

Ein einsames Grab am anderen Ende der Welt

Struppiges Unkraut wächst auf den Hügeln; oben liegen ein paar Gräber, weitläufig verteilt in der verlassenen Landschaft. „Gone but not forgotten“, steht auf einem Stein, „verstorben, aber nicht vergessen“ – das mag man angesichts der Einsamkeit kaum glauben. Gleichwohl ist die kleine Anlage Ausgangspunkt einer Spurensuche, die Gerlinde Kluger einmal um die ganze Welt führte.

Die gebürtige Deutsche lebt seit 1954 in Australien und unternahm im März eine Reise nach New South Wales, wo der Friedhof und ein restauriertes Rathaus zu den Überresten der Geisterstadt Kiandra gehören. In Australien würden Gräber nie entfernt, berichtet Kluger. Es sei aber auch nicht üblich, die Grabstätten von Verwandten nach der Beerdigung wieder zu besuchen. So sind die Friedhöfe oft sich selbst überlassen; Grabsteine fallen um, manchmal laufen wilde Ziegen oder Kängurus dort herum. Kluger kümmert sich um die Gräber ihrer Familie, und bei einem Spaziergang durch das leere, Anfang des Jahres noch durch Buschbrände heimgesuchte Kiandra beschloss sie, mehr über die Frau herauszufinden, die hier bestattet ist.

Reise mit dem Segelschiff

Sie hieß Catherine Johanna Wortz und lebte vom 1. Juni 1846 bis zum 11. August 1913. Dass Letzteres so fehlerhaft war wie der Geburtsort Baden-Baden, wurde im Lauf der Recherchen klar, die diese Redaktion begleitete und ergänzte. An ihrem Ende erhielt die Tote auf dem verlassenen Friedhof nicht nur wieder ein Gesicht, sondern auch eine Lebensgeschichte, eine Familie, Nachkommen – und hat möglicherweise sogar Verwandte in Schriesheim.

Ihr Leben begann nämlich in dem einstigen Dorf als Katharina, Tochter von Anna geborene Bauer und Georg Weidner. Sie war das jüngste von vier Kindern einer Landwirtsfamilie, die sich im Jahr 1854 auf die beschwerliche Reise nach Australien machte. Im 19. Jahrhundert war es üblich, dass sich die Einwohner zuvor in ihren Heimatgemeinden abmeldeten, und so blieben lange, oftmals aber nicht vollständige Auswandererlisten erhalten.

Die Familie buchte eine Passage auf dem Segelschiff Victoria, das um den 20. Dezember 1854 in Melbourne anlegte. Katharina war acht, als sie Deutschland verließ, ihre Schwester Margareta 17, Elisabeth zehn und Bruder Peter 21. Die Familie zog nach Norden und ließ sich in Albury nieder, wo Katharina neun Jahre lang lebte. Mit nur 17 Jahren, am 8. Dezember 1863, heiratete das Mädchen. Über die Identität des Bräutigams gibt es Zweifel: Einmal wird ein 28-jähriger Farmer Phillip Wirz genannt, einmal Charles Cleveland Campbell Henry Heathcote McGregor Angelo. Letzterer übertrug einige seiner zahlreichen Namen auf den Erstgeborenen Charles, der 1864 zur Welt kam.

Aus dem Nachnamen Wirz wurde Wortz, aus dem Mädchennamen Weidner Witner, und aus dem Geburtsort Schriesheim Baden-Baden; Ungenauigkeiten oder Schreibweisen, die an die englische Sprache angepasst wurden, mögen zur Verwirrung beigetragen haben. Fest steht aber, dass Katharina als junge Ehefrau nach Kiandra zog, das in diesen Jahren ein rasch wachsendes, aufblühendes Städtchen in den Snowy Mountains war. 1859 wurde dort Gold gefunden, und bis zum Ende der Prospektion wurden knapp 49 000 Kilo des Edelmetalls geschürft. Hotels, Geschäfte und eine Poststation entstanden, bis zu 10 000 Menschen lebten hier, darunter zehn Prozent Chinesen.

1868 lernte Katharina den chinesischen Geschäftsmann Tom Ah Yan kennen, mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenlebte – als „de facto-Ehefrau“, wie es damals verschämt hieß. Die beiden hatten acht gemeinsame Kinder, von denen zwei, Minnie und ein Sohn, früh verstarben. Die übrigen, Henry George, Frank William, Barbara Ellen, Catherine Margaret Elizabeth, Mary Ann und Emily Theresa, dürften das Erwachsenenalter erreicht haben.

Kluger knüpfte Kontakte, etwa zu Phyllis Dowling, deren Großmutter in Kiandra aufwuchs, oder zu Ross Ball, der mit Katharinas Schwiegertochter Sarah verwandt ist; beide vervollständigten das Bild der Familie. Yan sei ein wohlhabender, geachteter Mann gewesen, der im Ort mehrere Läden führte, darunter einen für Süßigkeiten. Rassismus war indes an der Tagesordnung; Chinesen durften nur außerhalb des Orts leben. Man zündete ihre Zelte an, wollte ihren Zuzug beschränken. In der Folgezeit sank ihre Zahl von 450 im Jahr 1861 auf 150 (1872).

Einbürgerung kommt zu spät

Tom Yan blieb – jedenfalls, so lange seine Lebensgefährtin noch am Leben war. Katharinas letzte Jahre waren beschwerlich; sie litt unter „senilem Verfall“, wie nach ihrem Tod geschrieben wurde, und war wegen Rheuma bettlägerig. Trotzdem beantragte sie die Einbürgerung, doch dafür war es zu spät: Am 18. August 1912 starb Katharina; durch einen Zeitungsbericht von der Trauerfeier ist dieses Datum überliefert. Einen Tag später traf die Einbürgerungs-Urkunde ein. Yan ging später zurück nach China; er starb 80-jährig 1925 in Kanton. Kiandra verfiel später; der letzte Bewohner zog 1974 weg – heute ist hier ein Nationalpark.

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