Schriesheim

Schriesheim Winzergenossenschaft startet ihre Lese mit der Rotweinsorte St. Laurent / Vorsitzender Karlheinz Spieß erwartet einen guten Jahrgang

„Ein Pokern mit den Oechsle-Graden“

Karlheinz Spieß ist erleichtert. „Als ich am Vormittag Richtung Mannheim dicke Wolken gesehen habe“, berichtet der Vorsitzende der Winzergenossenschaft, „da habe ich gedacht: Die Weinlese fängt ja gut an.“ Denn bei Regen hätte sie bereits am ersten Tag abgesagt werden müssen. Doch an der Bergstraße bleibt es bei einem kurzen Nieseln – optimaler Start der Ernte 2020 für einen Jahrgang, der ebenfalls viel verspricht.

Dieser optimale Start der Lese entspricht dem bislang weitgehend sorgenfreien Verlauf des Winzerjahres 2020. Dramatische Wetterereignisse der Vorjahre wie lange Hitze oder Hagel bleiben aus. Das einzig Negative sind die vereinzelten Stark-regen. „Die treffen nicht alle Lagen gleichmäßig, sondern einzelne sehr konzentriert“, erläutert Spieß: „Das trifft besonders die Riesling-Trauben mit ihrer dünnen Haut.“

Sogar die Kirschessigfliege, die den Schriesheimern vor einigen Jahren noch kräftig zusetzt, ist in diesem Jahr kein Problem mehr: „Ihr war es einfach zu trocken“, sagt Hartmut Haas, der Stellvertreter von Spieß.

Menge und Qualität abwägen

Nach vielen Messungen hat der aus Spieß, Haas und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Winfried Krämer bestehende Herbstausschuss den Start der Lese auf diesen Donnerstag festgesetzt. „Die Festlegung eines solchen Termins ist immer ein Pokern mit den Oechsle-Graden“, schmunzelt Spieß: „Es gilt, Quantität und Qualität in Einklang zu bringen.“

Soll heißen: Die Lese darf nicht zu früh starten, sonst sind die Trauben ja noch nicht reif. Allerdings dürfen sie auch nicht zu reif sein, denn dann verlieren sie an Gewicht. Und vom Badischen Winzerkeller Breisach, in dem die Schriesheimer ihren Wein ausbauen lassen, werden sie sowohl nach Kilogramm als auch nach Oechsle-Graden entlohnt.

Die Witterung beim Lesebeginn ist geradezu ideal: morgens kühl, den Tag über weitgehend trocken. „Jetzt ist es sogar fast schon wieder zu warm“, sagt Spieß beim Ortstermin mit dem „MM“ am Kelterhaus in der Porphyrstraße. Nicht so sehr für die Lesekräfte, sondern für die Trauben: „Wenn die im Bottich liegen und die Sonne knallt drauf, dann fangen sie an zu kochen“, erläutert er: „Das will man natürlich nicht.“

Begonnen wird die Lese mit der Sorte St. Laurent. „Das ist die Sorte, die am frühesten reif ist“, begründet Spieß. Nur sechs WG-Mitglieder bauen sie an. „Das reicht aber, um den Bedarf der WG zu decken“, sagt Spieß, mit Haas und Krämer selbst unter den St. Laurent-Winzern.

Alle haben ihre Anbauflächen an der Lage Kuhberg. Spieß und Haas beginnen beide am Morgen gegen halb neun mit der Lese und sind zum Mittag fertig. Beide arbeiten an diesem Tag vor allem mit Verwandten und Freunden. „Bei mir ist das schon Stammpersonal“, schmunzelt Haas. „Ehrenamtliche statt ausländische Hilfskräfte“, betont Spieß. Probleme mit Erntehelfern auf Grund von Corona haben die zwei daher nicht.

Gelesen wird auf den Flächen der beiden übrigens per Hand. „Das ist beim St. Laurent einfach so“, sagt Haas. Die Bottiche mit den Trauben gehen noch am selben Tag zum Badischen Winzerkeller nach Breisach, wo sie verarbeitet werden. „28 Bottiche kann ein Lkw fassen“, so Haas.

In den nächsten Tagen geht es dann mit dem Müller-Thurgau weiter. Dabei wird dann auch der Vollernter genutzt. Zwei Exemplare davon sind bei der Schriesheimer Genossenschaft im Einsatz. Einer gehört Winfried Krämer, der zweite fährt gegen Honorar und wird Winzern, die ihn nutzen möchten, nach Koordination durch die WG zur Verfügung gestellt. Und noch ein Unterschied zu St. Laurent: Die Müller-Trauben werden vor Ort in Schriesheim gepresst und dann mit Tankwagen nach Breisach gefahren.

Hartmut Haas rechnet auch diesmal mit 21 bis 25 Herbsttagen. Wieviel dabei heraus kommt – 2019 sind es 1,3 Millionen Kilogramm – kann erst am Ende gesagt werden. Die Qualität jedoch scheint bereits jetzt vielversprechend: Die Messungen des St. Laurent zum Lesestart ergeben einen für diese Sorte erfreulichen Wert von 82 Grad Oechsle.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/schriesheim