Schriesheim

Schriesheim Kunsthandwerklicher Weihnachtsmarkt zum 21. Mal in der Weinscheuer Majer

Ein Fest für alle Sinne

Archivartikel

Schon die Namen klingen wie Poesie. Märchen von Lavendeltraum, ein Himmelsschlüssel auf Erden, armenisches Räucherpapier, der Duft von selbst gebranntem Himbeergeist in der Luft, der sich vermischt mit dem Duft nach tiefem Wald aus der Ecke der Adventskranzbinder, der Weihnachtsstollen als Kuchen mit Schokoladenglasur oder in italienischer Tradition mit Haselnusscreme nach Art des Panettone.

Es gibt Märchenkörbe, strahlende große Kindsaugen, die von der Flamme des Glasbläsers genauso fasziniert sind wie von der Frage, wie die Löcher denn nun ins Glas kommen, Backrauch-Schinken mit Honig-Kräuter-Kruste und ein trockener 2018er Viognier vom Kuhberg: Sie ist einfach ein Fest der Sinne, die 21. Auflage des Kunsthandwerklichen Weihnachtsmarktes Schriesheim in der Weinscheuer Majer.

Lernen wie das Produkt entsteht

„Das Handwerk wird hier aufgeführt“, wie Christiane Majer erklärt. Die Lese ist eingefahren, der neue Wein reift ruhig in den Fässern, die Weinscheuer ihres Weingutes verwandelt sich dann traditionell in einen Weihnachtsmarkt besonderer Art: „Hier wird alles frisch gemacht, die Leute können sehen, wie ein handwerkliches Produkt entsteht.“ Es geht ihr nicht nur darum, ein Produkt anzubieten, sondern auch zu zeigen, wie es hergestellt wird. Und wenn es nur der Schnaps ist.

Helmut Koch vom Heldenhof öffnet seine kleine Tischbrennerei, rührt in den heißen Himbeeren, erfreut sich am Duft. Und an dem, was am Ende als kondensierter Schnaps in sein Glas tropft. Der Schein von zahlreichen Teelichtern taucht nicht nur seinen Tisch und die vielen Flaschen und Gläschen in traumhaftes Licht, unzählige Kerzen beleuchten die ganze Scheuer, machen sie zum optischen Gesamtkunstwerk.

Doch nicht alle sehen das so. Isabel und Norman sitzen derweil im stockfinsteren Keller der Scheuer, aber auch eine Kerze würde hier nicht für Licht sorgen. Isabel und Norman kennen kein Licht, sie kennen nur Dunkel, denn sie sind seit Geburt blind. Wer die beiden in der Dunkelheit besucht, wird – für eine gewisse Zeit – auch blind, denn es ist stockfinster im Keller, es macht keinen Unterschied, ob man die Augen geöffnet hat oder sie verschließt.

Isabel liest in der Finsternis ihre zwei liebsten Weihnachtsgeschichten, die von Pelle und die von Heinrich. Ganz leise rauscht dabei ihr Finger über die Blindenschrift. Und Norman spielt im Anschluss noch Weihnachtslieder, die alle in völliger Dunkelheit mitsingen – so sehen und feiern Blinde Weihnachten.

Die eigene Welt ist danach nicht mehr so, wie sie vorher noch war. Wenn sich die Augen der Besucher wieder an das Licht gewöhnt haben, dann erscheint der wundschöne Weihnachtsmarkt der Sinne in einem anderen, fast merkwürdigen Licht, eine Mischung aus Dankbarkeit und Achtsamkeit überkommt einen. Und er Glühwein tut gut. dle