Schriesheim

Schriesheim Die heute 95-jährige Elisabeth Löffler wurde 1944 Filialleiterin und 1953 erster weiblicher Bank-Vorstand

Eine Frau, die schon früh ihren Mann stehen musste

Archivartikel

Sanft streicht Elisabeth Löffler mit ihrer Hand über den Stoff. "Dieses Sofa hat mein Vater bezogen, als ich zwölf Jahre alt war", erzählt die heute 95-jährige Dame. Seit mehr als 80 Jahren ist dieses Möbelstück nun also schon im Besitz ihrer Familie.

Nur eines der vielen Erlebnisse, welche die Zeitspanne offenbaren, die diese Schriesheimerin erlebt hat. In anderen Punkten hat sie sogar Stadtgeschichte geschrieben: 1944 tritt sie hier als erste Frau an die Spitze der Filiale der heutigen Volksbank Kurpfalz, 1953 wird sie deren erstes weibliches Vorstandsmitglied.

Doch was Manchem als Erfolg von Emanzipation erscheinen mag, ist eher das Ergebnis des Schicksals, das es mit Elisabeth Löffler nicht immer gut meint. 1922 erblickt sie, eine geborene Böckel, in Schriesheim das Licht der Welt. Ihr Vater ist Sattler, erblindet jedoch allmählich. "Bei Außenterminen musste ich ihn immer begleiten und für ihn ausmessen", berichtet sie. "Darum weiß ich noch heute genau, wer damals in Schriesheim ein Pferd besaß."

Während des Krieges wird in ihrer Nähe eine Wehrmachtseinheit einquartiert. Einen dieser Soldaten, den aus Heilbronn stammenden Ernst Löffler, lernt sie bei einem Tanzabend kennen. Auch nachdem er abrückt, hält er brieflich Kontakt.

Auf einem kurzen Heimaturlaub heiraten die beiden am 11. März 1944 - sie knapp 22, er 26. Doch bereits zwei Monate drauf wird er an der Ostfront schwer verwundet; seine Frau erfährt davon nichts. Denn zunächst gilt er als verschollen. Erst vor Weihnachten 1945 erfährt sie von seinem Tod - nach anderthalb Jahren quälender Ungewissheit. "Meines Wissens bin ich heute die letzte noch lebende Kriegerwitwe in Schriesheim", seufzt sie traurig.

In die Verantwortung gestellt

Ab Frühsommer 1944 steht sie alleine im Leben. Da macht man der gelernten Einzelhandelskauffrau ein Angebot: Der Rechner der Spar- und Darlehenskasse, Vorgängerin der heutigen Volksbank, ist eingezogen - ob sie nicht seine Nachfolge antreten will. Elisabeth Löffler greift zu, leitet fortan die kleine Filiale der Bank, damals in der Talstraße.

Der Alltag ist längst vom Krieg geprägt. Wenn sie in Heidelberg Bargeldbestände holt, macht sie das mit dem Fahrrad. "Mit der OEG war es zu gefährlich, weil die von den amerikanischen Jagdbombern beschossen wurde." So radelt sie regelmäßig mit 25 000 Reichsmark auf dem Gepäckträger von Heidelberg nach Schriesheim. Dort kommt die letzte Rate jedoch nicht mehr zur Auszahlung an die Kunden. Denn Ende März 1945 marschieren die Amerikaner ein. Sie verschließt das Geld im Tresor.

Einige Tage nach dieser Besetzung tauchen bei ihr zu Hause in der Heidelberger Straße zwei US-Soldaten auf. "Das Gewehr hatten sie umgehängt", erinnert sie sich noch genau. Die beiden GIs nehmen die junge Frau zwischen sich, führen sie in die Bank, lassen sich das Geld zeigen, zählen - und legen es zur Verwunderung Löfflers wieder in den Tresor zurück, den sie verschließen.

Ein tiefer Einschnitt ist die Währungsreform 1948. "Überall, von Weinheim bis nach Altenbach, bin ich herumgefahren und hab' die alten, wertlos gewordenen Reichsmarkscheine eingesammelt", erzählt sie. Dann der große Tag: die Auszahlung jener 60 neuen D-Mark, die jeder Deutsche damals erhält.

Auch vor ihrer Filiale steht eine lange Schlange. "Manche haben geweint, manche geschimpft, dass sie für ihr altes Geld nur so wenig neues bekamen." Doch rückwirkend betrachtet ist dies der Anfang vom Wiederaufstieg Deutschlands - und der Volksbank: 1954 wird in der Friedrichstraße eine neue Filiale gebaut. Für dieses Wachstum wird Elisabeth Löffler gebührende Anerkennung zu Teil: Sie wird das erste weibliche Vorstandsmitglied und leitet fortan gemeinsam mit dem heutigen Ehrenbürger Peter Hartmann das Institut.

1970 zieht die Bank erneut um - in die Heidelberger Straße ins Weihrauch'sche Haus, wie man es damals nennt. Das heutige Kaffeehaus.

Was hat sich verändert? "Als ich anfing, haben wir alles im Kopf oder auf dem Papier berechnet", erzählt sie und rattert gekonnt die Rechenformel herunter: "Kapitalhundertstel mal Tage geteilt durch Zinsteiler." Eingetragen wird alles in sogenannte "Journale": "Die waren so breit wie dieser Tisch." Erst später werden elektrische Rechenmaschine und Maschinenbuchhaltung eingeführt.

1977 geht sie in Pension, vor 40 Jahren. Gerade wurde sie zu diesem Jubiläum von der Bank geehrt - als Personifizierung ihrer Geschichte.